Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel.
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Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel.

Lehrerin und Fotografin

Hilderserin reist nach Lesbos und fotografiert Geflüchtete - „Ich möchte kein Mitleid wecken, aber Mitgefühl“

  • Sarah Malkmus
    vonSarah Malkmus
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Die 33-jährige Lehrerin und Fotografin Annika Nüdling aus Hilders ist für zehn Tage nach Lesbos gereist, um geflüchtete Menschen zu fotografieren und vor Ort zu helfen. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Fulda/Lesbos - Annika Nüdling aus Hilders hat Menschen fotografiert, die in den Camps auf Lesbos ausharren, und ihre Geschichten gehört.

Annika Nüdling ist nach Lesbos gereist und hat Geflüchtete fotografiert - „Ich möchte kein Mitleid wecken, aber Mitgefühl“

Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel.
Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel. © Annika Nüdling
Fotografin Annika Nüdling
Fotografin Annika Nüdling © Annika Nüdling
Die Murmeln sind Samirs einziges Spielzeug seit 18 Monaten.
Die Murmeln sind Samirs einziges Spielzeug seit 18 Monaten. © Annika Nüdling
Reza (links) aus dem Iran ist seit 15 Monaten von seiner Mutter getrennt. Dieses Jahr wäre sein erstes Schuljahr gewesen. Im Camp gibt es keinen Platz für ihn in der Schule.
Reza (links) aus dem Iran ist seit 15 Monaten von seiner Mutter getrennt. Dieses Jahr wäre sein erstes Schuljahr gewesen. Im Camp gibt es keinen Platz für ihn in der Schule. © Annika Nüdling
Rahel läuft mit ihrer Mutter jeden Tag zehn Kilometer in das abgebrannte Camp Moria, um ihre zurückgelassene Katze zu füttern.
Rahel läuft mit ihrer Mutter jeden Tag zehn Kilometer in das abgebrannte Camp Moria, um ihre zurückgelassene Katze zu füttern. © Annika Nüdling
Auf die Frage, welches Tier sie für einen Tag lang sein wolle, sagte Anis „ein Vogel“.
Auf die Frage, welches Tier sie für einen Tag lang sein wolle, sagte Anis „ein Vogel“. © Annika Nüdling
Für viele Menschen ist Fabiola die einzige Hoffnung auf körperliche und seelische Rehabilitation.
Für viele Menschen ist Fabiola die einzige Hoffnung auf körperliche und seelische Rehabilitation. © Annika Nüdling
Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel.
Bahiri hat wie die meisten Kinder aus dem Camp Hauterkrankungen aufgrund von Platz- und Hygienemangel. © Annika Nüdling
Sie sind nach Lesbos geflogen, um geflüchtete Menschen zu fotografieren. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Die Idee habe ich schon gehabt, bevor das Camp Moria auf Lesbos abgebrannt ist. Mich haben die Bilder, die ich im Fernsehen sah und die Artikel, die ich in Zeitungen las, nicht losgelassen. Alle sehen nur halb hin, aber nicht richtig, und es passiert nicht wirklich etwas. Es muss nicht immer eine große Gruppe sein oder eine Organisation, man kann auch als Einzelperson ein bisschen etwas ändern, und so ist meine Idee entstanden.
Wie hat denn Ihr Umfeld auf Ihren Entschluss reagiert?
