Die „Identitäre Bewegung“ zielt auf eine junge Gefolgschaft. / Foto: privat

Kreis Fulda ist Hochburg der rechtspopulistischen „Identitären Bewegung“

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Neuhof - Wegen eines Artikels in der Frankfurter Rundschau herrscht große Aufregung. Der Kreis Fulda soll in Hessen eine Hochburg der von Experten als gefährlich eingestuften „Identitären Bewegung“ sein. Ihr Anführer, Marcel V., stammt aus Neuhof. Von den Zielen distanziert sich der junge Mann – trotz seines verkündeten Austritts aus der Gruppierung – bis heute nicht.

Während des Interviews wirkt Marcel V. stark verängstigt. Seit rund zwei Wochen kommt der Neuhofer kaum zur Ruhe. Durch einen Artikel der Frankfurter Rundschau wurde publik, dass er der Anführer der rechtspopulistischen „Identitären Bewegung“ („IB“) in Hessen ist. Die Gruppierung fordert die kulturelle „Reinhaltung“ der Gesellschaft nach Ethnien und wird von Rechtsextremismus-Experten als gefährlich eingestuft. Von der Agitation der „Identitären“ gehe eine konkrete Bedrohung für Flüchtlinge aus, sagt Rechtsextremismus-Experte Helge von Horn. Das Propagieren von Gewaltfreiheit sei oftmals nur Fassade, bei dieser Gruppierung träten in vielen Fällen Personen in Erscheinung, die in der Vergangenheit mit Gewalt aufgefallen sind. Flugblätter, die Hass schüren, könnten andere dazu ermutigen, Flüchtlinge zu attackieren. Entschuldigung für Hetz-Flugblätter Im Gespräch mit fuldaerzeitung.de gesteht Marcel V., mehrmals Hetz-Flugblätter verteilt zu haben. In ihnen wurden Flüchtlinge generell als Kriminelle diskreditiert. „Das war falsch“, sagt er. Es sei unfair gewesen, alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. „Unter meinen Freunden befinden sich sehr viele Ausländer, gegen die ich nie einen Groll gehegt habe.“

Von den Zielsetzungen der rechtspopulistischen Gruppierung distanziert sich der Neuhofer nicht. Seinen öffentlich verkündeten Rücktritt als Regionalleiter von Hessen vor wenigen Tagen erklärt er damit, dass es ihm nicht gelungen sei, seine „demokratischen, humanen Ziele“ zu vermitteln. „Ich habe nie extremistische, rassistische, antidemokratische oder menschenverachtende Ziele verfolgt und auch niemanden aufgefordert, diese zu verfolgen“, erklärt er in einer Stellungnahme. „Reine Schutzfunktion“ Ob er sich nun aus dem Milieu zurückgezogen hat, ist schwer zu sagen. „Ich würde ein Fragezeichen dahinter setzen“, sagt Rechtsextremismus-Experte Malthe Lentzsch vom Beratungsnetzwerk Hessen. Auch das Bündnis „Fulda stellt sich quer“ hält den Rückzug von Marcel V. für „sehr fragwürdig“. Dies sei eine „reine Schutzfunktion“. Marcel V. hat für die „Identitäre Bewegung“ im Kreis Fulda entscheidende Aufbauarbeit geleistet. Er gibt zu, die erste Ortsgruppe in Fulda gegründet zu haben, er war zum Regionalleiter Hessen ernannt worden. Und die Anhängerschaft wuchs immer weiter. Ende März wurde auf der Facebookseite der „IB“ Hessen verkündet: „Die IB Fulda gehört nun wohl endgültig zu den größten Ortsgruppen in Deutschland mit enormem Wachstumspotenzial.“ Soziologe von Horn bewertet die Fuldaer „Identitären“ als aktivste Gruppe in ganz Hessen, Lentzsch spricht von einer Hochburg. Für Neuhof bedeutet die Enthüllung indes eine große Belastung. „Neuhof ist kein brauner Sumpf“, betont Bürgermeisterin Maria Schultheis (CDU). „Wir sind eine offene Gemeinde mit 47 Nationen. Viele Bürger engagieren sich für Flüchtlinge.“ Es gebe 10 Gruppen mit 60 Helfern. Sie wolle nichts beschönigen, aber Menschen mit zweifelhafter Gesinnung gebe es leider überall. Hintergrund: Ethnopluralismus Die „Identitäre Bewegung“ bekennt sich offen zum Ethnopluralismus, einem kulturell begründeten Rassismus, erläutert Soziologe Helge von Horn. Jeder Mensch wird demnach einem Kulturkreis zugeordnet. Mitglieder verschiedener Kulturen sollen sich nicht vermischen. Denn Völker könnten nur überleben, wenn sie unter sich blieben. „Jede Gruppe sei umso besser und stärker, je ähnlicher sich ihre jeweiligen Angehörigen seien“, erläutert die Bundeszentrale für politische Bildung das Konzept. Dass alle menschlichen Kulturen das Resultat gegenseitiger Beeinflussung sind, werde einfach ignoriert. Sämtliche „fremden“ Einflüsse gelten als Bedrohung für die Identität, das eigene Volk. Fremdenangst ist die Konsequenz. Ausgrenzung „fremder“ Menschen“ kann so gerechtfertigt werden. Lesen Sie auch: Steigt mit Asylbewerberheimen die Kriminalität?

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