Fotos: Stadtarchiv Fulda/Julius Cäsar (3), carolin/adobestock.com

Vor 50 Jahren erhielt das Alte Rathaus in Fulda sein jetziges Aussehen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Fulda - Das Alte Rathaus gehört zu den Wahrzeichen Fuldas. Es ist eines der meistfotografierten Gebäude der Stadt. Vor 50 Jahren erhielt das Rathaus sein heutiges Aussehen. Die Umgestaltung war damals jedoch hochumstritten.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Das Alte Rathaus ist nicht das älteste Rathaus Fuldas. Dieser Titel geht vermutlich an die „Münz“, das heutige Vonderau Museum. Und auch das Gebäude in der Friedrichstraße 26, dessen Fassade kürzlich freigelegt wurde, ist wohl als Rathaus genutzt worden. Und dennoch sticht das Alte Rathaus mit der Fachwerk-Optik und den Türmchen hervor: Denn es ist eines der bedeutendsten Gebäude der Stadtgeschichte.

Der Westbau (zum Platz Unterm Heilig Kreuz hin) wurde wahrscheinlich bereits im 14. Jahrhundert errichtet. Der Ostbau (zum Borgiasplatz hin) entstand 1531 und diente seitdem der Stadtverwaltung als Treffpunkt. Das Erdgeschoss mit den Bögen, den sogenannten Arkaden, war eine offene Handelshalle, und auch das städtische Geschütz wurde dort aufbewahrt. Der erste Stock wurde als Tanzboden, Ratsstube und Rüstkammer genutzt.

So groß wie Hannover

Das Alte Rathaus war auch Sinnbild der Bedeutung Fuldas im Heiligen Römischen Reich. Die Stadt war im 16. Jahrhundert mit 5000 Einwohnern ungefähr so groß wie Hannover. Viermal war das Alte Rathaus Tagungsort des Deutschen Reichstages, der Kurfürstentag kam an dieser Stelle zusammen, und möglicherweise hat sich dort auch der Reformator Martin Luther aufgehalten.

1782, in der Zeit der barocken Umgestaltung Fuldas, wurde das Kanzlerpalais Unterm Heilig Kreuz zum neuen Rathaus der Stadt. Damit begann der Abstieg des Alten Rathauses. Das Gebäude wurde umgestaltet, zwischenzeitlich wurden in ihm Feuerlöschgeräte gelagert, es entstanden Wohnungen, Anfang des 20. Jahrhunderts auch Geschäftsräume. Das Alte Rathaus war zu einem von vielen unauffälligen Gebäuden in Fuldas Zentrum geworden. Ins Auge fielen allenfalls die Arkaden. Die heutigen Türmchen gab es nicht, das Fachwerk war verputzt, und das Rathaus ein ganzes Stockwerk niedriger als jetzt.

Zeichnungen aus 16. und 17. Jahrhundert zur Orientierung

Das sollte sich Ende der 1960er ändern. Zuvor waren im Zuge der Umgestaltung des Universitätsplatzes viele historische Gebäude abgerissen worden, etwa der als „Rattenburg“ bekannte Patronatsbau (an dessen Stelle befindet sich heute Karstadt). Oberbürgermeister Dr. Alfred Dregger (CDU) war deswegen entschlossen, zumindest das Alte Rathaus zu erhalten – und sogar in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Dabei wusste man gar nicht so recht, wie das Gebäude einst ausgesehen hatte. Der Architekt und Fulda-Experte Ernst Kramer orientierte sich bei der Sanierung an zwei Zeichnungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die das Alte Rathaus mit Türmchen (Erker) zeigten. Ob es diese Dachaufbauten wirklich gegeben hat, ist bis heute umstritten. Kramer jedenfalls ging davon aus, dass die Erker im 19. Jahrhundert abgerissen wurden und deswegen nun wiederhergestellt werden müssten.

Kosten von einer Million Mark

Sorgen bereiteten den Fuldaern nicht nur die optische Gestaltung, sondern auch die Kosten von fast einer Million Mark – eine damals gewaltige Summe. Das hielten viele für überzogen. OB Dregger hielt aber daran fest: Er war überzeugt, dass die Kosten durch die Mieteinnahmen gedeckt werden. Schließlich bekomme das Modehaus Seibert, das seit 1914 im Rathaus war, neue, moderne Räume.

1968 begannen die Sanierungsarbeiten. Neben Kramer beteiligt waren viele andere bekannte Fuldaer Namen, zum Beispiel Franz Ollertz, Gisbert Seng oder Ludwig Mahr. Im August 1969 wurde Richtfest gefeiert, im November die Gerüste abgebaut.

Gemischte Reaktionen

Die Fuldaer erhielten damit erstmals einen Blick auf ihr neues, altes Rathaus. Die Reaktionen waren gemischt: In einer Umfrage der Fuldaer Volkszeitung äußerten viele Passanten, das Gebäude sei zu bunt und passe nicht zum Stil der restlichen Umgebung. Kritisiert wurde auch, dass vom ursprünglichen Zustand gar nicht so viel übrig blieb: Das Haus musste bis auf die Arkaden niedergelegt werden und wieder neu aufgebaut werden. Gut erhaltene Teile, wie Holzbalken und Fensterrahmen, konnten jedoch innerhalb des Hauses wiederverwendet werden. Ernst Kramer nannte dies „eine Spannung zwischen echtem Alten und echtem Neuen“. Der Architekt verteidigte seine Pläne immer wieder in Artikeln in der Volkszeitung und der Fuldaer Zeitung.

Bereicherung des Stadtbildes

Auch OB Dregger war vom neuen Aussehen angetan: „Die Restaurierung bedeutet eine Bereicherung des Stadtbildes“, sagte er. Der Fachwerkstil zeige auf, dass „Fulda mehr ist als eine Barockstadt“. Das prachtvolle Äußere beweise zudem: „Die Stadt Fulda war kein Anhängsel der Abtei, sondern eine eigene politische Einheit mit einer eigenen politischen und wirtschaftliche Bedeutung, die im Rathaus ihren Ausdruck fand.“

1970 wurde Sanierung im Inneren abgeschlossen, und Seibert (wurde 2007 von Modehaus Köhler übernommen) konnte einziehen. Im Westbau kam die Rathaus-Buchhandlung unter. Zeitgleich mit der Sanierung wurden der Steinweg und Unterm Heilig Kreuz bis zur Marktstraße zu Fußgängerzonen.

Heute haben sich die Fuldaer längst an die bunte Fassade und die elf Türmchen gewohnt. Und die Touristen ebenfalls: Das Alte Rathaus gilt nach dem Dom als meistfotografiertes Gebäude der Stadt.

Quellen:

Fuldaer Zeitung vom 4./5.8. und 18.11.1969

Fuldaer Volkszeitung vom 2.8., 15./18./21. und 26.11.1969

Michael Mott: Wo sich einst die Kurfürsten trafen, FZ vom 9.5.2001

Erwin Sturm: Die Bau- und Kunstdenkmale der Stadt Fulda, Fulda 1984.

Das könnte Sie auch interessieren