In der „Aus ärztlicher Sicht“-Kolumne scheint Klinikum-Vorstand Dr. Thomas Menzel über den R-Wert.
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In der „Aus ärztlicher Sicht“-Kolumne scheint Klinikum-Vorstand Dr. Thomas Menzel über den R-Wert.

Klinikum-Chef Dr. Menzel

Bei der Schätzung des aktuellen R-Wertes ist Vorsicht besser als Nachsicht

Viel wird über die Reproduktionszahl „R“ des Sars-CoV-2 diskutiert. Von der R-Zahl soll abhängen wie schnell wir zu einem normalen Leben zurückkehren dürfen. Lesen Sie die „Aus ärztlicher Sicht“-Kolumne von Klinikum-Vorstand Dr. Thomas Menzel.

Viel wird derzeit über die Reproduktionszahl „R“ des Sars-CoV-2 diskutiert. Von der R-Zahl soll abhängen wie schnell wir zu einem normalen Leben zurückkehren dürfen. R steht für Reproduktion, für die Vervielfältigung. Die Basisreproduktionszahl R 0 gibt an, wie viele weitere Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt.

Ein Wert von 1 bedeutet, dass jeder Infizierte einen weiteren Menschen ansteckt. Die Politik verfolgt das Ziel, den Wert möglichst weit unter eins zu senken, damit jeder Infizierte deutlich weniger als einen weiteren Menschen ansteckt.

Gewisse Grauzone bleibt

Um die R-Zahl möglichst treffsicher zu ermitteln, stellen die Fachleute viele Fragen. Das sind ihre wichtigsten: Wie viele Menschen haben sich neu infiziert? Wie viel Zeit vergeht zwischen der Infektion einer Person bis zur Infektion der von ihr angesteckten nächsten Person oder Personen? Werden auch alle Infektionen erfasst und gemeldet? 

Viele der benötigten Zahlenwerte können die Experten nur schätzen. Aber je länger die Pandemie läuft, umso besser wird die Datengrundlage für die Berechnung. Allerdings wird immer eine gewisse Grauzone bleiben.

Die Statistiker sprechen von der Standardabweichung. Am 9. April zum Beispiel betrug der Wert R 0,9. Die Grauzone erstreckte sich zwischen 0,8 und 1,1. Das bedeutet, dass der tatsächliche Wert eben auch 0,8 oder 1,1 gewesen sein konnte. 

Streit über Sinn der Einschränkungen

Aber: Um die erforderlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aus den Daten abzuleiten, reicht die R-Zahl allein nicht aus. Dafür braucht es zusätzliche Kennzahlen wie beispielsweise die Zahl der durchgeführten Tests, mit der die Datensicherheit steigt, und die freie Kapazität der Krankenhäuser, damit diese nicht überbeansprucht wird.

Die Angaben des Robert-Koch Instituts vom 23. April zum zeitlichen Verlauf der Reproduktionszahl in Deutschland hat eine teilweise heftige Diskussion über den Sinn der Einschränkungen ausgelöst. Dort wurde nämlich festgestellt, dass die R-Zahl den Wert von 1 erreicht hatte, bevor die strengen Lock-Down-Maßnahmen in Kraft getreten sind.

Wird aktuell der R-Wert etwas zu hoch geschätzt?

Die R-Zahl lag Anfang März etwa bei 3 und pendelte sich ab 21. März auf etwa 1 ein. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass bereits Anfang März schrittweise sehr erfolgreiche Maßnahmen zur Verringerung der Zahl der Ansteckungen umgesetzt wurden. Zum Beispiel wurden Massenveranstaltungen wie Fußballspiele und Konzerte abgesagt.

Parallel werden in Deutschland von Beginn an die Testkapazitäten stetig erhöht, so dass ein immer größerer Teil der Infektionen bekannt wird. Das bringt mehr Datensicherheit, kann allerdings auch dazu führen, dass der aktuelle R-Wert etwas höher geschätzt wird als er real ist. Doch aus Sicht der Krankenhäuser ist Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Hier lesen Sie: Zurück zur Normalität - auch in Krankenhäusern

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