Im Winter 2019 besuchte Anna Depenbusch Fulda, um ihre Tour zu promoten. Corona war noch kein Thema.
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Im Winter 2019 besuchte Anna Depenbusch Fulda, um ihre Tour zu promoten. Corona war da noch kein Thema.

Im Interview

„Fulda spielt für mich eine große Rolle“: Anna Depenbusch über Corona, ihr Album und Naturwissenschaften

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Gerade war ihr Album „Echtzeit“ fertig geworden, die Tour dazu stand an. Das Eröffnungskonzert fand statt - am 12. März 2020 in der Fuldaer Orangerie. Dann kam für Anna Depenbusch (43) die Vollbremsung. Was das in ihr auslöste und wie es anschließend weiterging, erzählt sie im Gespräch.

Fulda - Ein Jahr Corona: Was bedeutet das für die Kulturszene? Wir haben bei Künstlern, Veranstaltern und Museumsleitern mal nachgefragt. Dabei waren bereits: Frontmann von Edguy und Avantasia Tobias Sammet, Björn Both Frontmann der Folk-Rocker von Santiano und Sänger, Songschreiber und Musicaldarsteller Friedrich Rau.

Frau Depenbusch, Ihr Konzert in der Orangerie war die letzte große Veranstaltung, die in Fulda vor dem ersten Lockdown stattfand. Erinnern Sie sich daran?
Auf jeden Fall. Denn Fulda spielt für mich emotional eine ganz große Rolle. Es war nicht nur das erste, sondern gleichzeitig auch das letzte Konzert. Ein Tourauftakt hat immer etwas Feierliches, und ich bin so froh, dass es wenigstens dieses eine Konzert gegeben hat, bei dem ich spüren konnte, wie mein neues Album funktioniert. 
Dann kam die Vollbremsung.
Wir wären das ganze letzte Jahr auf Tour gewesen. Es gab einen Tag des Ausharrens, und zwar in Fulda. Das war der Tag nach dem Konzert, wir saßen alle im Hotel und wussten nicht, ob es mit der Tour weitergeht oder ob wir zurück nach Hause müssen. Dann kam die Ansage, dass kein weiteres Konzert mehr stattfinden könne. Im Tourbus habe ich die ganze Strecke von Fulda bis nach Hamburg nur geweint. Das war so traurig.
Untröstlich...
Und dennoch: Dass ich wenigstens ein Konzert geben konnte, war immerhin ein kleiner Abschluss für die Proben und das Album. 
Hatten Sie denn mit dem Stopp gerechnet? Corona war am 12. März ja bereits ein beherrschendes Thema.
Ja. Wir haben schon so was gespürt. Das Konzert in Fulda war zudem schon von vielen Unsicherheiten belastet. 
Da schließe ich mich ein, ich habe mich, ehrlich gesagt, nicht hingetraut.
Das Konzert war bestuhlt, und man konnte die Reihen flexibel stellen, alles auseinander ziehen. Aber der Veranstalter vermutete schon, dass viele, die ein Ticket gekauft hatten, wohl gar nicht kommen würden. So war es dann auch, und das kann ich natürlich voll und ganz verstehen. 
Hatten Sie im Frühling 2020 noch die Hoffnung, dass es im Herbst wieder losgehen könnte mit Konzerten?
Ja. Ich bin fest davon ausgegangen. Und der Sommer hat die Hoffnung ja auch mitgetragen. Nach dem Motto: Zweite Welle? Wovon redet ihr? Welche Ausmaße das Ganze nehmen würde und dass wir jetzt immer noch nicht spielen können, hatte ich nicht erwartet. 

Kultur und Corona: Anna Depenbusch hatte im Sommer kleinere Open-Air-Konzerte gespielt

Dass die Impfungen eine dritte Welle verhindern würden, war auch ein Trugschluss...
Es ist wirklich ein Marathonlauf.
Konnten Sie im Sommer in kleinerem Rahmen auftreten?
Es gab im Sommer ganz kleine Open-Air-Konzerte, weit bestuhlt, vier oder fünf. 
Das ist echt nicht die Welt.
Schon gar nicht im Verhältnis zu den rund 50 geplanten Konzerten. 
Was hat diese Vollbremsung für Ihr Album bedeutet? Es gibt viele Musiker, die eine Platte mit einer Tour promoten und sagen, wenn man nicht damit auf Tour geht, merke man das ganz schnell an den Verkaufszahlen.
Ich habe meine eigene Plattenfirma gegründet, und „Echtzeit“ war da meine erste Veröffentlichung. Bei mir ist das nämlich immer andersherum. Ich mache Alben, um damit auf Tour zu gehen, und gehe nicht auf Tournee, um ein Album zu verkaufen. In gewisser Weise hat sich die Platte ganz gut verkauft, auch weil es viel Presse gab - eben wegen dieser „Tragödie“ (lacht), dass ich nicht unterwegs sein konnte. Deswegen ist das Album für mich aber noch nicht abgeschlossen. Es ist für die Bühne entstanden. Ich ringe mit mir und kann nicht sagen: Ok, dann schreibe ich jetzt eben das nächste Album. Ich hänge noch so wahnsinnig an „Echtzeit“. 
Rechnen Sie damit, die Lieder bald doch live spielen zu können?
Ich hoffe, dass es geht. Im Sommer vielleicht, Open-Air, und es wird ja mit dem Testen und dem Impfen vorangehen. Meine Termine vom Frühjahr 2020 wurden in den Herbst 2020 verlagert, dann ins Frühjahr 2021, und nun sollen sie im Sommer und im Herbst 2021 stattfinden. Geplant ist vieles ... man muss halt sehen, wie es sich entwickelt.
Wie haben Sie das Jahr des Stillstands denn nutzen können? 
Ich habe mir einen kleinen Traum erfüllt. Auf „Echtzeit“ gibt es ein paar Lieder, die Mathematikern oder Physikern gewidmet sind, weil mich das Thema so fasziniert. Ich habe ein Faible für Naturwissenschaften, es gab vor vielen Jahren auch das Album „Die Mathematik der Anna Depenbusch“. Kosmologie, Physik und eben Mathematik tauchen bei mir immer wieder auf. Deswegen habe ich nun ein Gasthörerstudium gemacht: „Die Geschichte der Naturwissenschaften“. Das hast mir sehr gefallen. Und ich habe viele Inspirationen gesammelt, Wissen gewonnen.
Online-Streaming und Autokino-Konzerte waren keine Option für Sie?
Das habe ich sehr handverlesen gemacht. Es gab schöne Streaming-Konzerte in Kooperation mit dem Deutschlandfunk und Arte. Halt nicht einfach so aus meinem Wohnzimmer heraus. Die hatten schon ein bisschen ein Bühnengefühl. Für Autokinos ist meine Musik einfach zu zart.

