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Nach vermutetem Hackerangriff: Gießener IT-Problem legt Fulda lahm

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - „Eine Bibliothek, in der keine Bücher ausgeliehen werden können, das ist eine Katastrophe“, sagt Berthold Weiß, stellvertretender Leiter der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek (HLSB). Dort ist momentan keine Ausleihe möglich. Der Grund ist ein möglicher Hackerangriff. Auch die Theologische Fakultät ist betroffen. Wann das Problem behoben sein wird, ist noch nicht absehbar.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Die Computer für Besucher sind nicht in Betrieb. Das Portal, über das man Bücher suchen kann, funktioniert nicht. Und auf einem Rollwagen stapeln sich die Bücher, die in den vergangenen drei Tagen an der HLSB am Heinrich-von-Bibra-Platz zurückgegeben worden sind. Insgesamt ist es eine vierstellige Zahl an Werken, die erst einmal nicht in die Regale geräumt werden können, weil das System nicht funktioniert. Der Grund: Die HLSB ist von einem vermuteten Hackerangriff betroffen, der offenbar auf das System der Universität Gießen verübt worden ist.

„Die Uni in Gießen, die Hochschule Fulda, die Technische Hochschule Mittelhessen und auch die Theologische Fakultät in Fulda hängen an einem gemeinsamen lokalen Bibliothekssystem. An der Universität Gießen gab es eine Schadsoftware, deshalb mussten die Server heruntergefahren werden“, erklärt Antje Mohr, Pressesprecherin der Hochschule Fulda. Strafanzeige sei gestellt worden, der Generalbundesanwalt ermittelt. Wie die Deutsche Presseagentur (dpa) schreibt, geht die Uni Gießen von einer noch unbekannten Variante einer Schadsoftware aus. Es könne Wochen dauern, bis das Problem behoben sei.

Große Auswirkungen

Die Auswirkungen in Fulda sind groß: Alle Online-Dienste der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars wie der Online-Katalog, Ausleihe und Buchrückgabe sind nicht verfügbar. Die Nutzung der Bestände ist nur vor Ort möglich.

Bei der HLSB können Bücher zwar innerhalb der Öffnungszeiten zurückgegeben werden, die Leihfrist verlängern geht aber derzeit weder vor Ort noch online. Ausleihen ist generell nicht möglich. „Wir haben hier 750 000 Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Wer sich über Weihnachten einen Roman ausleihen wollte, kann das im Moment nicht tun“, sagt Berthold Weiß.

2018: 407.500 Besucher in den Bibliotheken

Gerade für Studenten, die Hausarbeiten schreiben müssen und dafür Fachliteratur brauchen, kann das ein Problem sein. Die Fernleihe wird derzeit nicht angeboten, Bibliotheksausweise können nicht ausgestellt werden, und auch Bucheinkäufe vonseiten der Bibliothek sind momentan nicht möglich. Viele Besucher hätten Verständnis gezeigt, einige seien aber auch verärgert gewesen, sagt Weiß. Immer wieder müssten die Mitarbeiter der Bibliothek erklären, warum das System nicht funktioniert.

Beide Standorte der HLSB sind gut besucht. 2018 zählten die Bibliotheken in Fulda 407 500 Besucher. Dabei wurden fast eine halbe Million Bücher und Zeitschriften ausgeliehen. „Man erkennt daran, welche Dimension das Ganze hat“, erklärt Antje Mohr, und die Leiterin der HLSB Dr. Marianne Riethmüller fügt an: „Wir bedauern die Einschränkungen sehr und können noch nicht sagen, wie lange es dauern wird, bis die Dienste wieder zur Verfügung stehen.“

Bibliothekssystem hängt nicht an Hochschulsystem

Leider sehe es derzeit so aus, dass das Problem nicht in ein paar Tagen behoben sein werde, ergänzt Antje Mohr. Sie stehe in Kontakt mit der Uni Gießen. Doch die Kommunikation sei schwierig: „Die Kollegen dort können keine Mails schicken, es muss alles telefonisch ablaufen“, sagt Mohr. In Gießen könnten womöglich auch die Endgeräte der Beschäftigten betroffen sein, schreibt die „Gießener Allgemeine“ und beruft sich auf eine Aussage der Uni Gießen.

Für Fulda schließt das Antje Mohr aus: „Das Bibliothekssystem hängt nicht an dem Hochschulsystem. Die Verwaltung ist getrennt, es gibt keine physische Verbindung. Wir können hier ganz normal arbeiten.“ Der Vorfall sei erschreckend. „So etwas macht einem Angst, wie abhängig man von der Technik ist“, sagt Mohr.

Die guten alten Zettelkästen sind bei der HLSB jedenfalls seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb: „So ein System könnte man auch nicht so einfach wieder einführen“, sagt Weiß.

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