Sieht die Kirche auf einem schwierigen Weg: Generalvikar Christof Steinert.
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Sieht die Kirche auf einem schwierigen Weg: Generalvikar Christof Steinert.

„Die Kirche muss sich neu aufstellen“

Wie geht es mit der Kirche weiter? Generalvikar Christof Steinert über die wachsende Zahl der Kirchenaustritte

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Noch nie in der Geschichte des Bistums Fulda sind so viele Katholiken aus der Kirche ausgetreten wie im vergangenen Jahr. Generalvikar Christof Steinert (56) sieht die Entwicklung mit Sorge. Ganz aufhalten lasse sich der Trend kaum noch.

Fulda - Christof Steinert spricht im Interview über Gründe für die wachsende Zahl der Kirchenaustritte, bleibende Änderungen durch Corona und das Wieder-Einrollen von Teppichen.

Die Zahl der Kirchenaustritte im Bistum wächst. Was schmerzt Sie an der Entwicklung am meisten?
Mich schmerzt, dass Menschen – darunter Menschen, die ich gut kenne – gehen, ohne noch einmal ein Gespräch gesucht zu haben, weil die Mitgliedschaft in der Kirche für sie nicht mehr wichtig ist. Es schmerzt auch, dass wir mit unserer Botschaft, an Jesus Christus und die Auferstehung zu glauben und die Gesellschaft entsprechend durch christliche Werte zu prägen, bei vielen Menschen nicht mehr ankommen.
2019 verließen so viele Katholiken die Kirche wie nie zuvor. Dabei gab es keine negativen Schlagzeilen.
Die Austrittszahlen steigen bei Katholiken und Protestanten. Die Selbstverständlichkeit, zu einer Kirche zu gehören, ist verloren gegangen. Vor 50 Jahren gehörte die überwältigende Mehrheit einer Kirche an. Die Zugehörigkeit zur Kirche war etwas Normales, das man nicht begründen musste. Heute fragt der Mensch, was ihm in seiner Lebenssituation gerade nutzt. Das Konzept einer lebenslangen Bindung – darum geht es der Kirche – ist nicht mehr selbstverständlich. Es gibt Bereiche im Bistum, wo nicht einmal mehr die Hälfte der Einwohner einer Kirche angehört.
Sie meinen große Städte.
Ja, Hanau oder Kassel etwa. Dort ist die Bindung der Menschen an Kirche viel geringer. Die höchsten Austrittswerte haben Hanau mit 1,4 Prozent und Kassel mit 1,2 Prozent. Die geringsten Werte haben wir in Neuhof, Großenlüder und der Rhön mit 0,5 Prozent. Fulda liegt bei 0,9 Prozent.
Was sind die Gründe für die Austritte?
Ein Einschnitt ist oft, wenn der Katholik bei der ersten Gehaltsabrechnung sieht, wie viel Kirchensteuer er zahlt. Er ist vielleicht vor vier oder fünf Jahren zuletzt in der Kirche gewesen, hat eventuell nach einem Umzug keinen Kontakt mehr zur Kirche gefunden. Ich erlebe in meinem Bekanntenkreis, dass man mittlerweile begründen muss, warum man in der Kirche bleibt und nicht, warum man geht. Kirchen in ganz Europa verlieren Mitglieder, oft noch stärker als in Deutschland, unabhängig von der Kirchensteuer.
Sie sehen weniger eine Ablehnung als eine Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche?
Ja, das betrifft einen Großteil der Austritte. Aber es gibt auch kirchlich engagierte Menschen, die sich fragen, ob die Kirche veränderungsfähig ist. In der Kirche geht Veränderung langsamer als in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft. Die Protestbewegung Maria 2.0 war 2019 ein Thema. Manche Menschen zweifeln, ob sie in der Kirche einen Partner haben, der ihre Lebenskultur und ihr Wertebild aufgreift. Und es gibt Menschen, die treten aus, sagen aber, ich kann ja weiter zu den Gottesdiensten gehen.
Was sagen Sie denen, die die Kirchensteuer sparen, aber weiter in die Kirche gehen?
Wer dazugehören möchte, der soll seinen Solidarbeitrag leisten. Die Kirchensteuer finanziert nicht nur die Kirche , sondern sie fließt auch in viele soziale Angebote.
Steht die Kirche dieser Entwicklung machtlos gegenüber?
Die Aufgabe ist nicht einfach. Wir versuchen, Menschen auf unterschiedlichen und neuen Formen zu erreichen. Stadtpfarrer Stefan Buß in Fulda etwa sieht, dass manche Christen nicht – wie bisher – nur noch sporadisch in die Kirche kommen, sondern dass sie über das Jahr gar nicht mehr kommen. Deshalb gehen wir verstärkt zu den Orten, wo Menschen sind. Ich denke an die Sternsingeraktion für Erwachsene im Kneipenviertel. Oder an die Ansprache von Touristen. Während der Corona-Krise haben wir Gläubige mit Zeitungsanzeigen angesprochen.

