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Im Interview: Schiedsrichter Stieler äußert sich zu Pléa-Platzverweis

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Leipzig - Nach dem 2:2 (0:2) im Topspiel der Fußball-Bundesliga zwischen Leipzig und Mönchengladbach stand eine Person im Mittelpunkt: Fifa-Schiedsrichter Tobias Stieler.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian A. Reichert

Im Gespräch in der Mixed-Zone erklärt der 38-jährige in Hamburg lebende Jurist, der für die SG Rosenhöhe Offenbach pfeift, den Turbo-Platzverweis für Gladbachs Alassane Pléa und warum in der Bundesliga ein Umdenken stattfinden muss.

Warum haben Sie Alassane Pléa die Gelb-Rote Karte gezeigt?

Das ist relativ einfach erklärt. Der Gladbacher wollte einen Freistoßpfiff bekommen. Den hat er nicht bekommen. Dann hat er heftig reklamiert – durch Abwinken. Daraufhin hat er die Gelbe Karte gesehen. Mit der Gelben Karten war er auch nicht einverstanden. Er hat dann zweimal eine abfällige Geste in meine Richtung gemacht. In der Konsequenz ist das Gelb-Rot.

Wie haben Sie die Szene davor gesehen? War das nicht ein Foul an Pléa?

Ich habe nichts Strafwürdiges feststellen können. Ich habe mir die Szene auch nach dem Spiel noch mal angesehen. Da gibt es zwar einen Kontakt, aber Fußball ist immer auch ein Körpersport. Aber wenn ich für ihn argumentieren würde, würde ich auch sagen, dass man da ein Foul hätte pfeifen können.

Hat Pléa zu Ihnen noch etwas gesagt?

Nein. Diese zweimalige abfällige Geste ist eine Unsportlichkeit, eine Respektlosigkeit und so nicht mehr akzeptabel. Haben Sie die Gelb-Rote Karte wegen der scharfen Regelauslegung gegeben?

Das ist Folge der verschärften Regelauslegung. Wir Schiedsrichter der Bundesliga und der Zweiten Liga haben uns dazu in unserem Wintertrainingslager committed. Ich werde nicht der erste Schiedsrichter sein, der dieses Commitment bricht. Das war ganz klar mehrfach eine respektlose Geste. Die ist konsequent zu ahnden.

Im Übrigen komme ich jetzt gerade vom UEFA-Winterlehrgang. Da wurden genau solche Szenen gezeigt. Das ist die Linie, die die UEFA international schon seit vielen Jahren fährt. Wir in Deutschland waren da ein bisschen nachlässig. Da muss ein Umlernen stattfinden.

Noch einmal nachgefragt: Die Gelb-Rote Karte wäre also in der Hinrunde nicht gezeigt worden?

Wahrscheinlich nicht.

Nach dem Platzverweis kam es dann zu einer Rudelbildung. Hat Nico Elvedi Sie dabei geschubst? Oder was ist dann passiert?

Nein, geschubst hat er mich nicht. Es gab eine Rudelbildung. Im Englischen heißt das „mobbing the referee“, und das geht eben auch nicht mehr. Das ist inakzeptabel. Die Spieler wurden informiert, dass zur Rückrunde da schärfere Sanktionen folgen. Wenn wegen irgendeiner Entscheidung eine Spielertraube um einen Schiedsrichter steht, dann trifft es einen. Der bekommt dann Gelb.

War die Gelbe Karte für Gladbachs Trainer auch wegen einer Respektlosigkeit Ihnen als Schiedsrichter gegenüber?

Ja, genau. Er hatte die Coaching-Zone verlassen und auch eine respektlose Geste gemacht. Im Unterschied zu seinem Spieler hat er die Gelbe Karte dann aber akzeptiert. Wir haben gut und respektvoll miteinander gesprochen.

Was denken Sie, wie lange wird der angesprochene Lernprozess dauern?

Das ist ein wenig ein erlerntes Verhalten. Das ist so ein bisschen wie bei schlechten Gewohnheiten. Diese abzulegen, müssen wir durch die Bestrafung mit Gelben Karten herbeiführen. Ich hoffe sehr, dass schnellstmöglich ein Umdenken stattfinden wird. Die Bundesliga hat einfach einen totalen Vorbildcharakter – auch für den Amateurfußball.

Ich habe keine Erklärung dafür, warum ein Spieler, der nach heftigem Reklamieren schon die Gelbe Karte gesehen hat, dann nicht aufhören kann. Wir unterhalten uns da über ein mögliches Foul im Mittelfeld beim Stand von 2:1 für Gladbach. Wenn es jetzt die 95. Minute gewesen wäre, es um den entscheidenden Elfmeter gehen würde – und es geht um was weiß ich was –, dann könnte ich im Ansatz noch verstehen, wenn ein Spieler heftig abwinkt. Aber in dieser Situation? Nein!

Von Gladbacher Seite wird kritisiert, dass Sie es an Fingerspitzengefühl vermissen lassen haben. Was sagen Sie dazu?

Ich sage, dass sie sich ihren eigenen Spieler vornehmen sollen. Die Clubs wurden im Vorfeld informiert. Es wurden ihnen Szenen geschickt. Das war jetzt der dritte Spieltag der Rückrunde. Unser Kommissionschef Lutz Michael Fröhlich ist für die Clubs immer erreichbar. Das ist eben die neue Linie. Da muss ein Lernprozess stattfinden.

Warum? Was war der Auslöser für diese schärfere Regelauslegung?

Auf Amateurfußballplätzen werden Schiedsrichter körperlich attackiert. Die Hemmschwelle sinkt. Wir müssen ein Zeichen setzen. Nochmals: Die UEFA akzeptiert solch ein respektloses Verhalten bereits seit Jahren nicht. International verhalten sich die Mannschaften anders.

Ich möchte aber noch dazu sagen, dass sich sämtliche Spieler von Mönchengladbach nach der Gelb-Roten Karte vorbildlich verhalten haben. Das war ein respektvolles Miteinander. Ich finde es nur traurig, dass in letzter Konsequenz erst eine Gelb-Rote Karte dazu führen muss.

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