Zurück zu alten Wegen: Das Schreiben nach Gehör wird an Hessens Schulen abgeschafft. Stattdessen wird wieder der „Fibelansatz“ verfolgt.
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Zurück zu alten Wegen: Das Schreiben nach Gehör wird an Hessens Schulen abgeschafft. Stattdessen wird wieder der „Fibelansatz“ verfolgt.

Rückkehr zum alten Ansatz

Schädlich für das Lernen? - Hessens Schulen schaffen Schreiben nach Gehör ab

  • Lisa Krause
    VonLisa Krause
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„Wier ale lärnen jez Schraiben“ - Ein Paradebeispiel für „Schreiben nach Gehör“ – eine Lernmethode, die schon lange umstritten ist. Für Hessens Schulen wurde sie nun abgeschafft. 

Hessen - Beim „Schreiben nach Gehör“ oder wie man ebenfalls sagt „Lesen durch Schreiben“ schreiben Kinder die Wörter zunächst so, wie sie sie hören – etwa „Fata“ statt „Vater“, „Fogel“ statt „Vogel“ oder „Sone“ statt „Sonne“. Korrekturen sollen in den ersten zwei Jahren nicht stattfinden, damit die Schüler die Freude am Schreiben nicht verlieren – so die Intention des Reformpädagogen Jürgen Reichen, welcher die Methode in den 80er-Jahren entwickelt hat.

Er ging davon aus, dass Kinder umso mehr lernen, je weniger sie belehrt werden. Erst einmal kein schlechter Ansatz. Doch seit Jahren streiten Pädagogen, Wissenschaftler und auch Eltern über diese Methode. Einige machen sie sogar für die miese Rechtschreibung vieler Schüler verantwortlich. (Lesen Sie hier: Eltern aus Fulda fordern Luftfilteranlagen in Schulen)

Hessen: Schreiben nach Gehör abgeschafft - Das sagt eine Expertin

Das untermauert auch eine Studie der Universität Bonn. Deren Ergebnis besagt, dass von Schülern der Lernmethode „Schreiben nach Gehör“ im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler gemacht werden, als von Kindern, die mit der Fibel-Methode gelernt haben. Für dieses Ergebnis wurden 3000 Schüler in ihrer Grundschulzeit begleitet.

Alle, die das Lesen und Schreiben mit der Fibel – ein Schulbuch für Erstklässler, auch als ABC-Buch bekannt – erlernen, haben es mit der Schrift laut der Studie wesentlich leichter. Mit dieser sogenannten Fibel werden einzelne Sätze in Worte aufgeteilt, die wiederum in Einzellaute zersetzt werden und dann einem Buchstaben zugeordnet werden. Zu einer Verwechselung der einzelnen Vokale und Konsonanten kommt es daraufhin wesentlich seltener.

Viele Bundesländer hatten sich in den vergangenen Jahren bereits dazu entschieden, die umstrittene Methode „Schreiben nach Gehör“ aus den Schulen zu verbannen. Und Hessen hat nun nachgezogen. Bereits vom nächsten Schuljahr an darf „Schreiben nach Gehör“ nicht mehr angewandt werden.

ist Schreiben nach Gehör schädlich? Expertin von Methode nicht überzeugt

Laut Anastasia Frederkindt, Leiterin des Instituts LOS in Fulda (Lehrinstituts für Orthographie und Sprachkompetenz), ist das eine richtige und vor allem dringend notwendige Entscheidung. „Diese Art des Schreibenlernens ist nur schädlich. Wie sollen Kinder etwas lernen, wenn sie nicht korrigiert werden?

Hält nicht viel vom Schreiben nach Gehör: Anastasia Frederkindt.

Stattdessen prägt sich ein falsch geschriebenes Wort durch häufiges Wiederholen immer mehr ein“, ist sich die Expertin sicher und ergänzt: „Die Methode ‚Schreiben nach Gehör‘ legt dem Kind nahe, dass es schreiben kann, wie es möchte. Nach zwei Jahren gilt das dann aber nicht mehr, da es plötzlich Regeln gibt. Das ist nur verwirrend“, findet Frederkindt.

