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Mordprozess gegen Künzeller: Gutachter geht nicht von Tat im Affekt aus

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda/Künzell - Der 55-jährige Angeklagte, dem vorgeworfen wird, seine Ehefrau erstochen zu haben, schweigt weiterhin. Mit dem Gutachter Dr. Helge Laubinger hat er aber gesprochen. Der Psychiater aus Kassel hat nun seine Einschätzung am Landgericht Fulda vorgetragen.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Depressiv verstimmt – ja. Aber wahnhaft eifersüchtig oder krankhaft seelisch gestört? Eher nicht. Zu dem Ergebnis kommt Gutachter Laubinger, nachdem er mehrmals mit dem Angeklagten gesprochen hat. Auch geht er davon aus, dass die Tat nicht im Affekt begangen wurde ist.

Typischer Affektverlauf fehlt

„Es fehlt der typische Affektverlauf. Es gibt keine Erkenntnisse, dass die Tat als Zuspitzung eines Konflikts passierte“, erklärt Laubinger. Vielmehr habe ihm der Angeklagte erzählt, dass er nach dem Messer gegriffen habe, um sich selbst umzubringen. „Das Messer sei dann irgendwie in den Bauch der Frau geraten. An mehr erinnert er sich nicht“, sagt der Psychiater.

Im Gespräch habe der Angeklagte verschiedene Episoden geschildert, weshalb er davon ausging, dass er von seiner Ehefrau betrogen werde. Sie habe sich seltsam verhalten, als er einen Vaterschaftstest forderte; sie sei während der Arbeitszeit von ihrem Arbeitsplatz weggewesen; sie habe manchmal lange gebraucht, um ihm die Tür zu öffnen; und sie sei nachts im Keller gewesen, wo das Fenster aufgestanden habe und er einen Mann habe wegrennen sehen.

Angeklagter wirkte beim Erzählen sachlich

„Beim Erzählen wirkte er wenig affektiv, sondern sachlich. Er kannte keine zeitlichen Abläufe und hatte auch wenige Details. Es wirkte auf mich, als ob er sich das im Nachhinein überlegt hat – auch um die Tat vor sich selbst zu rechtfertigen“, sagt Laubinger. Es seien seiner Ansicht nach nicht die Schilderungen eines wahnhaft Kranken gewesen.

Wer im Wahn sei, der suche nicht nach Beweisen für die Untreue, wie es der Angeklagte getan habe. Für einen wahnhaft Eifersüchtigen stünde es fest, dass es so ist. Pflichtverteidiger Hans J. Hauschild fügt an, dass sein Mandant diese Beweise womöglich für Dritte habe aufzeigen wollen.

Bedeutungsverlust innerhalb der Familie

Laubinger sieht einen anderen Grund für die Eifersucht: den Bedeutungsverlust innerhalb der Familie. „Er hat seine Arbeitsstelle verloren. Die Kinder wurden selbstständig und stellten seine Position infrage. So etwas kann eine Kränkung sein“, sagt Laubinger.

Die Eifersucht habe der Angeklagte schließlich als Grund genutzt, um die Ehefrau einzugrenzen. Die depressive Verstimmung, die der 55-Jährige auch schon Mitte Mai 2019 bei seiner Hausärztin angesprochen habe, sei Laubinger zufolge nicht chronisch. „Er sagt zwar, dass er sein Leben lang, seit dem Tod seines Vaters, als er 17 war, depressiv sei, aber er hat in seinem Leben Herausforderungen bewältigt. Das spricht gegen eine chronische Depression.“

„Er hofft, dass ihn das Coronavirus erwischt“

So sei er zum Beispiel in den 1990er-Jahren mit der Ehefrau vom Kosovo nach Deutschland gekommen und habe sich hier ein völlig neues Leben aufgebaut. Er sei Risiken eingegangen. Im Moment durchlebe er eine depressive Episode: Durch diese Brille beurteile er nun sein ganzes Leben. Der Wunsch, sich selbst umzubringen, zeige, dass er emotional instabil sei. In Konfliktsituationen habe er mit Suizid gedroht. „Er sagte auch, dass er hofft, dass ihn das Coronavirus erwischt.“

Neben Laubinger stellt Professor Dr. Manfred Risse aus der Rechtsmedizin Gießen sein Gutachten vor. In seinen Ausführungen zeigt er auf, dass die Klingen mitunter 15 Zentimeter im Körper gesteckt haben und dass die Tat mit massiver Gewalt ausgeführt worden sein muss. „Es gab außerdem zahlreiche Abwehrverletzungen. Letztlich ist das Opfer verblutet.“ Der Prozess geht am Donnerstag, 26. März, mit den Plädoyers weiter. Das Urteil spricht die Kammer am 2. April.

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