Das evangelische Vereinshaus am Heinrich-von-Bibra-Platz wurde vor 75 Jahren zerstört. / Foto: Stadtarchiv Fulda

Heute vor 75 Jahren: Ein Blutbad im Schlossgarten

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Genau 75 Jahre ist es her, dass der letzte große Luftangriff im Zweiten Weltkrieg Fulda erschütterte. Mehr als 150 Menschen starben am 25. März 1945. Eine Woche später eroberten die Amerikaner Fulda.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Am 23. März 1945 hatten die US-Truppen erstmals den Rhein überquert – und zogen danach im Eiltempo durch Deutschland. Am 25. März hatten sie bereits Darmstadt und Aschaffenburg eingenommen. „Die deutsche Verteidigung war zusammengebrochen, die Wehrmacht befand sich auf dem Rückzug. Die Amerikaner trafen auf nahezu keinen Widerstand“, erklärt der Regionalhistoriker Günter Sagan, der etliche Bücher zum Kriegsende und zum Luftkrieg in Osthessen geschrieben hat.

Die US-Armee wollte schnellstmöglich Thüringen erreichen, weil dort das letzte Aufgebot Hitlers vermutet wurde. Um die Wehrmacht weiter zu schwächen, sollte der Nachschub unterbunden werden. „Dafür war es nötig, die Bahnhöfe anzugreifen“, sagt Sagan. Den Fuldaer Bahnhof machten sie als entscheidende „Eisenbahnverkehrsdrehscheibe“ aus, so Sagan.

Kommunikation komplett zusammengebrochen

Am Nachmittag des 25. März – Palmsonntag – griffen sie in mehreren Wellen an: erst um 16.27 Uhr, dann um 16.50 Uhr und schließlich um 17.02 Uhr. Insgesamt 106 Flugzeuge bombardierten Fulda und warfen fast 900 Bomben über der Stadt ab. „Es war strahlender Sonnenschein, hervorragende Sichtbedingungen für die Piloten. Die Maschinen konnten so niedrig fliegen und genau zielen wie noch nie zuvor – eine Luftabwehr gab es in Fulda nicht“, erläutert Sagan.

Die Fuldaer ahnten zu dem Zeitpunkt nicht, was auf sie zukommen würde. „Allen war klar: Der Ami kommt. Aber wann und wo genau, das wusste niemand, selbst die deutschen Soldaten nicht. Die Kommunikation war komplett zusammengebrochen“, erklärt der Heimatforscher. Diese Ahnungslosigkeit wurde den Menschen zum Verhängnis: Denn den vermeintlich schönen Frühlingstag nutzten viele für einen Spaziergang im Schlossgarten und eine Rast im Offizierscasino am Heinrich-von-Bibra-Platz (dort ist heute das Behördenhaus beziehungsweise die ehemalige Hauptpost).

Leichen erst Monate später geborgen

Der Fliegeralarm ertönte gerade einmal sechs Minuten vor dem ersten Angriff – für viele zu spät, um den Waidesbunker oder den Bunker in der Unionbrauerei zu erreichen. Das Viertel rund um die Bahnanlagen – Kurfürstenstraße, Buttlarstraße, Leipziger Straße, Heinrich-von-Bibra-Platz, Schlossgarten – wurde von den Bomben verwüstet. Der Bahnhof, das evangelische Vereinshaus, das Offizierscasino und zahlreiche Wohngebäude wurden zerstört.

Mindestens 153 Menschen starben bei den Angriffen am 25. März. Manche Leichen wurden erst Monate später geborgen. „Am Kriegsende herrschte reines Chaos. Man hatte andere Sorgen, als die Trümmer aufzuräumen, und hat sich aufs Allernötigste, etwa die Wiederherstellung der Wasserversorgung, beschränkt“, weiß Sagan.

Es war der letzte Luftangriff mit Todesopfern in der Region Fulda. Kriegsentscheidend seien diese Bombenabwürfe nicht mehr gewesen, meint Günter Sagan. Denn die Amerikaner eroberten Fulda nur eine Woche später – da lag die Stadt noch in Trümmern.

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