Methoden

• Das „Schreiben nach „Gehör“, das auch „Lesen durch Schreiben“ genannt wird. Hierbei schreiben Kinder so, wie sie die Worte hören und meinen zu verstehen. Bis zur dritten Klasse sollte keine Korrektur erfolgen, um Frust zu vermeiden. Kinder sollen selbstständig reflektieren und feststellen, wie Wörter korrekt geschrieben werden und Sätze gebildet werden.

• Die „Rechtschreibwerkstatt“, bei der Kinder selbstständig die Prozesse des Schreibenlernens durchlaufen, ohne dass sie eine feste Abfolge oder zeitliche Vorgaben vorgegeben bekommen. Sie soll besonders gut binnendifferenziert eingesetzt werden können.

• Der „systematische Fibelansatz“, bei dem im Klassenverband schrittweise und strukturiert die Rechtschreibung erprobt und einzelne Wörter und Buchstaben eingeführt werden.

Sie erklärt, dass es für das Erlernen eines Wortes etwa zehn Wiederholungen braucht. Um jedoch ein falsch erlerntes Wort wieder zu berichtigen, bedarf es rund 50 Wiederholungen. Das mache deutlich, wie schwerwiegend sich eine solche Lernmethode auf die weitere Sprachentwicklung auswirken könne.

Video: Wenn Sie Ihr Kind loben, verbessern Sie seine akademischen Leistungen

Geht es nach Jürgen Reichert, sollen Kinder sich zunächst auf ihr Gehör verlassen und nicht von Eltern oder Lehrern korrigiert werden. Der Gedanke dahinter: Schüler würden schnell demotiviert, wenn sie immer wieder auf Fehler hingewiesen würden. Dieses Argument konnte Anastasia Frederkindt allerdings noch nie verstehen. „Bringt man einem Kind nach und nach und mit viel Freude und Verständnis das Schreiben bei, kann es natürlich auch korrigiert werden. Das eine schließt das andere nicht aus. Kinder wollen lernen. Und Kinder wollen keine Fehler machen. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, dass ein Kind Spaß am Schreiben hat“, weiß die Expertin. (Lesen Sie hier: Masken, Abstand, Urlaub - Was bleibt in Schulen nach der Corona-Pandemie?)

Neue Regeln in Hessen

Das hessische Kultusministerium hat die Regeln im Deutschunterricht verschärft. So sollen Schüler künftig eine verbundene Schreibschrift lernen, in jedem Schuljahr mindestens ein ganzes Buch im Unterricht lesen und beim Verlassen der Grundschule einen Wortschatz von 850 Wörtern beherrschen. In der vierten Klasse gibt es eine zusätzliche Deutschstunde.

Schreiben nach Gehör scheint zudem insbesondere für Legastheniker, Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und Kindern mit fremdsprachlichen Migrationshintergrund problematisch zu sein. „Diese Kinder benötigen viel mehr Anleitung als ein Kind, dem es leichtfällt. Neigt ein Kind also bereits dazu, etwas falsch zu schreiben, verschlimmert solch eine Lernmethode nur die Situation. Das Schreibenlernen wird dann schlicht zu einer Aufgabe, die nicht zu bewältigen ist.“

Sicher, die Methode habe auch ihre guten Seiten. So lernten Kinder etwa, sich schnell zu verständigen und zügig Sätze zu formulieren. Aber was bringe das, wenn diese Sätze voller Fehler seien. „Dieser vermeintliche Pluspunkt rechtfertigt das „Schreiben nach Gehör“ nicht.“ Bislang war es an Grundschulen in Hessen den Lehrkräften weitgehend überlassen, wie und mit welcher Methode sie das Schreiben beibringen.

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