Ein Fahrer sitzt im Taxi.
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Die örtlichen Taxifahrer bieten die „taxOMobil“-Fahrten an und verdienen so noch etwas hinzu.

Fulda und Main-Kinzig-Kreis

ÖPNV, Bürgerbus, E-Car-Sharing: Was sich Menschen auf dem Land einfallen lassen, um mobil zu bleiben

ÖPNV – also Öffentlicher Personen-Nahverkehr – erschöpft sich auf dem Land nicht im Angebot von Bus und Bahn. Im Laufe der Jahre gab es viele Ideen und Modelle, den Nahverkehr gerade in den Randzeiten, wo noch weniger los ist als sonst, neu zu erfinden: Manche Ideen schlugen ein, manche eher nicht.

Hessen - In Freigericht, rund zehn Kilometer südlich von Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis) gelegen, ist beim Thema Mobilität Eigeninitiative gefragt. Wenn am Wochenende vor allem die jungen Menschen in die nur wenige Kilometer entfernte Kreisstadt gelangen wollen, gibt der ÖPNV kaum Möglichkeiten her.

„Das ist eine absolute Katastrophe. Busse kann man hier sowieso vergessen oder maximal für den Hinweg nutzen“, berichtet ein 23-jähriger Freigerichter. Auch bei Taxis sehe es schlecht aus, da die Unternehmen wegen des fehlenden Nahverkehrsangebots gerade freitags und samstags oft überlastet seien.

Hessen: ÖPNV oder E-Car-Sharing: Was sich Menschen auf dem Land einfallen lassen, um mobil zu bleiben

Deshalb organisieren sich die jungen Freigerichter meist selbst. Wer am Wochenende nichts trinkt, spielt den Taxifahrer für die Freunde – meist sogar bis in die frühen Morgenstunden hinein. Eine Möglichkeit, mit der sich viele junge Menschen aus kleinen Ortschaften arrangieren müssen. (Lesen Sie auch hier: Mobilitätswende: Zahlreiche Demonstranten schieben Fahrräder durch Fulda)

Die Mobilitätsgarantie wie im Odenwald (Hessen) ist in Freigericht noch nicht gegeben. Seit 2019 hat sich das Modell „Garantiert mobil“ im Odenwald als „absolute Erfolgsgeschichte“ erwiesen. Marius Schwabe ist Geschäftsführer der Odenwald-Regional-Gesellschaft mbH (Oreg), die unter anderem den Nahverkehr organisiert.

Das Projekt will zeigen, dass man auch in einer ländlichen Region mit den Mitteln der Digitalisierung „on demand“ (auf Abruf) mobil sein kann. Den Kern bildet die Mobilitätsgarantie: Der Fahrgast kann darauf vertrauen, dass er im Odenwaldkreis montags bis freitags zwischen 5 und 22 Uhr (samstags ab 6, sonntags ab 8 Uhr) von jeder Ortschaft in das nächste Unterzentrum und immer auch in das Mittelzentrum Eschbach/Michelstadt gefahren wird.

Die Garantie gilt auf den Strecken, die dem Verlauf der Buslinien entsprechen. In der Regel wird dem Fahrgast die Busfahrt empfohlen, die er über die App wie alle anderen Verbindungen finden, buchen und bezahlen kann. Fährt zum gewünschten Zeitpunkt kein Bus ins nächste Unterzentrum, wird dem Fahrgast eine sogenannte „taxOMobil“-Fahrt angeboten, die vom örtlichen Taxi- und Mietwagengewerbe durchgeführt werden. Bedingung: Die Fahrt muss 60 Minuten vorher gebucht worden sein.

Video: Trampen oder Öffentlicher Nahverkehr: Wie kommt man schneller voran? Ein Selbstversuch

Angezeigt werden auch sogenannte Mitnahmefahrten von Privatleuten, die zum selben Zeitpunkt auf derselben Strecke unterwegs sind. Die Fahrt kostet den üblichen RMV-Tarif sowie einen entfernungsabhängigen Zuschlag, der von jeder Kommune im Odenwaldkreis zur Hälfte bezuschusst wird. Außerdem können verschiedene Rabatte fürs Frühbuchen oder Schüler und Senioren abgezogen werden.

„Das ist eine attraktive Geschichte“, sagte Schwabe. „Trotz Orientierung am Fahrplan bin ich individuell unterwegs von jedem Stadtteil oder Dorf weg und auch wieder zurück.“ Der Reiz des Projekts ist nach seiner Überzeugung, dass hier das On-Demand-Modell eingebettet werde in den klassischen ÖPNV.