„Die Kirche muss sich neu aufstellen“, sagt Generalvikar Christof Steinert

In der Coronazeit haben wir eine andere Kirche erlebt – eine Kirche, die rausging, weil Gottesdienste unmöglich waren. Hat die Kirche davon profitiert?
In dieser Zeit wurde in der Kirche jedem klar: Wir müssen andere Wege gehen, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Wir haben das Internet genutzt, die Tageszeitung, Telefonansagen. Ein Großteil der neuen Formate geht weiter – auch weil wir merken, dass nicht alle Gläubigen wieder in die Kirchen zurückkehren, sei es, weil sie Angst vor einer Infektion haben oder weil sie den Eindruck gewonnen haben, dass ihnen am Sonntag ohne Gottesdienstbesuch wenig fehlt.
Brachte die Coronazeit insgesamt mehr Distanz oder mehr Nähe zwischen Kirche und Gläubigen?
Die Coronazeit brachte mehr Veränderung. Die Kirche war jahrhundertelang mit ihrer Gemeinde, ihrer Stadt eng verbunden. Das hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten durch die wachsende Mobilität der Menschen bereits verändert. Die Coronazeit hat das verstärkt. Die Messe aus der Michaelskirche schauten sich Menschen in ganz Deutschland an – weil sie eine Verbindung zu Fulda oder zum neuen Bischof haben. Persönliche Bezüge werden wichtiger. Es ist nicht mehr unbedingt so, dass man in die Pfarrkirche geht, in deren Bezirk man wohnt, sondern man sieht, welches Angebot spricht mich jetzt besonders an. Die Kirche steckt mitten in diesen Veränderungen.
Helfen die Veränderungen, um die Kirchenmitgliederzahl konstant zu halten?
Ich fürchte: Nein. Wenn ich etwas nur deshalb tue, um Mitglieder zu halten, dann habe ich schon verloren. Sondern es geht darum: Wie kann ich die Botschaft Jesu Christi in dieser Zeit leben und den Menschen vermitteln? Die Kirche hat sich in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder neu aufstellen müssen, um den Menschen die Botschaft nahezubringen. Das ist jetzt wieder der Fall.
Nun ist die Entwicklung ja nicht neu. Die Versuche der Kirche, Mitglieder zu halten oder zurückzugewinnen, waren bisher nicht sehr erfolgreich.
Die gesamte Gesellschaft ist in Bewegung. Die Bedeutung, die der Einzelne der Kirche beimisst, wird geringer. Aber wir haben in den vergangenen Wochen auch vermehrt Kircheneintritte: Seit März haben wir 29 Eintritte im Bistum. Viele Menschen haben für sich erlebt, wie ohnmächtig der Mensch ist. Sie suchen dann eine Nähe zu Gott und zur Kirche.
Aber selbst die Katholiken, die bleiben, entfernen sich von der Kirche.
Ja. Das zeigt, wie gravierend die Entwicklung ist. Im Bistum Fulda gehen nur 12,3 Prozent der Katholiken sonntags in die Kirche – das ist im bundesweiten Vergleich noch viel. Aber es zeigt, dass von unseren Mitgliedern 80 bis 90 Prozent sonntags nicht mehr kommen. Wir finden keinen einfachen Weg, um diese Entwicklung zu unterbrechen. Wir merken, die Selbstverständlichkeit, bei der Kirche zu bleiben, schwindet. Und für uns geht es jetzt vor allem darum: Wie kommen wir mit den Menschen in Kontakt? Und wie verkünden wir die Botschaft Jesu Christi?
Also steht die Kirche der Entwicklung machtlos gegenüber?
Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, aber wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was Kirche ausmacht und unsere Botschaft verkünden. Dann wird es auch weitergehen – aber anders. Die Kirche in ihrer in Deutschland seit 150 Jahren bestehenden Form, die löst sich immer mehr auf.
Ist die Volkskirche, der eine Mehrheit angehört, Vergangenheit?
Unsere Kirche ist in weiten Teilen unseres Bistums nicht mehr Volkskirche. Im Fuldaer Bereich lebt sie, aber wenn ich in die großen Städte gehe oder das evangelisch geprägte Nordhessen, da ist von Volkskirche nichts zu spüren. Ein Beispiel: Vor Jahren wurde ich von einer Feuerwehr im Werra-Meißner-Kreis sonntags um zehn zu einer Veranstaltung eingeladen. Den Verantwortlichen war nicht mehr bewusst, dass wir da Gottesdienst feiern. Das zeigt: Der Kirche gelingt keine gesellschaftliche Durchdringung mehr, wie wir sie lange hatten.

