Heide Hillmer vor ihrem Wohnhaus am 5 August 2021.
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Viele kennen das Haus wohl nur als Waffel- oder Bauernladen. Doch dies ist auch das Geburtshaus von Heide Hillmer. Dort wohnt sie mit ihrem erwachsenen Sohn bis heute. Damit sind sie die einzigen Bewohner der Wasserkuppe.

Seit Geburt 1944

Einzige Bewohner der Wasserkuppe: Heide Hillmer und ihr Sohn leben auf höchstem Berg in Hessen

  • Jessica Vey
    VonJessica Vey
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Das beliebteste Ausflugsziel unserer Region ist das Zuhause von Heide Hillmer (76): Sie und ihr Sohn (52) sind die einzigen, die auf der Wasserkuppe in der Rhön ihren Wohnsitz haben. Hillmer wurde sogar auf Hessens höchstem Berg geboren.

Wasserkuppe - Heide Hillmers Leben begann turbulent. Ihre Mutter sollte im damaligen Krankenhaus in Tann entbinden. Doch dort gab es Fliegeralarm – es war Oktober 1944 und damit mitten im Zweiten Weltkrieg. „Meine Mutter hatte die Info erhalten, sie solle bloß nicht kommen“, weiß Hillmer. Deshalb war es zwangsläufig eine Hausgeburt – auf fast 950 Höhenmetern.

Es gab Komplikationen. „Aber kaum ein Arzt war bereit, auf die Wasserkuppe zu kommen“, weiß die heute 76-Jährige. Denn nur einige Monate zuvor, an Pfingsten 1944, forderte ein Bombenangriff 13 Menschenleben. Vielen war es zu gefährlich, in dieser Zeit auf den Berg in Hessen zu kommen. Es sei dann ein Sanitäter gewesen, der ihrer Mutter wohl das Leben rettete, wie sie erzählt.

Rhön: Die einzigen Bewohner der Wasserkuppe sind Heide Hillmer und ihr Sohn

Heide Hillmer ist stolz auf ihren Geburtsort. Ihrer Kenntnis nach sind Jens Peters, dessen Großeltern das Hotel Peterchens Mondfahrt auf dem Berg erbaut haben, und sie die beiden einzigen, die auf der Wasserkuppe das Licht der Welt erblickt haben. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt sie. In ihrem Ausweis steht als Geburtsort Obernhausen. Die Wasserkuppe gehörte damals zu dem heutigen Gersfelder Stadtteil, der eine eigene Gemeinde war.

In ihrem Geburtshaus, Baujahr 1924, wohnt sie bis heute. Besucher kennen das Gebäude, das auf dem Weg in Richtung der Sommerrodelbahnen liegt, wohl besser als Bauernladen beziehungsweise Waffelhaus, welche von Hillmers Pächtern betrieben werden. (Lesen Sie hier: Bundespolizei übt Hubschrauber-Manöver in Hünfeld und auf der Wasserkuppe)

Auch wenn die 76-Jährige heute das Leben auf dem Berg in vollen Zügen genießt, als Kind fühlte sie sich oft einsam. Das Leben als Einzelkind auf der ansonsten unbewohnten Wasserkuppe war hart, erzählt die 76-Jährige. Keine Geschwister, keine Nachbarskinder. „Ich war oft unglücklich“, gesteht sie. Auch der Winter auf 950 Höhenmetern war ihr damals verhasst. Auf Holz-Skiern musste sie ins etwas tiefer gelegene Obernhausen fahren, wo sie zur Schule ging. „Der Heimweg wieder hoch auf den Berg war schrecklich anstrengend. Damals habe ich die Wasserkuppe nicht gemocht“, gesteht sie.

Auch als Jugendliche konnte sie sich mit dem Leben auf dem Berg nicht anfreunden. „Mir fehlten Gleichaltrige. Als junges Mädchen wollte man ja was erleben“, betont sie. Was dann folgte, waren arbeitsreiche Jahre in der Gastronomie. Zunächst hat Hillmer im Hotel Deutscher Flieger auf der Wasserkuppe mitgearbeitet. Denn: Ihre Großeltern haben es 1924 gebaut. Wenn sie von ihnen erzählt, leuchten ihre Augen. Sie ist sichtlich stolz auf das, was ihre Großeltern geschaffen haben. Sie gehörten zu den ersten, die auf der Wasserkuppe Gebäude errichtet haben – kurz nachdem die Segelflieger den Berg für sich entdeckt hatten.

Nachdem sie 26 Jahre im Hotel Deutscher Flieger gearbeitet hat, eröffnete Heide Hillmer ihren eigenen Laden: die Geschenkboutique in der Ladenstraße auf der Wasserkuppe.

So kommt es, dass Hillmer in dritter Generation auf dem Berg wohnt. Das Hotel verkaufte ihre Mutter in den 80er Jahren. Danach wollte Heide Hillmer nichts mehr von 60-Stunden-Wochen wissen. Schließlich eröffnete sie einen kleinen Laden – die heutige Geschenkboutique – nur wenige Schritte von ihrer Haustür entfernt.

Heute ist sie glücklich. Ein paar Stunden am Tag begrüßt die 76-Jährige die Stammkundschaft in ihrem Laden: „So habe ich oft Menschen um mich herum.“ Den Winter mag die 76-Jährige indes immer noch nicht allzu gern. Früher waren sie auf der Wasserkuppe sogar mal eingeschneit. „Das ist aber schon lange her. Die Winter auf der Kuppe sind heute nicht mehr so hart wie damals.“

Dennoch dauere die kalte Jahreszeit auf dem Berg sehr lange. Ob sie sich in dieser dunklen Zeit abends auch mal fürchte, wenn die Touristenmassen abgezogen sind und der Berg menschenleer ist? „Nachdem die Amerikaner damals nicht mehr Wache gehalten haben und Patrouille gelaufen sind, habe ich mich schon manchmal gegruselt. Aber heute habe ich ja meistens meinen Hund dabei“, sagt die 76-Jährige und lacht. (Lesen Sie auch: Urlaubsziel Rhön: Darum lockt das Mittelgebirge immer mehr Touristen in die Region)

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Morgens und abends führt sie ihren Hund aus – ihre täglichen Runden führen stets um das Radom auf dem Gipfel, außer wenn die Wege im Winter bei Schnee nicht begehbar sind. Sie schwärmt von ihrem Heimatort: „Ich liebe diesen Berg. Die Wolkenbildungen, die Sonnenauf- und die Sonnenuntergänge und die unglaubliche Weitsicht.“

Auch wenn immer mehr Touristen die Wasserkuppe für sich entdecken, so kennt Hillmer auch die ruhigen und entlegenen Ecken abseits des Trubels. „Die Natur und die Ruhe hier oben, das ist unglaublich wertvoll“, betont sie. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen.“ Immer wenn sie vom Theater aus Meiningen, aus Fulda oder von einer Urlaubsreise zurückkommt, freue sie sich, „heimzukommen auf die Kuppe“.

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