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Nach 42 Jahren im Kiosk in der Königstraße: Helmut Schneider hört auf

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Im Jahr 1910 hat Opa Elektros Knoch das Haus Nummer 88 in der Königsstraße für eine Schuhmacherei erworben. 68 Jahre später übernahm Enkel Helmut Schneider in dritter Generation die Räumlichkeiten. Gestern war für den 72-Jährigen der letzte Arbeitstag in seinem Kiosk.

Von unserem Redaktionsmitglied Michel Ickler

„Der Tag gestern hat schon schlecht begonnen. Ich mag es, wenn es ruhig ist und er rund läuft“, blickt Schneider auf den letzten Arbeitstag zurück, an dem die Zeitungen nicht geliefert wurden. Wie jeden Morgen in den vergangenen 42 Jahren betrat der Besitzer weit vor der Öffnung seinen Laden – um 5.15 Uhr. Anschließend sortierte er Pakete, Zeitschriften und Waren, ehe er die zwei Eingangstüren routinemäßig öffnete.

Angefangen hat alles am 1. Januar 1978, als Anni Loskant den Kiosk ihrem Neffen Helmut Schneider übergab. „Ich habe mich damit selbstständig gemacht und wurde quasi ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich der 72-Jährige zurück, der zuvor Filialen von Aldi, Norma und Edeka geleitet hatte. 1984 baute er den Kiosk um und erweiterte ihn auf 84 Quadratmeter.

Kunden mit Aktionen angelockt

„Zu Beginn habe ich vielleicht 20 oder 25 Mark am Tag umgesetzt“, erzählt Schneider. Er wusste sich aber zu helfen und lockte mit Aktionen für den guten Zweck Kunden an. In regelmäßigen Abständen wurden die Tageseinnahmen an „Aktion Sorgenkind“, „Ich brauche Deine Hilfe“ und DKMS gespendet. Sogar die ARD kam Schneider in der Königstraße besuchen und drehte für „Aktion Sorgenkind“ einen Werbespot.

Auch überlebte der Kiosk den Wandel der Zeit: „Im Umkreis der Königstraße gab es sieben Kioske. Doch Läden wie Bäckereien machen uns mit dem Verkauf von Zeitungen das Leben schwer“, erläutert Schneider. In seinem Kiosk können Tabakwaren, Zeitschriften, Tageszeitungen, Süßwaren, Getränke, Lebensmittel und Lotto erworben werden. Früher hatte der 72-Jährige sogar Obst im Sortiment. „Doch wegen der niedrigen Preise der Discounter lohnte sich der Verkauf nicht mehr.“

Raubüberfall im Kiosk

Generell habe er in dem Laden viel erlebt. Er gewann Stammkunden, teilte mit ihnen Freud und Leid und hielt mit ihnen lange Unterhaltungen. Er sah, wie Kunden im Lotto gewannen und verzweifelt Schein für Schein ausfüllten. An den 6. Juni 2010 kann sich der Kioskbesitzer aber genau erinnern, als ein Mann den Laden betrat. „Er hielt mir eine Pistole vor die Nase und wollte Geld. Ich erwiderte, dass ich keines habe, und sagte, er solle verschwinden, sonst passiere noch ein Unglück“, beschreibt Schneider den Überfall, bei dem der Räuber ohne Diebesgut verschwand.

Neben seiner 70- bis 80-Stunden-Woche war der Ladenbesitzer noch viel beschäftigt. Seine größten Erfolge hing Schneider stets in Form von Urkunden oder Zeitungsartikeln im Kiosk auf und präsentierte sie seiner Kundschaft. Er spendete bereits 214 Mal Blut, gewann 2010 das Kreiskönigsschießen, bestritt 1987 sein letztes Fußballspiel für Engelhelms gegen Eintracht Frankfurt und lief vor sechs Jahren einen Marathon. Auch wenn Schneider den Laden an Familie Addadi abgibt, „langweilig wird mir definitiv nicht“, das weiß der 72-Jährige. Denn für seine Hobbys Singen und Laufen bleibt nun mehr Zeit.

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