Früher fuhren viele Pendler ins Rhein-Main-Gebiet.
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Früher fuhren viele Pendler ins Rhein-Main-Gebiet. Doch nach dem Mauerfall entwickelte sich Osthessen zum gefragten Wirtschafts- und Wohnstandort.

Boom nach Mauerfall

IHK-Pendlerstatistiken: So hat sich der Wirtschaftsstandort Osthessen entwickelt

  • Tim Bachmann
    VonTim Bachmann
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  • Volker Nies
    Volker Nies
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Mit dem Fall der Mauer vor gut 30 Jahren begann für Osthessen ein bemerkenswerter Wirtschaftsboom. Das Wachstum bei Bevölkerung, Arbeitsplätzen und im Tourismus liegt deutlich über dem Bundesschnitt. Das ehemalige Zonenrandgebiet entwickelt sich prächtig.

Region - Im geteilten Deutschland, weit weg von den Wirtschaftszentren der Bundesrepublik, hatten es osthessische Firmen schwer. Deshalb gewährte der Bund Betrieben und Kommunen die sogenannte Zonenrandförderung. In Osthessen gehörten die Altkreise Fulda, Hünfeld, Hersfeld, Lauterbach und Schlüchtern sowie die Stadt Fulda zum Zonenrandgebiet.

Jeden Morgen verließen Tausende Beschäftigte die Region, um auswärts zu arbeiten. Besonders viele Pendler fuhren ins Rhein-Main-Gebiet. Viele Bewohner zog es ins Ballungsgebiet. Doch als am 9. November 1989 die Mauer fiel, hatte das gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaftslage in Osthessen.

Hessen: Osthessen wird zum Top-Wirtschaftsstandort - Boom nach Mauerfall

Die Region entwickelte sich zum gefragten Wirtschafts- und Wohnstandort: die Landkreise Fulda und Main-Kinzig gewannen viele Einwohner. Der Vogelsberg hingegen büßte einige ein. Heute weist der Kreis mit seinen gut 100.000 Einwohnern einen stark negativen Pendlersaldo auf.

8765 Einpendlern stehen im Vogelsbergkreis 18118 Auspendler gegenüber. Rund 4000 (und damit die meisten Auspendler) arbeiten im Kreis Fulda, 3500 in Gießen. Täglich sind etwa 40.000 Bewohner des Kreises unterwegs zu ihren Arbeitsplätzen, davon etwa ein Drittel innerhalb der 19 Kommunen des Vogelsbergkreises (Binnenpendler). Trotz dieser Zahlen versteht sich der Kreis als „wirtschaftsstark in der Mitte Hessens“ – so heißt es auf der Internetseite.

IHK-Pendlerstatistiken: Früher pendelten Viele ins Rhein-Main-Gebiet. Doch nach dem Mauerfall entwickelte sich Osthessen zum gefragten Wirtschafts- und Wohnstandort.

Damals entpuppte sich das wirtschaftliche Wachstum für die meisten Landkreise als ein Strohfeuer. Die hiesige Wirtschaft jedoch „boomt“ seither weiter. Denn Osthessen ist durch die Einheit in die Mitte Deutschlands gerückt und per Auto und Bahn gut zu erreichen.

Unternehmen im Kreis Fulda

Die Unternehmen im Kreis Fulda wachsen und wachsen: 2014 beschäftigten sie 88.000 Mitarbeiter. Das sind zwölf Prozent mehr als fünf Jahre zuvor – ein Rekord. Erstmals kamen damals mehr als 20.000 Arbeitskräfte als Pendler in den Kreis. Inzwischen ist diese Zahl um weitere 10 Prozent auf etwa 22.000 angewachsen.

Die Pendlerzahlen zeigen die Wirtschaftskraft der Region auf – nicht erst seit gestern. Bis zum Mauerfall 1989 haben deutlich mehr Arbeitskräfte aus dem Zonenrand-Kreis Fulda außerhalb des Kreises gearbeitet als Arbeitskräfte nach Fulda, Hünfeld, Neuhof & Co. einpendelten. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert.