Zur Person

Generalvikar Prälat Christof Steinert wurde am 2. Juni 1964 in Sickels geboren. Abitur und Theologiestudium absolvierte er in Fulda und Innsbruck. 1994 wurde er von Erzbischof Dr. Johannes Dyba zum Priester geweiht. Steinert war Kaplan in Witzenhausen, Pfarrer in Witzenhausen und Hebenshausen und Regionaldechant in Kassel. 2014 wurde er Mitglied des Domkapitels. Bischof Dr. Michael Gerber ernannte Steinert im März 2019 zum Stellvertreter des Generalvikars. Seit Anfang 2020 ist er Generalvikar.

Was kommt jetzt? Eine missionarische Kirche?
Mission war schon immer unsere Aufgabe. Die Kirche muss anschlussfähiger werden. Wir müssen die Menschen an anderen Orten ansprechen – beim Weihnachtsmarkt oder beim Wandern in der Rhön – und selbst beim Besuch des Doms. Viele wissen gar nicht mehr, was die verschiedenen Teile des Doms bedeuten.
Christen glauben, dass Gott bei uns präsent ist. Unsere Zeit ist seine Zeit. Wo ist Gott in dieser Zeit, die so gleichgültig gegenüber Gott ist?
Gott ist da. Ich bin nicht sicher, ob die Menschen so gleichgültig gegenüber Gott sind, weil sie die Angebote der Kirche, die seit Jahrzehnten so bestehen, weniger nutzen. Christen müssen mehr von ihrem Glauben erzählen. Auch da ist Gott präsent.
Ist der normale Sonntagsgottesdienst in seinen Formen noch zeitgemäß?
Den Ablauf eines Gottesdienstes bestimmen der Priester und die Gemeinde, die fast immer da ist. Wir werden auch andere Formate entwickeln müssen. Aber ich erlebe auch, dass Menschen, die nicht regelmäßig in die Kirche gehen, Schwierigkeiten haben, die Formen der katholischen Kirche zu verstehen. Wir haben aber auch Base-Gottesdienste in der Esperantohalle mit 1200 Jugendlichen, bei denen gerockt wird, wo ein Pfarrer predigt und was Jugendliche gut finden, weil es ihrer Lebenskultur entspricht. Da würde eine Eucharistiefeier beispielsweise nicht hineinpassen.
Welche finanziellen Folgen haben die Austritte?
Unsere finanziellen Möglichkeiten werden geringer. Wir müssen sehen, welche Infrastruktur wir noch brauchen. Wir haben im Bereich Kassel-Hofgeismar allein von 1946 bis Anfang der 1980er Jahre 13 Kirchen gebaut für damals 25.000 Katholiken. Heute sind es durch Wegzug und Austritt noch 5000. Wir brauchen dort in Zukunft nur noch zwei oder drei Kirchorte. Wir rollen den Teppich jetzt wieder ein. Wir werden Kirchengebäude aufgeben, weil sie nicht genutzt werden und weil wir sie nicht mehr finanzieren können.
Ist auch der Raum Fulda betroffen?