Geteilt. Einige waren total begeistert, haben gefragt, woher ich den Mut nehme, alleine dort hinzureisen, und haben mir viel Motivation geschenkt. Aber es gab eben auch viele Personen – gerade in meinem engeren Umfeld – die etwas Angst hatten. Und viele haben auch gefragt, warum ich das mache. Ich könnte doch auch erst einmal hier vor Ort schauen, ob ich irgendwie helfen kann.
Wo genau haben Sie gelebt?
Ich hatte in den sozialen Medien gesehen, dass eine andere Fotografin mit einer Physiotherapeutin zusammen gearbeitet hat. Ihr Name ist Fabiola Velasquez. Sie habe ich angeschrieben und ihr von der Idee erzählt, dass ich gerne zehn Tage nach Lesbos fliegen, fotografieren und Spenden von meinen Schülern verteilen möchte. Sie sagte ganz spontan: „Okay, komm vorbei, ich habe noch ein Haus, wo auch ein Afghane lebt, der gerade in Griechenland Asyl bekommen hat. Du kannst mich bei der Arbeit begleiten.“ So kam ich dann bei Fabiola für zehn Tage unter.
Vorher haben Sie sich noch nicht gekannt, richtig?
Nein. Wir haben uns vorher fünf oder sechsmal hin und hergeschrieben und das war es. Ich hatte letztendlich nur meinen Koffer, 30 Kilogramm Spenden von meinen Schülern, einen kleinen Rucksack und Fabiolas Nachrichten auf meinem Handy.
Hatten Sie Angst?
Nein, null. Ich hatte ein Bauchgefühl, eine Intuition, auf die ich mich verlassen habe. Die hat mir gesagt: „Es ist genau das Richtige, was du tust.“ Ich hatte Respekt vor dem, was ich sehen würde. Und ich hatte Respekt davor, von den Schicksalen der Menschen zu hören und sie mit eigenen Augen zu sehen. Aber dass mir irgendwas passiert oder dass es sich als falsche Entscheidung herausstellt, davor hatte ich zu keiner Zeit Angst.
Wie hat die Reise in Ihrer Vorstellung ausgesehen und wie war sie in echt?
Ich habe mir eigentlich nicht viel vorgestellt. Ich habe mir einfach nur gedacht: „Du machst den Koffer voll, du fährst hin und siehst spontan, was dann passiert.“ So führe ich auch mein Leben. Schon immer. Letztendlich wurde es dann wesentlich intensiver, als ich es mir vorgestellt habe. Und es hätte nicht besser laufen können – von den Kontakten, die ich herstellen konnte, und von den Menschen, mit denen ich dort gesprochen habe.
Wie sah Ihr Alltag in den zehn Tagen aus?
Ich habe mit einem Afghanen – sein Name ist Sohrab – in einem Haus gelebt. Fabiola hat vor Ort einen kleinen Container, in dem sie als Physiotherapeutin ehrenamtlich arbeitet. Sie kümmert sich um die seelische und körperliche Rehabilitation der Geflüchteten. Sie hat mich mitgenommen in ihren Container. Offiziell darf ich nämlich gar nicht in die Camps rein, da es ehemaliges Militärgebiet ist. Durch sie war es aber möglich, und ich durfte sie bei ihrer Arbeit begleiten, habe dort viel mit Menschen gesprochen, Fotos gemacht und ihre Geschichten aufgeschrieben. Oft bin ich aber auch auf die Straße vor das Camp gegangen und habe Menschen direkt angesprochen und sie gefragt, wie ihre Geschichte ist, wie lange sie schon dort sind und wie es ihnen geht.

