Seit Februar 2020 ist Sebastian Schramm neuer Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld
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Seit Februar 2020 ist Sebastian Schramm neuer Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld.

Interview

„Corona überlagert viele Probleme“, sagt der neue Kreisbauernverbandschef Sebastian Schramm

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Seit Februar 2020 ist Sebastian Schramm neuer Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld (KBV). Mit unserer Zeitung hat er über seine Ziele, Wünsche und Herausforderungen gesprochen – und über die Coronakrise.

Sie haben zum 1. Februar die Position als Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld übernommen. Warum haben Sie sich beworben, was treibt Sie an?
Ich möchte mich für die Landwirte in der Region einsetzen. Mein Ziel ist es, Ansprechpartner für die landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis Fulda zu sein und Lösungen für betriebliche Probleme und Fragen anzubieten. Darüber hinaus möchten wir durch Öffentlichkeitsarbeit den Dialog zwischen Verbrauchern und Landwirten fördern.
Was haben Sie sich außerdem vorgenommen?
Kurz- bis mittelfristig möchte ich mich weiter in die Aufgaben der Geschäftsführung einarbeiten, dazu gehört es auch, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Kreisbauernverbandes näher kennenzulernen. Als KBV-Geschäftsführer bin ich außerdem für Waldbesitzer und für die Jagdgenossenschaften Ansprechpartner. Meine Aufgabe besteht im Grunde aus drei Teilen: die Beratung unserer Mitgliedsbetriebe, die Mitarbeit in verschiedenen Gremien als Stimme der Landwirtschaft und in der Öffentlichkeitsarbeit. Mein langfristiges Ziel ist es, ein attraktives Angebotsspektrum für unsere Mitglieder anbieten zu können und die Mitgliederzahl trotz Strukturwandel halten zu können.
Wie viele landwirtschaftliche Betriebe sind denn Mitglied bei Ihnen?
Wir haben derzeit 2400 Mitglieder.
Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Landwirte ein?
Momentan überlagert die Coronakrise viele Probleme. Die neue Düngeverordnung oder das Agrarpaket sind nur zwei Beispiele. Das sind Themen, die im vergangenen Jahr für viel Unmut gesorgt und das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht haben. Deshalb kam es dann zu den Demonstrationen – auch hier in der Region. Der Berufsstand fühlt sich übergangen bei vielen wichtigen Gesetzen und Verordnungen. 
Was brauchen Landwirte Ihrer Ansicht nach jetzt?
Der Berufsstand möchte eine faire und fachlich fundierte Gesetzgebung haben und braucht langfristige Planungssicherheit. Ein Beispiel sind die sogenannten „Roten Gebiete“, in denen es um die Nitratbelastung des Grundwassers geht. Hier gibt es strengere Auflagen bei der Düngung. Im Landkreis Fulda betrifft dies nur einen kleinen Teil der Flächen und dort, wo die Landwirtschaft Verursacher der zu hohen Nitratwerte sind, muss gegengesteuert werden. Aber es gibt berechtigten Grund zur Annahme, dass dies bei vielen Messpunkten aus verschiedenen Gründen nicht der Fall ist. 
Seit Februar 2020 ist Sebastian Schramm neuer Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld.
Was ist Ihr konkreter Wunsch an die Politik in Brüssel und Berlin?
Grundsätzlich eine ideologiefreie Politik für die Landwirtschaft zu betreiben und den Berufsstand nicht mit dem Tempo, in dem einzelne Verordnungen verabschiedet werden, zu überfordern. Ein Beispiel hierfür ist die Anpassung der Düngeverordnung aus dem Jahr 2017 zu Anfang dieses Jahres. Die Wirkung der Maßnahmen von 2017 hätte man erst einmal evaluieren müssen, bevor die nächste Anpassung erfolgte. Ein weiteres Beispiel ist das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2030 20 Prozent Ökolandbau zu erreichen. Die Marktpreise für Erzeugnisse aus dem ökologischen Landbau wie zum Beispiel für Milch sind aktuell schon unter Druck, weil das Angebot höher ist als die Nachfrage. Es gibt viele Betriebe, die gerne auf ökologischen Landbau umstellen möchten, aber – Beispiel Milch –, derzeit von keiner Molkerei ihre Milch abgenommen bekommen, um den Marktpreis nicht noch mehr unter Druck zu setzen. 
Wo kann die Kommunalpolitik helfen?
Im kommenden Jahr steht beispielsweise die Grundsteuerreform an. Hier kann jede Gemeinde über die Grundsteuerhebesätze eingreifen, um die Landwirte finanziell nicht noch höher zu belasten.
Ihr Vorgänger im Amt des KBV-Geschäftsführers, Dr. Hubert Beier, sitzt für die CDU im Kreistag. Planen auch Sie, sich kommunalpolitisch zu engagieren? 
