Eine Frau arbeitet im Homeoffice.
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In Hessen wächst der Zuspruch für das Arbeiten im Homeoffice. (Symbolfoto)

Studie der Barmer

Neue Arbeitskultur durch Corona? So denken die Hessen über die Arbeit im Homeoffice

In Hessen sinkt die Zustimmung zur Präsenzarbeit, Homeoffice erhält hingegen mehr Zuspruch. Zu diesem Ergebnis kommt die Barmer-Krankenkasse in ihrer Studie „social health@work“.

Hessen - „Die repräsentative Befragung von 8000 Beschäftigten zeigt, dass Führungskräfte und Angestellte ihre Haltung zur Arbeit im Büro geändert haben“, schreibt die Barmer in ihrer Auswertung. Demnach gaben mehr als die Hälfte - 52,2 Prozent - im Juli 2020 noch an, dass in ihrem Unternehmen grundsätzlich viel Wert auf Anwesenheit im Büro gelegt wurde. Ein halbes Jahr später waren es aber nur noch 40,4 Prozent.

„Unter hessischen Beschäftigten fiel auch die Zustimmung zur Aussage, dass die Führungskraft viel Wert auf die Anwesenheit der Teammitglieder im Büro legt, von 54,3 Prozent auf 47,4 Prozent“, führt Thorsten Noll, Hauptgeschäftsführer der Barmer in Nord- und Mittelhessen, weiter aus. Wichtig sei es nun allerdings, die neue Arbeitskultur mit Blick auf die Gesundheit der Beschäftigten aktiv zu gestalten, schreibt die Barmer. (Lesen Sie hier: Was bleibt nach der Corona-Pandemie?)

Corona: Neue Arbeitskultur? So denken die Hessen über Homeoffice

Vor der Pandemie haben laut Studie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchschnittlich 15,9 Stunden pro Woche mobil gearbeitet. Während der Pandemie wuchs die Zahl demnach auf 35,7 Stunden an. 56,1 Prozent der Beschäftigten konnten ihren Büroarbeiten auch ohne festen Arbeitsplatz nachkommen.

Aus dieser Gruppe gaben 92 Prozent an, im Homeoffice zu arbeiten. Bei der Barmer-Studie zeigten sich deutliche Unterschiede, in welchen Bundesländern die Befragten eine besonders hohe Präsenzkultur empfinden. Waren es im Saarland 62,1 Prozent, so ist in Hamburg Homeoffice offenbar fast eine Selbstverständlichkeit (nur 36,9 Prozent Zustimmung). Nur knapp dahinter: Hessen mit 40,4 Prozent.

Die sogenannte Work-Life-Balance werde von mobil Beschäftigten zunehmend positiv eingeschätzt. „Ob diese Grenzziehung gelingt, hängt jedoch stark vom Geschlecht und Familienstatus der Befragten ab“, stellt die Barmer fest. Gaben im Sommer 2020 noch gut 50 Prozent der Mütter an, gut zwischen Arbeits- und Freizeitbereich trennen zu können, stieg dieser Wert im Frühjahr 2021 auf fast 55 Prozent.

Bei Frauen ohne Kinder fiel dieser Wert hingegen im gleichen Zeitraum um mehr als fünf Prozent. Besonders gut schneiden dabei Frauen mit nur einem Kind ab. Ihre Zustimmung ist um fast elf Prozent gestiegen. Aber auch bei Müttern mit zwei oder mehr Kindern setzt sich der Aufwärtstrend fort.

Sind alle zur Rückkehr ins Büro verpflichtet?

„Wenn man es auf einen einfachen Nenner bringen möchte, dann lautet die Antwort ,Ja‘“, bewertet Rechtswissenschaftler Prof. André Niedostadek die Lage. Die Homeoffice-Pflicht war eine an die Bundesnotbremse gekoppelte Sonderregelung. Und sie war nur für einen begrenzten Zeitraum gedacht, nun sei die Pflicht nach dem Infektionsschutzgesetz „passé“.
„Ein bisschen ist es wie beim Spiel Monopoly: Da gibt es ja auch die Karte ,Gehe zurück auf Los‘. Und so heißt es ,Gehe zurück ins Büro‘, wenn Unternehmen diese Karte ziehen“, so der Arbeitsrechtsexperte von der Hochschule Harz.
Uneingeschränkt gilt das aber nicht. Unternehmen können das Arbeiten im Homeoffice auf freiwilliger Basis weiter ermöglichen. Da, wo es vor Corona schon eine Homeoffice-Vereinbarung gab, sei diese auch nach wie vor wirksam, so Niedostadek.

Grundsätzlich signalisierten die Antworten der Männer allerdings, dass sie besser räumlich zwischen Familie und Arbeit trennen können. Sie stimmen Aussagen wie „Beim mobilen Arbeiten trenne ich meinen Arbeits- und Familienbereich räumlich klar voneinander ab“ rund 18 Prozent häufiger als Frauen zu.

„Das Homeoffice scheint auch alte und unzeitgemäße Rollenmuster reaktiviert zu haben. Frauen schätzen ihre Situation zwar zunehmend positiv ein, müssen aber stärker als Männer Beruf und Care-Arbeit vereinen. Gesellschaftlich und auch arbeitsweltlich brauchen wir deshalb starke Impulse für Gleichstellung in neuen Arbeitswelten“, fordert Noll.

Video: Große Mehrheit der Deutschen für Recht auf Homeoffice auch nach Corona

Die Studie gebe zudem Hinweise, dass ein Übermaß an mobiler Arbeit und physischer Distanz zur Arbeitsstätte die soziale Zugehörigkeit und Chancengleichheit gefährdet. Fragen nach Ausgrenzung, fehlender Gesellschaft und Einsamkeit beantworteten mobil Arbeitende durchweg häufiger zustimmend als nicht-mobil arbeitende Kolleginnen und Kollegen. „23,5 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice geben an, sich von anderen isoliert zu fühlen, annähernd einem Drittel der mobil Beschäftigten fehlt nach eigener Auskunft Gesellschaft“, erklärt Noll. (Lesen Sie auch: Schnelles Internet im ländlichen Raum: Wie Unternehmen, Ärzte und die Landwirtschaft davon profitieren)

Klar im Vorteil seien Beschäftigte, die in die neue Arbeitswelt bereits hohe Digitalkompetenz und Erfahrung mitgebracht haben. „Wer im Homeoffice arbeitet und bereits ausgeprägte Digitalkompetenz mitbringt, ist laut der Befragung physisch und psychisch arbeitsfähiger sowie annähernd 14 Prozent produktiver als Kolleginnen und Kollegen mit niedriger Digitalkompetenz“, ergänzt Noll. Beschäftigte, die ihre Digitalkompetenz als gering einschätzen, seien hingegen um 18 Prozent häufiger von Schlafstörungen betroffen. (dk)

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