Aus diesem Haus in Nüsttal-Morles ist im Oktober 2018 eine Frau mit ihren zwei kleinen Töchtern gerettet worden. Am Montag hat sie vor Gericht ausgesagt. (Archivfoto)
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Aus diesem Haus in Nüsttal-Morles ist im Oktober 2018 eine Frau mit ihren zwei kleinen Töchtern gerettet worden. Am Montag hat sie vor Gericht ausgesagt. (Archivfoto)

„Dann sah ich den Rauch“

Prozess um schwere Brandstiftung in Morles: 27-Jährige schildert ihre Rettung

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Am Landgericht Fulda ist der Prozess gegen einen heute 50-jährigen Mann fortgesetzt worden, der im Oktober 2018 seine Wohnung angezündet und damit eine Frau und zwei Kinder in Lebensgefahr gebracht haben soll. Am Montag sagte neben anderen die betroffene Frau aus.

Fulda/Morles - Es ist wohl kurz nach halb zehn an diesem Abend des 20. Oktober 2018. Die heute 27-Jährige hat gerade ihre beiden Töchter, drei und fünf Jahre alt, ins Bett gebracht. Sie durften, weil Samstag ist, etwas länger aufbleiben. Ihr Mann ist nicht zu Hause, er betreibt als Gastronom zwei Pizzerien – eine in der Nachbarschaft, eine weitere in Künzell. Dort arbeitet er an diesem Abend.

„Plötzlich hörte ich ein Piepsen“, schilderte die Mutter am Montag vor dem Landgericht Fulda: „Ich bin dann erst in die Küche gegangen, weil ich dachte, ich hätte vielleicht den Herd angelassen.“ Sie schaltete das Licht in der Wohnung an. „Dann sah ich den Rauch, der unter den Türen hervorkam.“ Sie rief ihren Mann an, der ihr sagte, sie solle sich und die Kinder so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. „Vom Fenster aus sah ich viele Leute unten stehen, die mir zuriefen „Komm schnell raus“. Zwei Jungs, die in der Pizzeria arbeiten, organisierten eine Leiter. „Zuerst holten sie die Kinder raus; ich wollte noch ein paar Sachen holen für die Mädchen – es war ja Oktober und schon ziemlich kalt“, schildert sie. Dann sei sie selbst über die Leiter ins Freie geklettert.

Prozess um schwere Brandstiftung in Morles - Familie leide bis heute unter den Folgen des Brandes

Bis heute leidet die Familie unter den Folgen des Brandes: „Ich stehe mehrmals in der Nacht auf, um nach dem Rechten zu sehen“, schilderte sie am Montag vor Gericht. Ihre Töchter hätten oft Angst und schliefen schlecht, die Kleinere käme nachts oft zu den Eltern. Inzwischen gehört auch ein acht Monate alter Sohn zu der Familie.

Im Zeugenstand schilderte am Montag auch der 47-jährige Ehemann seine Eindrücke von der Brand-Nacht. Der Vorfall habe ihn sehr mitgenommen. Der Angeklagte plante die Tat, davon sind seine Frau und er überzeugt. Und: Der 50-Jährige habe wissen müssen, dass die Mutter mit den Kindern im Haus war.

Durch den Brand des Hauses ist die Familie in finanzielle Schwierigkeiten geraten

Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Egon Schütz.

Die Familie ist auch finanziell getroffen: Sie ist Eigentümerin des etwa 150 Jahre alten Hauses, das im Oktober 2018 brannte. Die Erdgeschosswohnung darin gehört dem Angeklagten, die Hauseigentümer leben in der Wohnung darüber. Früher hatte dem 50-Jährigen und dessen Familie das gesamte Gebäude gehört.

Wenige Wochen vor dem Brand war im Bad des Angeklagten ein Teil der Decke eingestürzt. Dieser Vorfall hatte den 50-Jährigen, dem es finanziell ohnehin nicht gut ging, laut eigener Aussage in Verzweiflung gestürzt.

Der 47-jährige Hauseigentümer reagierte mit wachsendem Unverständnis, als er nach dem Schaden in der Wohnung des Angeklagten gefragt wurde – und wie er als Hausbesitzer damit umgegangen sei. Ein solcher Schaden komme bei einem so alten Haus schon mal vor und sei kein großes Problem gewesen. Handwerker habe er bereits organisiert gehabt – doch dann brannte es. Seit etwa einem Jahr wohnt die Familie wieder in dem Haus in Morles. Der Schaden durch den Brand an dem Gebäude beläuft sich laut Versicherung auf mehr als 210.000 Euro.

Angeklagter entschuldigt sich bei der Familie und „würde es gerne ungeschehen machen“

Bei dem Geschädigten und dessen Frau entschuldigte sich der Angeklagte eindringlich. Er habe keine Zukunft gesehen und keine finanziellen Mittel gehabt. „Ich würde es gerne ungeschehen machen, es tut mir so leid“, erklärte er.

Als weitere Zeugen befragt wurden der Hausarzt des Angeklagten und eine Zeugin, die mit dem 50-Jährigen kurze Zeit liiert gewesen war. Beide beschrieben ihn als freundliche Person ohne Aggressionen. Auf Bitten des Angeklagten habe die Zeugin vor dem Brand versucht, zwischen dem 50-Jährigen und dem Hausbesitzer zu vermitteln. Dieser habe sie jedoch abgewiesen. Ein Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, bei dem der Angeklagte in Therapie ist, berichtete von einem Suizidversuch, wegen dessen der Angeklagte in Behandlung gewesen sei.

Die Verhandlung am Landgericht Fulda wird am Mittwoch um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Lesen Sie hier: Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag ausführlich Stellung genommen. Dem Angeklagten wird versuchter Mord und Brandstiftung vorgeworfen.

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