Alternativen in der Corona-Pandemie: Anna Depenbusch gab Auftritte online und spielte Autokino-Konzerte

Für manche Konsumenten haben die Streaming-Konzerte längst ihren Reiz verloren.
Zumal das Resonanz-Erlebnis, der Applaus und die Interaktion nicht zu realisieren sind. 
Wie war und ist Ihre finanzielle Situation, mussten Sie Hilfen in Anspruch nehmen?
Ja, das war nötig. Vieles hat aus katastrophalen Gründen nicht geklappt. Wir Künstler fallen nämlich schnell durch das Raster der Unterstützung durch. 
Woran liegt das?
Zum Beispiel an Urheberrechts- und Gema-Zahlungen, die ja aus dem jeweiligen Vorjahr stammten, also aus 2019, die aber erst 2020 ausgezahlt wurden. Die waren bei mir ausgegeben, um das Album zu produzieren, aber bei der Beantragung der Hilfen hat das keine Rolle gespielt. Es ist auch nicht einfach zu verstehen, wie Musiker verdienen. Das passiert zeitversetzt. 
Wie meinen Sie das?
Insofern, dass wir in dem einen Jahr ein Album produzieren, um im darauffolgenden Jahr dann damit im Verkauf und auf Tour zu verdienen. Deswegen müsste für die Bewilligung von Geldern ein Zweijahreszyklus berechnet werden. 
Gab es einen Tiefpunkt im vergangenen Jahr, den Moment, an dem sie am liebsten alles hingeschmissen hätten?
Nicht im vergangenen, sondern in diesem Jahr. Im Januar oder Februar, als klar wurde, dass es hier mit den Impfungen einfach nicht so voran geht, wie wir uns das alle erhofft hatten. Da war die Enttäuschung am größten. In meinem Umfeld verhalten sich alle achtsam und regelkonform, um das Infektionsgeschehen nicht anzufeuern, und das immer mit dem Blick auf dieses Frühjahr, immer mit dem Gedanken: Jetzt geht es endlich los. Und dann klappt das nicht, das ist schon sehr strapaziös. 
Da ist es schwierig, sich einen positiven Blick in die Zukunft zu bewahren, oder?
Es gibt solche Tage und solche. Ich glaube, es steckt in der DNA von Kulturschaffenden, oder nennen wir es ein Talent, dass wir durch schwere Phasen durchkommen, Lücken finden und uns anpassen können. Aber wenn es über Monate verboten ist, seinen Beruf auszuüben, wird es schwer. 
Wie helfen Sie sich aus diesen trüben Gedanken raus?
Ich setze mich ans Klavier und singe. Das ist mein Beruf und meine Berufung. Über Jahre habe ich es mir ganz solide aufgebaut, davon leben zu können. Das ist kein Selbstfindungsprojekt, da steckt viel wirtschaftlicher Input drin. Deswegen halte ich so lange wie möglich daran fest, Musikerin zu sein. Nur wenn klar ist, dass es nie wieder auf der Welt Konzerte geben wird (lacht)... 

Statt Musik: Für Anna Depenbusch wäre die Wissenschaftskommunikation der letzte Ausweg

Dann?
... dann gehe ich in die Wissenschaftskommunikation. 
Aber damit ist nicht wirklich zu rechnen. Wir alle brauchen aber wohl einen viel längeren Atem, als wir zu Beginn der Corona-Pandemie gedacht hatten. 
Ich könnte mir vorstellen, dass man ab einem gewissen Punkt ein Verfahren bei Konzerthäusern einführen könnte mit Abständen und Tests, dass dann auch bei höheren Infektionszahlen Auftritte vor Publikum wieder möglich sein könnten. Und wenn ich höre, dass Menschen nach Mallorca fliegen und dort Sommerparty machen, dann fasse ich mich an den Kopf und frage mich: Wie kann das denn sein? Theater mit fester Bestuhlung darf nicht stattfinden, das aber schon? Da muss man irgendwann mutig sein und sagen: Wir veranstalten jetzt Konzerte unter ganz strengen Coronaregeln. 
Haben Sie Angst, dass Kultur für verzichtbar gehalten wird?
Nein. Meine Befürchtung ist eher, dass wir im kommenden Jahr sehen werden, was wir an Kleinkunst verlieren, an Theatergruppen zum Beispiel oder Clubs, in die man so gerne gegangen ist. Die Vielfalt der Branche könnte verloren gehen. Aber wir brauche diese Vielfalt. Wir können doch nicht nur vor dem Computer sitzen. Wir trocknen doch sonst aus!

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