Khulud Sharif-Ali beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit geflüchteten Frauen.
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Khulud Sharif-Ali beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit geflüchteten Frauen.

Fuldaerin forscht zu „Empowerment“

Khulud Sharif-Ali stellt geflüchtete Frauen ins Zentrum ihrer Doktorarbeit

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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Der Anteil von Frauen unter geflüchteten Menschen steigt kontinuierlich. Trotzdem kommen sie in öffentlichen Debatten kaum vor, erklärt Khulud Sharif-Ali. Die 30-Jährige aus Fulda beschäftigt sich für ihre Dissertation damit, wie weibliche Geflüchtete bestärkt werden können, damit sie ihr Leben selbst gestalten können.

  • Khulud Sharif-Ali schreibt ihre Doktorarbeit über geflüchtete Frauen: Sie würden als Randphänomen betrachtet werden.
  • Geflüchtete Frauen müssten sich diversen Ungleichbehandlungen aussetzen, bis hin zu sexueller Gewalt.
  • Für ihre Arbeit führt Sharif-Ali Gespräche und Diskussionsrunden mit Frauen, die nach 2015 geflüchtet sind und im Landkreis Fulda leben.

Fulda - „2015 waren etwa ein Drittel der Geflüchteten Frauen. Durch den Familiennachzug hat sich das mittlerweile sogar angeglichen“, erklärt Khulud Sharif-Ali. „Trotzdem werden diese Frauen als ein Randphänomen betrachtet, als Mitwandernde.“ Die 30-Jährige hingegen stellt diese Personengruppe in den Fokus ihrer Dissertation. „Analyse der Alltagsstrategien geflüchteter Frauen unter Berücksichtigung der intersektionellen Ungleichheitserfahrungen“ lautet der Arbeitstitel.

Fuldaerin Khulud Sharif-Ali schreibt Doktorarbeit über geflüchtete Frauen

Sharif-Ali, die als Kind von Somalia nach Deutschland gekommen ist, hat an der Universität Würzburg Bildungswissenschaften und Indologie studiert. Sie absolvierte Praktika im Bundesaußenministerium, bei den Vereinten Nationen in New York sowie in Indien. An der Charité in Berlin wirkte sie zudem an einer Studie über weibliche Geflüchtete mit. Später arbeitete sie beim Landkreis Fulda als Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte. Nun ist sie als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Weiterbildung sowie parallel als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule in Fulda im Fachbereich Sozialwesen tätig.

„Es gibt geschlechtsspezifische Fluchtgeschichten“, erklärt Khulud Sharif-Ali, die insbesondere Frauen aus Somalia in ihrer Doktorarbeit betrachtet. Ihre Fragestellungen dabei: Welche Geschlechterhierarchien herrschen in Somalia und welche Ungleichheitserfahrungen machen somalische Flüchtlingsfrauen? Welche geschlechtsspezifischen Gründe zwingen Frauen zur Flucht?

Die Schwester von Khulud, Nuha Sharif-Ali, hatte die Black-Lives-Matter-Demo in Fulda organisiert.

Die 30-Jährige berichtet von Zwangsheiraten und Zwangsabtreibungen und Steinigungen wegen Ehebruchs in dem ostafrikanischen Land, das als „gescheiterter Staat“ gilt. Laut der Organisation Terre des Femmes erlebten 95 Prozent der weiblichen Bevölkerung Genitalverstümmelungen. Daher fragt Sharif-Ali auch danach, wie diese Frauen ihren Körper und ihr Geschlecht wahrnehmen.

Frauen sind auf der Flucht häufig sexueller Gewalt ausgesetzt

Auch die Flucht selbst verlaufe für Frauen anders als für Männer, berichtet Khulud Sharif-Ali. „Frauen sind häufig sexueller Gewalt ausgeliefert.“ Sex gelte bei manchen Schleppern als Währung. Eine weitere Frage, die sie stellt: „Wie gestalten geflüchtete Frauen ihren Alltag in Deutschland und welche Empowerment-Strategien nutzen sie?“ Bei dem Begriff „Empowerment“, der mit Selbstermächtigung übersetzt werden kann, gehe es darum, „das Leben selbst zu gestalten und nicht gestalten zu lassen“, erklärt Sharif-Ali.

Für ihre Arbeit führt sie Gespräche und Diskussionsrunden mit Frauen, die nach 2015 geflüchtet sind und im Landkreis Fulda leben. Sie analysiert, wie die Frauen nun ihre Fähigkeiten einsetzen und was alles für eine gesellschaftliche Teilhabe nötig ist. „Ob die Frauen ihre Ankunft in Deutschland als Chance sehen oder gar damit überfordert sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab“, erklärt die 30-Jährige: „Zum Beispiel davon, ob die Frauen in ihrer Heimat in der Stadt oder auf dem Land sozialisiert wurden und welchen Bildungshintergrund sie haben.“

Khulud Sharif-Ali: Wir können uns nur schwer von Stereotypen lösen

Die Fuldaerin plädiert dafür, die Frauen nicht als homogene Gruppe zu betrachten – und nicht nur als Opfer zu definieren: „Sie haben ja auch etwas geschafft“, betont Sharif-Ali. „Sie haben eine lange Flucht hinter sich. Und sie bringen viele Potenziale mit.“ Die Dinge auf mehreren Ebenen zu betrachten, ist ihr wichtig. Auch die geflüchteten Frauen würden mit mehreren Diskriminierungsformen konfrontiert: „Sie sind Frauen, haben einen Fluchthintergrund, eine andere Hautfarbe, eine andere Religion und tragen vielleicht ein Kopftuch.“

Das bringt Khulud Sharif-Ali zu einem anderen Thema: Rassismus. Den gebe es auch in Deutschland – vom Alltags- bis zum institutionellen Rassismus. Denn jeder habe eigene Vorstellungen: „Wir können uns nur schwer von Stereotypen lösen.“ Um Vorurteile zu überwinden, sei es wichtig, sich selbst zu reflektieren. Es brauche Begegnung, Austausch und Sensibilisierung. Wichtig ist Sharif-Ali dabei eins: „Es darf kein ,Wir‘ und ,Ihr‘ geben. Alle sind gleich, unabhängig von Fluchthintergrund, Farbe, Religion. Wir sind alle eine Gesellschaft.“

Die Schwester von Khulud Sharif-Ali, Nuha Sharif-Ali, hatte die Black-Lives-Matter-Demo in Fulda mitorganisiert.

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