Die Obermühle am Dorfrand von Lütter wurde am 6. Februar 1945 zerstört. / Archivfoto: Franz Rupprecht

Als vor 75 Jahren Bomben fielen: Angriff auf Lütter fordert zwölf Tote

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Lütter - Kurz vor Kriegsende wurde Lütter das Ziel eines schweren Bombenangriffs. Zwölf Menschen starben, 28 wurden zum Teil schwer verletzt. Das war am 6. Februar vor 75 Jahren.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Acht Wohnhäuser, zwölf Wirtschaftsgebäude und 30 weitere Gebäude wurden komplett zerstört. Lütter lag am Nachmittag des 6. Februar 1945 in Schutt und Asche. Es gab kaum ein Haus, bei dem die Fensterscheiben nicht zerbrochen waren oder das Dach nicht beschädigt wurde.

Interesse an der Dorfgeschichte

„Die Dorfstraße war von Bombenkratern durchzogen. Pferde, Kühe, Schweine und Kleinvieh kamen um oder mussten notgeschlachtet werden. Und weil die Wasserleitung so schwer getroffen wurde, drohten Keller vollzulaufen. Dorthin hatten sich einige Menschen gerettet, die nun drohten zu ertrinken“, sagt Franz Rupprecht. Der 79-Jährige war damals zwar noch ein Kind und lebte in Schlesien.

Er beschäftigt sich aber inzwischen seit Jahrzehnten mit der Dorfgeschichte von Lütter, wo er in den 1950er Jahren mit seiner Familie eine neue Heimat fand. Rupprecht hat mit etlichen Zeitzeugen über den Bombenangriff gesprochen. An dem Tag kam der ältere Bruder seiner Ehefrau ums Leben. „Für viele Menschen in Lütter ist der 6. Februar ein Gedenktag.“ Auch der Pfarrer habe in der Messe am Sonntag darauf hingewiesen.

Schüler hatten großes Glück

Vor 75 Jahren sei die Bevölkerung durch die Bombardierung völlig überrascht worden. „Niemand hatte mit einem Angriff gerechnet“, weiß der 79-Jährige. Daher seien die Menschen auch ihren gewohnten Tätigkeiten nachgegangen. Die Kinder waren in der Schule, als um 11.45 Uhr 15 Flugzeuge der Alliierten über Ried flogen, das Angriffszeichen setzten und fast 500 Sprengbomben abwarfen.

Die rund 100 Schulkinder hatten offenbar großes Glück. „In der Schulchronik heißt es, dass nur 50 Meter entfernt vier Sprengbomben auf den Barthonswiesen niedergegangen sind“, erklärt Rupprecht. Drei weitere seien direkt vor dem Schuleingang hochgegangen.

„Sie rissen die Stirnwand und den Haupteingang der Schule nieder. Zwei Seitenwände eines Klassenzimmers waren zur Hälfte eingedrückt, die Decke heruntergefallen, und zwischen den Trümmern lagen die Möbel der über dem Schulsaal gelegenen Lehrerwohnung. Eine weitere Bombe war etwas hinter dem Schulgebäude explodiert und hatte Erde durch die Fenster in den Schulgang geschleudert“, hat Rupprecht recherchiert.

Zwei Kinder starben

Doch wie durch ein Wunder seien die Schüler unversehrt geblieben. „Die Oberklasse hatte sich noch rechtzeitig unter die Schultische geworfen, und die Schüler der Unterklasse, deren Klassenraum völlig zerstört wurde, hatten sich mit ihrem Lehrer in den hinteren Gang des Kellers und in Türrahmen gedrückt. Wären sie in den Luftschutzkeller an der Stirnseite der Schule gelaufen, so wie es eigentlich geplant war, wären sie vermutlich gestorben, weil der massive Giebel der Westseite eingedrückt worden war.“

Zwei Kinder wurden jedoch getötet. Sie wollten nach Hause zu ihren Eltern laufen und wurden in unmittelbarer Nähe der Schule auf der Straße von den Bomben getroffen.

Vier weitere Geschosse sind südwestlich des Schulgebäudes explodiert, wo die Schreinerei Leipold zerstört wurde und mehrere Todesopfer forderte. Auch in der Obermühle, bei Bolz/Schostersch und im Roth‘sche Haus starben Menschen oder wurden verletzt, wie Rupprecht ausführt.

Bahnstrecke wurde getroffen

Die Bomben trafen außerdem die Bahnstrecke Fulda-Gersfeld, die daraufhin lange Zeit nicht genutzt werden konnte. Die Kirche wurde schwer beschädigt, Fenster und Dach waren kaputt. Das Friedhofskreuz, eine Reihe von Grabsteinen und das Kriegerehrenmal am Marktplatz waren getroffen.

„Die Aufräumarbeiten dauerten sehr lange. Bis zu 900 Personen, unter ihnen auch viele Fremdarbeiter, Arbeitsdienstleute und Soldaten waren damit beschäftigt. In der Schule fand man das Hitlerbild zerschmettert unter den Trümmern, das Kruzifix aber hing noch an der Wand“, weiß Rupprecht.

Warum es überhaupt dazu kommen konnte, dass Lütter zum Ziel der Allierten wurde, auf diese Frage gibt der Historiker Günter Sagan in seinem Buch „Die Bevölkerung hatte Verluste“ eine Antwort. So kam es immer wieder zu sogenannten Gelegenheitsbombardierungen.

Lahmlegung der deutschen Treibstoffproduktion

Die Alliierten wollten in erster Linie die deutsche Treibstoffproduktion und das Verkehrsnetz lahmlegen. Die Hydrierwerke in Lützkendorf, Magdeburg und Böhlen konnten aber nicht angegriffen werden, weil die Sicht zu schlecht war.

„Der Bomberstrom löste sich in einzelne Gruppen auf, die sich über weite Teile Deutschlands verteilten. Auf dem Heimweg über den Taunus suchten sie eine günstige Stelle, um ihre Ladung abzuwerfen. So kam es, dass der osthessische Raum getroffen wurde“, erklärt Rupprecht.

Der Auswertungsbericht der Amerikaner fasste die Zerstörung am 7. Februar 1945 nüchtern zusammen: „Annähernd 120 Einschläge sind durch verstreute Wolken sichtbar. 40 von ihnen befinden sich in der Stadt Lütter und der Rest in den Feldern im Westen, Südwesten und Nordosten. Die Eisenbahnlinie nördlich der Stadt hat wahrscheinlich zwei Treffer und zahlreiche Nahtreffer erhalten.“

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