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Lehrerverband beklagt mangelnde Qualifizierung von Quereinsteigern

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Berlin/Fulda - Deutschland braucht dringend mehr Lehrer - aber zu welchem Preis? Quereinsteiger stehen teils vor Schulklassen, ohne in Lehrtechniken und Pädagogik umfassend geschult zu sein. Der Lehrerverband findet dafür drastische Worte.

Der Deutsche Lehrerverband hat eine unzureichende Qualifizierung von Quereinsteigern an Schulen scharf kritisiert. Diese sei „ein Verbrechen an den Kindern“, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger der „Welt“. „Innerhalb von zwei Wochen Uni-Absolventen, die noch nie etwas von Pädagogik und Didaktik gehört haben, per Crashkurs zur Grundschullehrkraft auszubilden, das ist doch absurd.“ Das zeige, wie gering die notwendige Berufsprofessionalität von der Politik geschätzt werde. Das Bundesbildungsministerium verwies am Montag auf die Zuständigkeit der 16 Bundesländer.

In ganz Deutschland Bedarf

Tatsächlich ist die Lage dort sehr unterschiedlich. In ganz Deutschland gibt es aber einen großen Bedarf an Lehrern. Das Problem dürfte in den kommenden Jahren andauern. Gründe sind unter anderem Pensionierungen, steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung.

Minister Lorz: Es geht nicht ohne

Fachleute sind deswegen überzeugt, dass es ohne berufliche Umsteiger gar nicht gehe: „Auf mittlere Sicht werden wir in einigen Ländern nicht ohne Quereinsteiger auskommen“, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU), der „Welt“: „Wir sind uns darüber bewusst, dass diese auch entsprechend qualifiziert werden müssen.“ Im kommenden Jahr würden daher alle Länder ihre Bemühungen „weiter verstärken“, Quereinsteiger gezielt fortzubilden und zu qualifizieren.

Meidinger kritisierte, vielerorts würden Quereinsteiger ohne qualitätssichernde Vorgaben auf die Schüler losgelassen. „Dazu kommt, dass es für die Quereinsteiger keine ausreichende Zahl von Ausbildungslehrern gibt.“

Hoher Anteil in Sachsen

Bundesweit gibt es keine einheitliche Definition für den Quereinstieg beziehungsweise den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf. Auch sonst ist der Umgang in den 16 Ländern damit sehr unterschiedlich: In Sachsen lag 2018 der Anteil der Quereinsteiger bei 50,6 Prozent, höher als in allen anderen Ländern - gefolgt von Berlin mit 40,1 Prozent. In Thüringen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg Hessen und Rheinland-Pfalz war der Anteil dagegen im einstelligen Bereich, in Bayern und im Saarland bei null.

Zu der Debatte äußert sich auch der Vorsitzende des Hessischen Philologenverbandes, Reinhard Schwab. Er unterrichtet an der Stein-Schule in Fulda und erklärt:

„Einen gravierenden Lehrermangel gibt es in den Grund- und Förderschulen, ebenfalls im Bereich des Schulamtes Fulda. Quereinsteiger können nur eine Notlösung sein, auch wenn es pädagogische Naturtalente geben mag.

Pädagogisch nicht ausgebildete Personen können Fachkräfte zwar unterstützen, grundsätzlich notwendig ist jedoch auf Seiten der Lehrenden eine Kompetenz, die durch ein schulformbezogenes Studium, ein Referendariat sowie zwei Staatsprüfungen nachgewiesen wird.

Die Zusammensetzung der Schülerschaft hat sich seit Jahren spürbar verändert. Der Migrantenanteil ist gestiegen, auch der Anteil von Schülern mit Förderbedarf, die an allgemeinen Schulen unterrichtet werden. Lehrkräfte sind derzeit besonders gefordert durch die zunehmende Heterogenität in der Schülerschaft, zudem müssen sie mitunter auch elterliche Aufgaben übernehmen.

Und es ist folglich äußerst anspruchsvoll, zuweilen kaum möglich, einen Unterricht zu gestalten, in dem alle Kinder mit unterschiedlichen kognitiven und sprachlichen Voraussetzungen sowie einem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund gleichermaßen profitieren.

Ziel sollte ein effizienter Unterricht sein. Eine optimale Förderung der Kinder und Jugendlichen beruht nach wie vor auf einigermaßen homogenen Lerngruppen. Und gutes Unterrichten will gelernt sein, dazu gehören der Sach- und Fachverstand und das pädagogisch-psychologische Geschick der Lehrenden. Der Einsatz von Quereinsteigern birgt die Gefahr, diese Personen zu verheizen.

Die derzeitige Situation schwächt das Bildungsniveau in Deutschland, sie geht zu Lasten der jungen Generation und auch der Lehrenden. Wir verdanken sie einer Bildungspolitik, die sich mehr mit Ideologie als mit den schulischen Realitäten beschäftigt hat.“ / kw

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