Bislang kaum. Aber es wird der Punkt kommen, wo wir auch hier Dinge infrage stellen. In den 70er- und 80er-Jahren haben wir viele Gemeindezentren gebaut. Diese wurden von fünf oder sechs Messdienergruppen, von Jugend- und Seniorengruppen genutzt. Jetzt sind nur noch eine oder zwei Gruppen pro Woche drin.
Müssen Sie auch beim Personal sparen?
Bei den pastoralen Mitarbeitern stellen wir ein, was wir an geeigneten Personen bekommen, und natürlich Priester – soweit sie da sind. Aber an anderer Stelle müssen wir überlegen, was noch geht. Bei unseren Kindergärten besprechen wir mit den Kommunen, dass unser Kostenanteil sinkt.
Auch die Zahl der Priester sinkt.
Der Priestermangel wird uns in den nächsten Jahren noch härter treffen als bisher. Wir setzen verstärkt Diakone, Gemeindereferentinnen und Pastoralreferenten in der Seelsorge und in großen oder Verbund-Gemeinden Verwaltungsleiter ein, um Priester zu entlasten. Und wir müssen fragen: Wer steht vor der Tür, den wir bisher noch nicht berücksichtigt haben mit seinen Begabungen?
Frauen stehen vor der Tür. Die Kirche schließt sie von vielen Funktionen aus.
Wir beziehen Frauen in vielen Funktionen ein und bringen sie verstärkt in Leitungsfunktionen. Ausgeschlossen sind sie allein vom Priestertum.
Manche Frauen empfinden das als ungerecht.
Ja. Aber wir in Fulda können daran nichts ändern.
Protestanten und Anglikaner lassen Frauen als Priester zu. Sie berufen sich auf dieselbe Bibel wie die Katholiken.
Orthodoxe und Baptisten lassen auch keine Frauen zu.
Wer liest die Bibel richtig?
Das weiß der liebe Gott allein.
Erwarten Sie Änderungen durch den Diskussionsprozess „Synodaler Weg“?
Der Weg ist durch Corona ins Stocken geraten. Ich finde es wichtig, dass man miteinander spricht und Dinge öffentlich aufgreift – etwa die Frage der Rolle der Frau oder die Frage, wie gehen wir mit Macht und Missbrauch um. Aber wie wir die Breite des katholischen Lebens in einer neuen Form in die Zukunft bringen, das ist für mich offen.
Hier in Fulda sehen wir, wie die Kirche unsere Städte prägte. Nun verwischen sich jahrhundertealte Traditionen. Bedrückt Sie das?
Es gibt Zeiten, da macht mich das traurig. Aber ich finde auch immer wieder die Kraft, auch aus meinem Glauben, und ich versuche, das Meine zu tun, damit der Glaube weiterlebt. Das gehört zu meinem Leben und meiner Berufung. Und ich werde am Ende sagen: Ich habe versucht, meinen Teil zu tun.

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