SS-Mann Gottlieb Muzikant wurde zu 21 mal lebenslänglicher Haft verurteilt.
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SS-Mann Gottlieb Muzikant wurde zu 21 mal lebenslänglicher Haft verurteilt.

Mord-Prozess

21 mal lebenslänglich: Vor 60 Jahren wurde Gottlieb Muzikant verurteilt – wegen Bigamie in Fulda entdeckt

  • Volker Nies
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Vor 60 Jahren beschäftigte die deutsche Öffentlichkeit der Prozess in Fulda gegen Gottlieb Muzikant. Der SS-Scharführer hatte in einem Außenlager des KZ Mauthausen 1944 und 1945 zahlreiche Menschen grausam ermordet. Viele Einzelheiten ließen die Öffentlichkeit erschaudern.

Fulda - „Der Angeklagte handelte bösartig und mit einer kaum zu überbietenden Bestialität“, sagte der Vorsitzende Richter in seinem Urteil. Das Gericht in Fulda verurteilte den 56 Jahre alten Angeklagten am 23. Dezember 1960 wegen 20-fachen Mordes und eines besonders grausamen Mordversuchs zu 21 mal lebenslänglicher Haft sowie wegen neunfachem Totschlag zu 15 Jahren Gefängnis

Mord-Prozess in Fulda: SS-Mann Gottlieb Muzikant verurteilt – wegen Bigamie entdeckt

Der Täter hatte von August 1944 bis April 1945 die Krankenstation im Außenlager Melk des Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz (Österreich) geleitet. Die Rolle als Sanitäter nutzte er aber nicht, um den geschundenen Menschen im Rahmen des Möglichen zu helfen, sondern er quälte sie.

Seine einzige medizinische Qualifikation hatte in einem zweiwöchigen Kurs bestanden. Dort habe er aber nur gelernt, „wie man Menschen kurz und schmerzlos töten kann“, wie er selbst sagte. Dennoch ging er gern im weißen Kittel und mit Stethoskop durch das Lager.

Muzikant galt als gefürchteter Alleinherrscher im Krankenrevier des Lagers Melk. Nicht mehr arbeitsfähige und kranke Häftlinge hat er nach übereinstimmenden Zeugenaussagen schwer misshandelt, mit Gift-Injektionen getötet, gewürgt oder auf besonders grausame Weise verhungern lassen. 

An 13 Verhandlungstagen sagten 37 Zeugen aus, darunter 18 aus dem Ausland, vor allem Franzosen und Griechen. Mehrere ehemalige KZ-Häftlinge erkannten in Muzikant ihren Peiniger wieder, und sie konnten mit Bestimmtheit sagen, dass er in Melk für eine Reihe von Tötungen verantwortlich war.

Hintergrund: Gericht eigens gebildet - Urteil nach 13 Verhandlungstagen

Die Schwurgerichtskammer wurde für das Verfahren eigens gebildet. Vorsitzender war Landgerichtsdirektor Erwin Vasters. Beisitzer waren Landgerichtsrat Josef Leibold vom Landgericht Fulda und Amtsgerichtsrat Gerhard Kanis vom Amtsgericht Lauterbach.

Sechs Geschworene und zwei Ersatzgeschworene vervollständigten das Schwurgericht. Ersatzrichter Amtsgerichtsrat Albert Bücking aus Lauterbach kam nicht zum Einsatz. Die Anklage vertraten Erster Staatsanwalt Dr. Langhans und Gerichtsassessor Rudolf Matzke (der 25 Jahre später als Oberstaatsanwalt die Ermittlungen im Mordfall Weimar führte). 

Verhandelt wurde im Marmorsaal des Stadtschlosses. Weil der Angeklagte schwerhörig war und allgemein zum besseren Verständnis wurde erstmals in Fulda eine Verhandlung über Mikrophon geführt. Vor deutschen Gerichten wurden insgesamt nur 18 erstinstanzliche Urteile gegen Täter aus dem KZ-Mauthausen gesprochen. Angeklagt waren meist oder ein zwei Personen. Massenverfahren gab es nicht.

Der ehemalige SS-Scharführer beteuerte, nur aus Mitleid den alten und kranken Menschen gegenüber Giftspritzen verabreicht zu haben. Den ihm vorgeworfenen sadistischen Umgang mit Lagerinsassen und einen Großteil der ihm angelasteten Tötungsfälle bestritt er. Muzikant behauptete aber nicht, er habe auf Befehl getötet.

Mehr als 200 Morde legte ihm die Staatsanwaltschaft in der Anklage zur Last. 20 Fälle des Mordes, zwei Fälle des versuchten Mordes und neun Fälle des Totschlags hielt das Gericht nach 13 Verhandlungstagen für erwiesen. 15 verwundete Häftlinge, vermutlich Slowaken, sperrte er im Winter ein bis zwei Wochen nackt, ohne Wundversorgung und ohne Nahrung ein, bis sie tot waren.

Zwischendurch sah er nach ihnen und prügelte auf sie ein. Muzikant ordnete auch an, dass ein junger Russe, dessen Fuß abgefahren war, ohne Wundversorgung und Nahrung in einen Leichenkeller eingesperrt wurde, bis er tot war. In fünf Fällen hatte Muzkant ausgemergelte Häftlinge wahllos erwürgt. 

Die Gerichtsverhandlung im Marmorsaal des Stadtschlosses wurde von vielen Zuschauern verfolgt.

In vielen Fällen hatte Muzikant Häftinge in den Operationssaal gerufen und erklärt, er werde ihnen mit einer Spritze helfen. Tatsächlich tötete Muzikant die Männer mit der Injektion von Desinfektionsmitteln. Die Staatsanwaltschaft nahm an, dies sei 42 mal erfolgt. Das Gericht hielt acht Fälle für erwiesen.

Allerdings bewertete es das Totspritzen nur als Totschlag, weil die Mordmerkmale Grausamkeit, Heimtücke oder niedere Beweggründe fehlten. Heute würden Gerichte das Totspritzen hilfloser Häftlinge wohl anders bewerten. 

Die Justiz wäre in den 1950er Jahren wohl nie auf Muzikant aufmerksam geworden, wenn es keine Untersuchung wegen Bigamie, also die doppelte Heirat, gegeben hätte: Nach dem Krieg war es dem SS-Mann gelungen, unterzutauchen. Er lebte zunächst bei Karlsruhe. Obwohl er bereits in seiner tschechischen Heimat verheiratet war, heiratete er 1948 ein zweites Mal.

Als er 1954 erfuhr, dass seine Frau und seine zwei Kinder in Fulda wohnten, zog er zu ihnen. Die Ermittlungen wegen Bigamie wurden wegen einer Amnestie eingestellt, doch die Polizei hatte bereits festgestellt, dass sich Muzikant auf einer Liste gesuchter Kriegsverbrecher befunden hatte.

Muzikant wurde am 30. April 1959 an seiner Arbeitsstelle in Fulda festgenommen. Ende November 1960 begann der Prozess vor dem Schwurgericht in Fulda. Über die Verhandlung berichteten das deutsche Fernsehen und Zeitungen in aller Welt. 

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