Zur Person

Annika Nüdling aus Hilders wurde am 8. Juni 1987 geboren und arbeitet als Lehrerin für Biologie und Englisch. Darüber hinaus ist sie seit zwei Jahren als Social-And-People-Fotografin tätig. Mit ihren Bildern möchte sie Stereotypen ändern und Bewusstsein wecken. Inspiriert wird sie nach eigenen Angaben von den „guten“ Menschen, den Vorreitern, die aufstehen, Dinge verändern, den Querdenkern und denen, die die Welt ein klein wenig besser machen möchten.

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Annika Nüdling aus Hilders spricht mit Geflüchteten auf Lesbos

Wie ist man Ihnen gegenübergetreten?
Alle waren ausnahmslos aufgeschlossen. Sie waren interessiert, mir etwas zu erzählen. Viele haben zu mir gesagt: „Es hat mich noch nie jemand gefragt, wie es mir geht.“ Und ich war oftmals die erste, die gefragt hat: „Was ist dir widerfahren? Was ist dein Schicksal und wie geht es dir?“ Bei vielen war es, als wäre ein Stück Ballast von ihnen abgefallen.
Wie war es für Sie persönlich in dem Camp?
Die Menschen wurden, nachdem Moria abgebrannt ist, in ein Übergangscamp deportiert. Dort leben jetzt etwa 13.000 Menschen. Ich habe es mir von außen angeschaut. Das sind Zelte, die nicht auf Paletten stehen, sondern direkt am Boden. Es hat zweimal stark geregnet, die Zelte wurden komplett feucht und sie halten den Wind nicht ab, es gibt keine Matratzen, keine Kissen und keine Duschen. Die Menschen schlafen auf Plastikplanen und haben nur dünne Decken. Es gibt Wasserhähne am Boden und Dixie-Toiletten. In diesem Zeltlager sind die Umstände absolut inhuman und unverantwortlich. Die Frauen dort waschen ihre Kinder im Salzwasser, das hat nicht einmal 15 Grad zur Zeit. Die Menschen haben keine hohen Erwartungen, aber das kann man wirklich niemandem antun.
Welche Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Eine Frau kam vor einem halben Jahr ins Camp Moria und hat nicht gesprochen. Keiner wusste, was mit ihr los war. Sie hat viel geweint und viel geschrien, aber sie hat nicht geredet. Eine Bekannte, die mit ihr im Zelt für alleinstehende Frauen gelebt hat, nahm sie mit zu Fabiola und sagte: „Du musst mit der Frau irgendetwas tun, ihr geht es so schlecht. Sie weint nur noch.“ Fabiola hat sich dann sehr lange mit ihr unterhalten und irgendwann hat sie erzählt, dass sie nachts in einem Schlauchboot war, um von der Türkei nach Lesbos zu fahren. Meistens sind diese Boote so überladen mit Menschen, dass sie kentern. Das ist auch mit diesem Schlauchboot passiert. Und sie hat ihr Baby im Arm gehabt. Als das Schlauchboot umgefallen ist, ist ihr das Baby aus den Armen geglitten und ertrunken.
Wie haben Sie auf diese Erzählung reagiert?
Ich habe versucht, mich zusammenzureißen, habe geschluckt und habe meine Hand auf ihre Schulter gelegt und sie umarmt, bis sie sich beruhigen konnte.
Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ganz am Anfang habe ich vielen Menschen zugehört, und ich habe nicht erwartet, dass es mich so packt. Zum Teil musste ich aus dem Container raus, musste Luft holen, habe auch geweint. Aber das wollte ich nicht vor den Menschen tun. Ihnen geht es wirklich schlecht und ich musste es „nur“ anhören.
Welche Rolle hat Ihre Kamera in der Zeit gespielt?
Die ersten fünf Tage konnte ich kein Foto machen, nichts schreiben, nichts posten. Ich war wie taub. Ich habe nur zugehört und geholfen, und als ich einigermaßen dort angekommen war, und mich ein bisschen sortieren konnte, habe ich angefangen, Fotos zu machen. Es war mir unangenehm. Es kam mir so vor, als würde ich das Leid der Menschen aufnehmen wollen. Das war ja auch so, aber es war mir total wichtig, dass die Welt das sieht. Mir geht es darum, dass es eben nicht „die Flüchtlinge“ sind, sondern Mütter, Väter, Söhne, Töchter, Kinder und Babys – einfach Menschen, die stark traumatisiert wurden. Es sind Menschen mit Persönlichkeit und einer Liebenswürdigkeit, die für diese Umstände wirklich etwas ganz Besonderes ist.
Welche Bedeutung haben diese Fotos jetzt für Sie?
Die Fotos geben mir ein bisschen Hoffnung, weil die Menschen damit ein Gesicht bekommen haben und sie nicht vergessen werden. Es war leidvoll, und es war das Schlimmste, was ich je erlebt habe, aber die Menschen haben trotzdem noch einen Hoffnungsschimmer in ihren Augen.
Was würden Sie sich wünschen, was die Bilder bewirken?
Ich wünsche mir, dass die Menschen hinsehen und hinter den Geflüchteten Gesichter, Persönlichkeiten und Geschichten sehen. Ich möchte kein Mitleid wecken, aber Mitgefühl.
Das, was Sie gemacht haben, machen nicht viele Menschen. Wieso glauben Sie, dass das so ist?
Ich glaube, dass Menschen viel stärker sind, als sie zu sein glauben. Vielleicht haben viele Europäer Angst. Angst davor, was sie sehen könnten. Einige glauben sicher auch, nicht einfach irgendwohin fahren und helfen zu können. Aber doch: Das kann man. Man kann einfach den Koffer vollmachen mit Spenden und losfahren. Ich denke, die Menschen sollten aktiver werden, mehr hinsehen und Verantwortung für die Gesellschaft und unsere Zukunft übernehmen.

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