Michael Gutsche aus Fulda ist zurück von der Mosaic-Expedition.
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Michael Gutsche aus Fulda ist zurück von der Mosaic-Expedition.

Weltrekord mit Eisbrecher

Michael Gutsche war dem Nordpol so nahe – Arktis-Abenteuer ist für Fotograf aus Fulda zu Ende gegangen

Jedes Abenteuer hat einmal ein Ende. So kehrte der Fuldaer Michael Gutsche von der größten Arktisexpedition aller Zeiten – unter dem Namen „MOSAIC“ – nach Fulda zurück.

Von Michael Gutsche

Fulda/Nordpol - Michael Gutsche aus Fulda befand sich zwei Monate als Fotograf und Kommunikations-Manager auf der „Polarstern“. Hier sein finaler Bericht:

Rückreise mit der Twin Otter

Im Vorfeld des offiziellen Austausches konnte eine kleine Gruppe unseres Expeditionsabschnittes mit einer Twin Otter ausfliegen und über Station North, im äußersten Nordosten Grönlands, zurückkehren in die Zivilisation.

Ich hatte das Glück, mit an Bord zu sein und mit dringend benötigtem Foto- und Filmmaterial nach zwei spektakulären Flugtagen wieder wohlbehalten in der Heimat zu landen. Genügend Zeit, um nicht nur Grönland aus der Luft zu bewundern, sondern auch die außergewöhnlichen Erlebnisse der letzten Monate Revue passieren zu lassen:

Der Weltrekord

Es begann alles mit einem Weltrekord auf unserer Anreise an Bord des russischen Eisbrechers „Kapitan Dranitsyn“. Die Operation stand aufgrund des schweren Packeises und knapp werdender Dieselvorräte kurz vor der Umkehr, als es der Crew des Eisbrechers mit einer Meisterleistung doch noch gelang, ihren Eisbrecher Ende Februar auf 88° 30‘ N an die im Eis driftende „Polarstern“ heranzuführen.

Noch nie in der Geschichte der Seefahrt waren Schiffe im Winter in diese Breitengrade vorgedrungen, nur 90 Seemeilen vom Nordpol entfernt.

Tagebuchauszug vom 20. Februar 2020

„Mer losse d’r Dom en Kölle, denn do gehööt hä hin“ dröhnt es unter der Anleitung von Dieter aus den Kehlen in der Bar. Dieter, der UFA-Kameramann, ist nicht nur Kölner, sondern auch begeisterter Karnevalist. So verfolgt mich der Fasching bis zum Nordpol.

Michael Gutsche vor einem Helikopterflug.

Nach einem Bier und zwei Gläschen Rotwein ziehe ich mich von dem Karnevalsgedudel zurück. Einen Stock höher in der Kantine haben sich die Post-Docs mit ihren Laptops gruppiert und spielen „Counter-Strike“ mit Kopfhörern, virtuellen Maschinengewehren und Handgranaten. Welch ein Kontrast.

Ich gehe noch ein paar Etagen höher und lande kurz vor Mitternacht auf der Brücke, wo der Kapitän und seine Offiziere bei 87°N gegen meterdicke Eismassen kämpfen. Der Blick aus dem Fenster, mit Mond und Venus am Horizont, erscheint mir ebenso virtuell wie die „Counter-Strike“-Szenen auf den Bildschirmen.

Die Kälte

In der Anfangsphase unseres Expeditionsabschnittes waren wir den niedrigsten Temperaturen des Winters ausgesetzt. Über Tage hinweg lagen die gefühlten Temperaturen in Abhängigkeit vom Wind-Chill unverändert zwischen -45 und -55 Grad Celsius. Ohne Gesichtsschutz riskierte man in kürzester Zeit Frostbeulen, ebenso Erfrierungen an den Händen, wenn man die Handschuhe auszog.

Tagebuchauszug vom 3. März 2020

Den ersten Kälterekord des Winters haben wir heute bei -42 Grad gebrochen (mit Wind-Chill -55 Grad). Mit dem sehr hohen Luftdruck ist eine ausgesprochene Inversionslage entstanden, mit extrem kalter Luft in Bodennähe.

Fotografische Arbeiten in entsprechender Qualität und Auflösung, für die ich zu Hause 30 Minuten benötige, werden für mich hier zur Tortur und dauern mit Vor- und Nachrüstung mehrere Stunden. Belichtungsreihen mit Stativaufbau und Spiegelvor-auslösung führen sowohl die Ausrüstung als auch mich selbst in neue Grenzbereiche.

Die Drift im Eis

Der dritte Expeditionsabschnitt gehörte zwischen Anfang März und Ende April zu der dynamischsten Driftphase der gesamten Expedition. In nur acht Wochen driftete die an einer Eisscholle verankerte Polarstern 380 Seemeilen nach Süden, das sind über 700 Kilometer.

Das Packeis war ständig in Bewegung, angetrieben durch Wind und Meeresströmungen. Aber nicht nur die Landschaft um uns herum veränderte sich in einer rasanten Geschwindigkeit, sondern auch die Lichtverhältnisse. Es wurde von Tag zu Tag heller.

Tagebuchauszug vom 21. März 2020

Wir befinden uns auf 86° nördlicher Breite. Sonnenaufgang war heute um 7.30 Uhr und der Sonnenuntergang um 19.30 Uhr, wobei die Sonne einen maximalen Stand von 5° über dem Horizont erreichte.

Michael Gutsche aus Fulda ist zurück von der Mosaic-Expedition.

Vor einer Woche waren wir noch im Bereich der „Bürgerlichen Dämmerung“, d.h. die Sonne stand maximal 6° unter dem Horizont. In wenigen Tagen wiederum, beginnt der Polartag und die Sonne wird für 6 Monate nicht mehr untergehen. Eine unglaubliche Übergangsphase mit einem weichen mystischen Licht.

Die Wissenschaft

MOSAiC ist die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Die wichtigsten und anerkanntesten Klimaforscher der Welt nehmen an dieser Expedition teil.

Sie sind davon überzeugt, mit den Ergebnissen der Expedition die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Eis, Schnee, Ozean und der Biochemie der Arktis besser verstehen zu lernen. Denn es sind genau die Wechselwirkungen zwischen diesen Komponenten, welche die Arktis zum Epizentrum des Klimawandels machen.

Tagebuchaufzeichnung vom 15. April 2020

Heute konnte ich nochmal ROV City besuchen und mir von Philipp, dem Doktoranden vom AWI, alles erklären lassen. ROV ist die Abkürzung für „Remote Operating Vehicle“. Die „City“ besteht aus einem festen Zelt auf dem Eis, mit einem quadratischen Loch in der Eisdecke, über dem ein Tauchroboter hängt.

Dieser wird möglichst täglich ins Wasser gelassen und taucht dann in einem festen Zick-Zack-Kurs unter der Eisdecke entlang. Dabei erfasst er die Eis-Topografie unter dem Meeresspiegel, misst die Sonnenstrahlung, die durch das Eis in die oberen Wasserschichten vordringt und spürt Mikroorganismen (Plankton) auf.

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