Im Juli wird Friedrich Rau zwei Open-Air-Konzerte an der Kneshecke geben.
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Im Juli wird Friedrich Rau zwei Open-Air-Konzerte an der Kneshecke geben.

Interview

„Jammern auf hohem Niveau“: Musicaldarsteller Friedrich Rau über Corona, Corona und Corona

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
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Wie Musicaldarsteller Friedrich Rau (36) die Coronakrise erlebt, hat er im Interview mit unserer Zeitung erzählt. Zudem wird er im Juli gleich zwei Mal in der Region auftreten.

Von 100 auf 0 innerhalb weniger Tage – wie behält man in solch einem Moment einen kühlen Kopf?
Man handelt instinktiv. Als es in Deutschland mit Corona losging, war ich gerade für Proben in Nordrhein-Westfalen. Dort war Heinsberg einer der Hotspots. Erst dachte ich: Das ist ein temporärer Zustand. Zum Glück konnten wir noch unsere Premiere und eine weitere Aufführung von „The Greatest Show Live“ spielen; dann wurde alles abgesagt, und ich bin ich nach Hause gefahren. Aber ich dachte: Jetzt fällt erstmal nur diese Tour aus, und dann geht es wieder normal weiter. Natürlich ist es bitter, wenn man so viel Herzblut und Leidenschaft in ein Projekt steckt, und dann bricht alles nach und nach weg. 
Was haben Sie dann gemacht?
Ich saß zuhause in meinem Wohnzimmer und hatte die Schnapsidee, einen Live-Stream zu machen, bevor mir die Decke auf den Kopf fällt (lacht). Als Schüler und Student habe ich ja schon Piano in Bars gespielt. Der Live-Stream kam im Internet gut an, und nun spiele ich Wunschzimmerkonzerte und biete noch Herzensgrüße auf Bestellung an. Gerade zum Muttertag wurde das sehr gut angenommen. Und es gibt den digitalen Hut – ich fordere die Zuschauer auf, nach eigenem Ermessen etwas hineinzuwerfen. Ich habe schon 36 Konzerte gespielt, jeweils eine Stunde lang, und die Resonanz ist sehr, sehr gut.
Aber die direkte Reaktion des Publikums fehlt...
Natürlich würde ich lieber mit direkter Interaktion auf der Bühne stehen. Aber ich lese immer die Kommentare, und das ist auch wichtig. Viele Dinge, die in dieser Phase entstanden sind, machen mir großen Spaß. Und solange man zu tun hat, kann man nicht deprimiert sein. 
Wie sieht es ansonsten derzeit bei Ihnen aus?
Ich komme gerade von einem Workshop in Fürth, wo am 16. Oktober am Stadttheater die Uraufführung von „Swing Street“ stattfinden soll. Natürlich mache ich mir Gedanken: Wie viele Zuschauer werden kommen? Wie sind die Auflagen auf der Bühne? Kann man Liebesszenen mit 1,50 Meter Abstand spielen?
Eher nicht, oder?
Schwierig. Außerdem geht dann ja auch wieder die Erkältungszeit los. Auch wenn wieder viel erlaubt ist, bleibt es ein Risiko. Unsere Branche hat es da ziemlich erwischt.
Es werden immer wieder Stimmen laut, der Krise etwas Positives abzugewinnen. Gelingt Ihnen das?
Jaaaaa. Immerhin konnte ich jetzt anderthalb Monate zuhause bei meiner Familie sein. Und meine Tochter singt  manchmal bei den Wohnzimmerkonzerten mit. Aber das Negative überwiegt; das ist schon einfach so. Wobei ich mich ja noch in einer komfortablen Lage befinde. Ich bekomme schon Anfragen für Dezember und auch für nächstes Jahr. Zum Glück gibt es Theater, die sagen: Wir wollen so schnell es geht wieder spielen. 
Anderen geht es nicht so gut im Moment.
Nein. Viele haben das Schicksal der Selbstständigkeit nicht selbst gewählt und müssen jetzt überlegen, was sie tun wollen. Unterrichten zum Beispiel oder auch etwas völlig anderes. Ich habe mich für die Selbstständigkeit bewusst entschieden. Auch in dem Wissen, dass mal schlechtere Zeiten kommen können. Viele Kollegen, die ich kenne, leben in den Tag hinein. Doch als Selbstständiger muss man sich Polster schaffen.
Das klingt heftig.
Ach, ich bin noch recht optimistisch und will nicht jammern. Jedem, der jetzt Hartz IV beantragen muss, geht es vermutlich besser als vielen Menschen in Dritte-Welt-Ländern. Wir Deutschen jammern auf sehr hohem Niveau.
In Fulda kennt man Sie als spotlight-Hauptdarsteller, nun spielen Sie am 10. und 18. Juli jeweils ein Scheinwerferkonzert an der Kneshecke. Denken Sie: Besser als nix?
Ich gebe es offen zu: Ich würde lieber vor 700 Zuschauern im Schlosstheater spielen. Gestern Abend habe ich vor zehn Personen ein Wunschzimmerkonzert gespielt – mehr ist nicht erlaubt. Da würde es leicht fallen zu sagen: Oh Gott, was ist aus mir geworden? Aber wir müssen den Gürtel einfach enger schnallen. Ich will ja nicht reich und berühmt werden, ich will lediglich von der Musik leben können – und das kann ich. Was ist ein würdiges Leben überhaupt? Hauptsache, man ist zufrieden. Und an der Kneshecke wird es bestimmt schön. Es wird ein Heimspiel, und ich werde viele spotlight-Songs singen. Außerdem kosten die Konzerte keinen Eintritt. Jeder zahlt, was er möchte und kann. Es sind ja auch noch viele andere Branchen in Kurzarbeit.

Scheinwerferkonzert

Das Scheinwerferkonzert am 10. Juli um 19 Uhr an der Kneshecke ist schon fast ausgebucht. Es wird ein Zusatzkonzert am 18. Juli stattfinden. Für beide Konzerte ist eine Reservierung erforderlich unter info@kneshecke.de.

Die Wunschzimmerkonzerte spielt Friedrich Rau immer mittwochs, freitags und sonntags um 20 Uhr auf seiner offiziellen Facebook-Seite und auf YouTube.

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