Das kann ich mir gut vorstellen, ich möchte mich mittelfristig in der Politik engagieren. Allerdings möchte ich zunächst Routine in meinem Tagesgeschäft bekommen. 
Was ist Ihr Wunsch an die Verbraucher?
Durch die Coronakrise hat sich die Wertschätzung gegenüber den heimischen Landwirten wieder deutlich erhöht. Viele Verbraucher wertschätzen es, dass viele Lebensmittel hier in Deutschland produziert und nicht importiert werden müssen und dass die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt ist. Ich wünsche mir für die Zeit nach Corona, dass die Wertschätzung regionaler Produkte auf hohem Niveau erhalten bleibt und das viele Verbraucher ihr Einkaufsverhalten in diese Richtung lenken und beispielsweise bei regionalen Direktvermarktern einkaufen.
Sie haben es angesprochen: Wir leben in diesen Wochen in außergewöhnlichen Zeiten. Wie erleben Sie und die Landwirte das?
Im Moment gibt es eine große Unsicherheit, die alle Lebensbereiche durchdringt. Wir wissen nicht, wie sich die Situation weiter entwickelt, ob die Hilfspakete greifen und wie lange wir noch von den Auswirkungen der Krise betroffen sein werden. 
Was ändert sich derzeit für Landwirte? Was sind konkrete Folgen der Krise?
Für die meisten Betriebe ändert sich im Tagesablauf noch nicht viel. Es gibt teilweise Verzögerungen bei Betriebsmitteln wie zum Beispiel Ersatzteilen, Futter- oder Düngemitteln. Einige Betriebe beschäftigen Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland. Diese haben aktuell Probleme, Ersatzkräfte zu bekommen. Im Gegensatz zu den Gemüseanbaugebieten in Südhessen, in denen sehr viele ausländische Saisonarbeiter arbeiten, ist dieses Problem im Landkreis Fulda eher nachgeordnet. Betriebe mit angeschlossener Gastronomie oder Vermietung von Ferienwohnungen können aktuell keine oder nur geringe Einnahmen aus diesen Bereichen erzielen. Gleichzeitig erfreuen sich Hofläden an gestiegenem Absatz. Die Unsicherheit über die Entwicklungen und die Folgen der Krise eint derzeit die gesamte Gesellschaft.
Der Milchpreis war oft ein großes Thema in der Region. Jetzt wurde massenhaft H-Milch gehamstert. Hatte das Auswirkungen auf den Milchpreis?
Der Milchmarkt und die Betroffenheit der einzelnen Molkereien sind sehr heterogen. Die Nachfrage beim Lebensmitteleinzelhandel für lagerfähige Produkte ist sehr hoch, gleichzeitig ist die Nachfrage beim Außerhausverzehr deutlich eingebrochen. Den Beeinträchtigungen des Warenverkehrs im EU-Binnenmarkt und im asiatischen Raum steht im Vergleich zum Vorjahr eine leichte Erhöhung der Milchanlieferung in Deutschland gegenüber. Die Preise für Milchprodukte stehen daher unter Druck. Bei der Trinkmilch haben sich zuletzt leichte Preiserhöhungen abgezeichnet, bei Butter und Käse bleibt abzuwarten, wie sich die Preise entwickeln. 
Wie also blicken Sie in diesen unsicheren Zeiten in die Zukunft?
Ein Thema, dass uns Landwirte neben den politischen und gesellschaftlichen Anforderungen langfristig beschäftigt, ist der Klimawandel. Wir hatten zwar einen überdurchschnittlich feuchten Winter, aber die Grundwasser-Reserven sind nach den beiden letzten trockenen Sommern noch nicht wieder aufgefüllt. Zudem hat es seit Wochen keine nennenswerten Niederschläge mehr gegeben. Die Pflanzen benötigen zum weiteren Wachstum jetzt unbedingt wieder Wasser in der obersten Bodenschicht. Bei vielen Betrieben sind die Futterreserven nach den vergangenen beiden Trockenjahren knapp. Trotz dieser unsicheren Zeit müssen wir Lösungen für die Fülle an Anforderungen finden und uns den Herausforderungen stellen.

Zur Person

Sebastian Schramm (35) ist Milchviehhalter und Agrarwissenschaftler. Er wuchs auf dem Bauernhof seiner Familie in Künzell-Wissels auf. Nach dem Abitur am Marianum 2004 absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre in zwei Betrieben.

Danach begann Schramm das Studium der Agrarwissenschaft in Stuttgart-Hohenheim. Neun Jahre lang, bis September 2019, war er bei einem landwirtschaftlichen Lohnunternehmen in Langenbieber tätig.

Als der Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld (KBV) im Sommer 2019 die Stelle des neuen Geschäftsführers ausschrieb, bewarb er sich. Seit 1. Februar 2020 ist er dort nun Nachfolger von Dr. Hubert Beier, der das Amt 40 Jahre lang inne hatte. Im Milchviehbetrieb seiner Eltern in Wissels hilft er mit, ist jedoch hauptberuflich beim KBV tätig.

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