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Langer Weg zur Gerechtigkeit – Prozessbeginn nach tödlichem Glatteis-Unfall am Neuhofer Bahnhof

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Die Schülerin Sophia rutscht auf einem eisglatten Bahnsteig aus, gerät vor einen Zug und stirbt. Sind Bahn-Mitarbeiter schuld, die unter anderem für den Winterdienst verantwortlich waren? Ein Prozess soll nach über neun Jahren den Fall klären.

Fast zehn Jahre nach dem dramatischen Tod der 16-jährigen Schülerin am Bahnhof in Neuhof beginnt am Dienstag, 6. August, ein Prozess wegen fahrlässiger Tötung. Sophia war am 4. Februar 2010 an einer eisglatten Stelle vom Bahnsteig auf die Gleise gestürzt und von einem einfahrenden Regionalzug überrollt worden. Die Schülerin starb noch an der Unfallstelle. Zahlreiche weitere Jugendliche hatten gemeinsam mit der 16-Jährigen auf den Zug gewartet, um nach Fulda zur Schule zu fahren.

Angeklagt sind vor dem Landgericht Fulda vier Bahn-Mitarbeiter. Der Fahrdienstleiter war am Unglückstag verantwortlich für die Gleise, Signale und Weichen im Bahnhof. Der Winterdienstkoordinator war zuständig für die Organisation der Winterdienste, die durch Subunternehmen im Bahnhof ausgeführt wurden.

Der Leiter des Bahnhofsmanagements Kassel arbeitete damals für eine Tochterfirma der Deutschen Bahn AG, die verpflichtet war, für die Verkehrssicherung der Bahnsteige zu sorgen. Der Geschäftsführer des Gebäude-Managements sollte den Winterdienst durchführen. Dies soll er laut Staatsanwaltschaft aber an jenem Tag nicht getan haben.

Bahnsteig laut Staatsanwaltschaft ungenügend geräumt

Laut Staatsanwaltschaft war der Bahnsteig auf einem zu schmalen Stück vom Schnee geräumt gewesen, so dass viele der wartenden Schüler zwischen Bahnsteig und der weißen Sicherheitslinie gestanden hätten. Außerdem habe es erhebliche Eisbildungen auf dem Bahnsteig gegeben.

Der Verfahrenseröffnung vor dem Landgericht ging ein jahrelanges juristisches Tauziehen voraus. Im Januar 2012 hatte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gab der Beschwerde der Mutter der Getöteten statt und ordnete weitere Ermittlungen an. Die Staatsanwaltschaft erhob daher Anklage beim Amtsgericht, doch das übertrug den Fall wegen seines Umfangs dem Landgericht.

Das Landgericht lehnte die Verfahrenseröffnung im September 2017 mit der Begründung ab, es sei nicht aufklärbar, ob die Schülerin auf Eis oder in einer Pfütze ausgerutscht sei, ob also überhaupt der Winterdienst verantwortlich gewesen sei. Auch sei fraglich, ob am Unfalltag aufgrund der Wetterlage eine Räum- und Streupflicht bestanden habe. Dagegen legten die Mutter der Getöteten und auch die Staatsanwaltschaft abermals erfolgreich Beschwerde ein.

Es eilt: Absolute Verjährung am 4. Februar 2020.

Im Dezember 2018 entschied das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG), dass das Landgericht Fulda doch einen Prozess eröffnen muss. In der Begründung heißt es, der Winterdienst habe den Bahnsteig nicht überall von Schnee und Eis geräumt. Mehr Kontrollen, eine gründliche Räumung und mehr Streusalz hätten den Tod der Schülerin verhindern können.

Die Entscheidung des OLG kam gerade noch rechtzeitig. Am 4. Februar 2020 wäre der Fall verjährt gewesen. Das Landgericht hat rund dreißig Prozesstage bis Januar 2020 eingeplant. Fahrlässige Tötung wird mit bis zu fünf Jahren Haft oder einer Geldstrafe geahndet. /dpa, mbl

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