Bilder die erschrecken: David Altheide aus Rasdorf und Steffen Suppes aus Hofbieber waren als freiwillige Helfer im Hochwassergebiet.
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Bilder, die erschrecken: David Altheide aus Rasdorf und Steffen Suppes aus Hofbieber waren als freiwillige Helfer im Hochwassergebiet.

Im Westen Deutschlands

Krisentouristen und Plünderer: Fußballer aus Osthessen erzählen vom Einsatz im Hochwassergebiet

  • Johannes Götze
    VonJohannes Götze
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David Altheide und Steffen Suppes wollten nicht wegsehen, sondern helfen. Die beiden dem Fußball verbundenen Osthessen waren Krisenhelfer bei der Flutkatastrophe – und machten schockierende Erfahrungen.

Hofbieber/Rasdorf - „Das macht etwas mit dir. Ich habe schon viele Ehrenämter ausgeübt, habe beispielsweise in einem Kinderhospiz gearbeitet. Aber dass ich weinen musste, immer wieder Gänsehaut bekomme, das kannte ich von mir bislang nicht. Ich bin mir sicher, dass ganz viele freiwillige Helfer noch lange traumatisiert sein werden.“ David Altheide aus Rasdorf hat in Ahrweiler drei Tage lang als Krisenhelfer die Menschen vor Ort bei der Verpflegung unterstützt. Dabei hat er Geschichten aufgeschnappt und Dinge gesehen, die ihn nachhaltig beschäftigen. (Lesen Sie hier: Tief Bernd richtet riesige Schäden im Westen Deutschlands an)

Um all das zu verarbeiten, hat Altheide Tagebuch geführt – öffentlich auf seiner Facebook-Seite. Eindrücklich schildert er dort seinen Aufenthalt und er zieht Resümee. Über allem steht Angst. Angst vor einem neuerlichen Versagen. „Aus diesem offensichtlichen Organisationschaos und dem Warn-Versagen muss man lernen. Es kann einfach nicht sein, dass Jungs und Mädels im Ernstfall Hufe scharrend nicht helfen dürfen, weil irgendwelche Befehlsstrukturen nicht funktionieren. Es gilt, Prioritäten zu setzen.“

Hochwasser: Krisentouristen und Plünderer im Flutgebiet unterwegs

Altheide zählt Beispiele auf und berichtet von Unterredungen mit Einsatzkräften von THW, DRK und Bundeswehr: „Alle bestätigten ein unglaubliches Führungs- und Kompetenzchaos.“ So haben am Einsatzzentrum am Nürburgring 300 Fahrzeuge strahlend in der Sonne gestanden, aber Einsatzbefehle blieben aus und ganze Züge seien unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren.

Gleichzeitig aber seien in unserem vergleichsweise gut erreichbaren Ort noch immer Menschen auf eigenen Fäkalien liegend in irgendwelchen Kellern durch Zufall entdeckt worden. „Nicht zu fassen, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Und nicht verwunderlich, dass das bei freiwilligen Schlammwühlern und Bürgern völliges Unverständnis hervorrief.“ (Lesen Sie auch: Mutter und Tochter aus dem Main-Kinzig-Kreis helfen im Flutgebiet)

Bilder der Zerstörung: David Altheide war im Krisengebiet im Einsatz.

Die völlige Zerstörung ganzer Orte hat Altheide noch nicht annähernd verdaut. Nicht nur er fühlte sich an ein Kriegsgebiet erinnert – selbst gestandene Bundeswehrsoldaten riefen ihm zu, dass sie solch ein Ausmaß nicht einmal in Kriegsgebieten gesehen hätten. Wie viele Existenzen zerstört wurden, wie lange der Wiederaufbau andauern wird? Altheide will keine Vermutungen aufstellen – aber er hofft, dass sich etwas ändert.

Physisch und Psychisch am Limit - Einsatz im Hochwassergebiet zehrt an den Helfern

Auch Steffen Suppes aus Hofbieber (Fulda) hat Erlebnisse im Katastrophengebiet gesammelt. „Ich weiß jetzt sehr genau, weshalb Helfer in Krisengebieten nach drei Tagen ausgetauscht werden. Nicht nur die physische, sondern vor allem die psychische Belastung ist unwahrscheinlich groß“, sagt er. Drei Tage war er als freiwilliger Helfer in Iversheim aktiv. Er hat in einem Trupp mit Soldaten und Feuerwehrleuten, die sich ebenfalls freiwillig in das Flutgebiet aufgemacht hatten, angepackt. Suppes hat Bäume gefällt, Gullideckel freigelegt, Straßen freigeräumt, zerstörte Keller entrümpelt.

Heimgekehrt ist der 36-Jährige mit Wut im Bauch. Wut auf die Regierung, die nicht genügend unterstützen würde und sich im Umgang mit der Flutkatastrophe Fehler zuhauf geleistet hätte. Heimgekehrt ist er mit einem neuen Blick auf Polizei, Bundespolizei und Bundeswehr. Freiwillige so weit das Auge reicht hatten sich aus diesen Institutionen aufgemacht, waren hilfsbereit und gaben ihr letztes Hemd für schnelle Hilfe. Heimgekehrt ist er mit Albträumen.

Steffen Suppes war ebenfalls im Krisengebiet als Helfer tätig.

„Wenn ich in der Arbeit vertieft war, kamen keine Gedanken an das, was da eigentlich passiert ist. Aber wenn ich kurz eine Trinkpause eingelegt habe oder nach einem langen Tag im Bett gelandet bin, dann kamen ganz automatisch Bilder und schlimme Geschichten von Einzelschicksalen, die ich im Vorbeigehen aufgeschnappt habe. Da habe ich mir gewünscht, ganz schnell einzuschlafen. In der Gewissheit, dass genauso schnell die Albträume kommen werden.“

Video: Viele Tote: Menschen in Ahrweiler traumatisiert - Euronews am Abend vom 29. Juli

Erstaunlich fand Suppes die Stimmung vor Ort. Von Wut war nichts zu spüren, „weil dafür gar keine Zeit blieb“. Vielmehr herrschte auch in seinem Trupp eine angenehme Stimmung. Abends nach Feierabend wurde bei einem Bier noch gemeinschaftlich gesungen. Anders, sagt er, seien solche Erlebnisse für den Moment nicht zu verarbeiten. Wie lange er selbst noch daran zu knabbern hat, vermag Suppes nicht zu beurteilen.

Tagelang hatte der selbstständige Handwerker seine Fahrt ins Krisengebiet vorbereitet. Über einen Messenger-Dienst Kontakte in das Gebiet geknüpft, Hilfsmittel organisiert und sich eine Unterkunft in Bad Münstereifel besorgt. Über Feldwege hatte er sich lotsen lassen – und zwei bis ihm dahin unbekannte Helfer mitgenommen. Diese stellten sich als „Krisentouristen“ heraus. „Eine Schande“, nennt Suppes das – und ließ das Hersfelder Pärchen einfach stehen. (Lesen Sie auch: Hilfe für Flutopfer - Rhöner Feuerwehren sammeln Spenden im Wert von 40.000 Euro)

Aberdutzende solcher Menschen hatte er vor Ort gesehen. Genau wie Plünderer. Ebenfalls Dinge, die er verarbeiten muss – und doch fällt er ein Urteil, das versöhnlicher kaum sein kann: „Viele Deutsche zeigen durch Spenden oder Hilfe vor Ort, dass sie in Krisenzeiten eng beieinanderstehen.“ Suppes will erneut helfen, dann in Ahrweiler, und kann sich als vierfacher Vater der vollen Unterstützung seiner Freundin Janette gewiss sein.

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