Weil die Wirtschaft im Kreis Fulda brummt, zieht sie Arbeitskräfte aus den Nachbarkreisen an. Einzig in Bezug auf die Altkreise Schlüchtern, Gelnhausen, Hanau (-165) sowie dem Rhein-Main-Gebiet (-2623) hat der Landkreis Fulda noch einen negativen Pendlersaldo zu verzeichnen.

„Gerade in Kommunen im Main-Kinzig-Kreis, die von einer direkten Autobahnanbindung oder einer guten Schienenanbindung profitieren, entstehen zunehmend Arbeitsplätze“, stellt Selina Lukas, Mitarbeiterin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, fest. Auch die an vielen Stellen bereits ausgebaute Breitbandanbindung schaffe mehr Arbeitsplätze in der Region. Diese neuen Arbeitsplätze im Main-Kinzig-Kreis sorgen für weniger Pendler.

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Dass die Wohnraumpreise zum Beispiel im Rhein-Main-Gebiet durch die Decke schießen, lässt sich auch an den Nachfragen an Grundstücken zwischen Bad Soden-Salmünster und Eiterfeld ablesen, denn immer mehr Menschen, die im Rhein-Main-Gebiet arbeiten, suchen bezahlbaren Wohnraum in Osthessen. Und immer mehr Osthessen suchen und finden Arbeitsplätze in der Region, berichtet Dr. Gunther Quidde, IHK-Hauptgeschäftsführer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern. (Lesen Sie hier: Main-Kinzig-Kreis: Immobilien-Boom setzt sich fort - Verkauf von Grundstücken und Eigenheimen steigt)

Arbeitsplätze im Main-Kinzig-Kreis

Die Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass viele Pendler aus dem östlichen Main-Kinzig-Kreis seit 2013 nicht mehr so weit fahren müssen, sondern näher gelegene Arbeitsplätze gefunden haben. So ist zum Beispiel die Zahl der Auspendler innerhalb der Kreisgrenzen aus Bad Soden-Salmünster nach Hanau um 13,9 Prozent oder aus Schlüchtern nach Frankfurt um 8,4 Prozent gesunken. Die Beschäftigten aus Schlüchtern zieht es eher weiter in den Osten nach Fulda (441 – ein Plus von 33,2 Prozent). Auch nach Flieden im Landkreis Fulda (110) oder Neuhof (87) pendeln viele. Für die Auspendler aus Steinau schafft es Frankfurt nicht mal mehr unter die „Top 5“ der größten Pendlerziele. 2013 lag Frankfurt noch auf dem dritten Platz. Stattdessen gibt es Bewegungen innerhalb des Bergwinkels: Beschäftigte aus Steinau zieht es mehr nach Schlüchtern (537, gegenüber 2013 ein Plus von 15,5 Prozent) oder Bad Soden-Salmünster (394, +7,1 Prozent). 

Ins selbe Horn stößt Christoph Burkard, Regionalmanager und Geschäftsführer der Region Fulda Wirtschaftsförderungsgesellschaft: „Wir haben uns seit dem Mauerfall von einer Auspendler- zur Einpendlerregion entwickelt.“

Serie „Landleben“

Dieser Text ist im Zuge der Serie „Landleben“ in der gedruckten Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom 2. Juli 2021) erschienen. Alle Beiträge aus der Serie, die das (Land-)Leben zwischen Rhön, Vogelsberg und Spessart beleuchtet, finden Sie im E-Paper von Fuldaer Zeitung, Hünfelder Zeitung, Kinzigtal Nachrichten und Schlitzer Bote. Ebenfalls in der Serie „Landleben“ ist folgender Artikel erschienen: ÖPNV, Bürgerbus, E-Car-Sharing: Was sich Menschen auf dem Land einfallen lassen, um mobil zu bleiben

Und was bringt die Zukunft? „Mittel- und langfristig wird die ‚Demografie-Keule‘ zuschlagen und der Wirtschaft einen massiven Fachkräftemangel bescheren. Bis zum Jahr 2035 könnte das Angebot an Fachkräften um 28 Prozent zurückgehen. Das besorgt uns ernsthaft, denn unsere gut ausgebildeten Fachkräfte machen die regionale Wirtschaft stark“, warnt der Hauptgeschäftsführer der IHK-Fulda, Michael Konow.

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