Serie „Landleben“

Dieser Text ist im Zuge der Serie „Landleben“ in der gedruckten Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom 2. Juli 2021) erschienen. Alle Beiträge aus der Serie, die das (Land-)Leben zwischen Rhön, Vogelsberg und Spessart beleuchtet, finden Sie im E-Paper von Fuldaer Zeitung, Hünfelder Zeitung, Kinzigtal Nachrichten und Schlitzer Bote. Ebenfalls in der Serie „Landleben“ ist folgender Artikel erschienen: Kaum Bauplätze im Kreis Fulda: So wollen die Kommunen Baulücken schließen und Leerstände bekämpfen

Zurück in den Main-Kinzig-Kreis: Hier sollte eine App sollte den Mobilitätsproblemen entgegenwirken. Das Netzwerk Flinc vermittelte private Mitfahrgelegenheiten. Viele Menschen fahren täglich dieselbe Strecke, ohne voneinander zu wissen. Das wollte die App Flinc ändern. Nach der Eingabe von Start und Ziel und der gewünschten Abfahrtszeit wurden mögliche Fahrer angezeigt, deren Fahrtangebot auf die Suchkriterien passt.

In der App wurden auch verfügbare Bus- und Bahnverbindungen aufgeführt. Wegen dieser Verknüpfung mit dem ÖPNV sah der damalige Kreisbeigeordnete im Mainz-Kinzig-Kreis, Matthias Zach (Grüne), in dem Mitfahrnetzwerk „ein Medium der Zukunft für den Spessart“. 2014 erhielt Flinc die Auszeichnung der Deutschen Bahn für Start-ups im Mobilitätsbereich, ein Jahr zuvor war es als „Fortbewegungsmittel des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Der Hofbieberer Bürgerbus hat sich in Corona-Zeiten bewährt: Hier holt der ehrenamtliche Fahrer Jürgen Trapp (links) Peter Braun mit seinen Einkäufen am Edeka-Markt ab.

Nachdem Mercedes 2017 die Firma übernommen hatte, wurde Ende 2018 das Aus für die Plattform vollzogen. Heute wird Flinc noch im Bereich der Mitarbeiter-Mobilität eingesetzt. Mit einigen Monaten Verzögerung hatte Mitte Juni auch der Fahrgastbetrieb eines autonom fahrenden Pendelbusses in der Kurstadt Bad Soden-Salmünster begonnen.

Während weiter Projekte wie das Teilen eines Elektro-Autos (E-Car-Sharing) in Lautertal erst scheiterten, zu einem späteren Zeitpunkt aber doch angenommen wurden, gibt es Angebote wie den Bürgerbus in Hofbieber im Landkreis Fulda, die auf Anhieb funktionieren.

Mobilitätsprobleme auf dem Land: Bürgerbus in Hofbieber fährt mobilitätseingeschränkte Personen

Seit gut zwei Jahren ist der Bürgerbus unterwegs. Den Bus anfordern dürfen mobilitätseingeschränkte Personen – meist sind das Senioren, aber auch der Fußballer, der sich ein Bein gebrochen hat. Wer aus einem Ortsteil zum Einkaufen, zur Physiotherapie oder zum Seniorennachmittag in den Kernort oder zum Arzt nach Fulda, Hünfeld und Gersfeld gefahren werden möchte, der ruft frühzeitig Cornelia Hagemann an.

Sie koordiniert im Auftrag der Stiftung „Kommunales Netzwerk Humandienste Hofbieber“ (KNHH) die kostenlosen Fahrten und hat bislang immer eine Lösung gefunden. Im ersten Jahr kamen 200 Fahrten zusammen, im Corona-Jahr 2020 waren es 652 und dieses Jahr bereits 457.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg sei nicht nur, dass die Gemeinde 100-prozentig dahinter stehe, sondern dass es keine festen Routen gebe. Die Menschen könnten die Fahrten individuell vereinbaren. Der Bus selbst wurde vom Land finanziert. Nach fünf Jahren übernimmt ihn die Gemeinde und trägt die Restraten. Der Betrieb finanziert sich aus Spenden, Stiftungsgeldern, Werbung und der Vermietung des Busses an Hofbieberer Vereine. (ag, mln, tim)

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