Foto: Sven Hoppe/dpa

Neue Selbsthilfegruppe zum Messie-Syndrom in Osthessen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Fulda - Essensreste, Papierberge, ungewaschene Wäsche, große Verwahrlosung – so stellt man sich gemeinhin die Wohnung eines Messies vor. In der Region gibt es künftig ein Hilfsangebot für Betroffene und Angehörige: eine Selbsthilfegruppe, die sich am 27. Februar zum ersten Mal trifft.

Von unserem Redaktionsmitglied Hanna Wiehe

Es beginnt mit dem Tod einer nahestehenden Person, einer Scheidung oder dem Jobverlust: Einem Menschen wird der Boden unter den Füßen weggezogen, es wird immer schwieriger für ihn, den Alltag zu bewältigen. Dass jemand zum Messie wird, kann viele Ursachen haben. Doch was ist das eigentlich? „Messie umschreibt eine Problematik, deren Ursache meist tiefer liegt und nach außen zu Vermüllung oder Verwahrlosung führen können“, erklärt Michael Möller, Leiter des Selbsthilfebüros Osthessen. Das sei keine Krankheit, die sich diagnostizieren lasse. Er schildert den Anruf einer Frau, die sich selbst als jemanden mit einer Sammelleidenschaft beschrieb – bis ihr eine Freundin erklärte, dass sie da eine Grenze überschritten habe.

Hohe Dunkelziffer

Wie viele Menschen von dem Messie-Syndrom betroffen sind, lässt sich nicht sagen – zumal die Dunkelziffer hoch sein dürfte. „Das ist eine Sache, die sehr mit Scham belastet ist“, sagt Ilona Grösch. Sie hat in ihrem beruflichen Umfeld einen Fall erlebt.

Wie sie betont, sind Messies nicht immer nur Menschen, die zwanghaft Dinge horten – und zum Beispiel sogar Sachen vom Sperrmüll mitnehmen, weil sich die vielleicht noch brauchen lassen. „Es kann auch eine Frau in den Wechseljahren betreffen, die in Depressionen verfällt und ihren Alltag nicht mehr bewältigen kann“, sagt Grösch. Anfangs schaffe es die oder der Betroffene vielleicht nicht aus dem Bett, Abwasch und Wäsche bleiben liegen, bis das alles schließlich nicht mehr einfach so aufgeräumt werden kann. „Es kann aber durchaus sein, dass die Person einem geregelten Job nachgeht, auch Freunde trifft – aber niemanden mehr in die eigene Wohnung lässt“, beschreibt sie.

Ziel: Bewusstsein schaffen

Mit der neuen Selbsthilfegruppe möchten Möller und Grösch ein Bewusstsein schaffen und aufklären – auch darüber, dass es für Betroffene keine richtigen Hilfsangebote gibt. „In München wird zwar ein bundesweites Betroffenentelefon angeboten, aber die Menschen brauchen jemanden, der mit ihnen nach Hause geht und ihnen dort eine konkrete Hilfestellung gibt“, sagt Möller.

So hat es auch Ilona Grösch erlebt: Behutsam nahm sie immer wieder Kontakt auf. So gelang es schließlich, den Betroffenen zu besuchen und das Haus aufzuräumen – Zimmer für Zimmer. „Diese Aufräumcoaches, die man im Fernsehen sieht, sind keine Hilfe“, sagt sie. „Betroffene brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt und ihnen vor Ort eine Struktur aufzeigt.“

„Ich hätte mich auch gern ausgetauscht mit anderen, habe aber keine Hilfsangebote gefunden – nur den Verweis auf den Psychiater“, berichtet Grösch. „Psychiater und Psychologen helfen aber vorrangig nicht bei dem Problem, das nach außen sichtbar ist, sondern behandeln dessen Auslöser – zum Beispiel eine Depression“, betont Michael Möller.

Gruppe als Gesprächsangebot

Die neue Selbsthilfegruppe soll ein Gesprächsangebot sein: „Natürlich können Teilnehmer aus der Gruppe nicht selbst in jede Wohnung fahren und dort helfen“, sagt Michael Möller. Doch in der Gruppe könne man durch Gespräche Hilfestellungen geben und so Lösungsansätze aufzeigen. Dabei müssen Teilnehmer bei den Treffen gar nicht unbedingt etwas sagen, wie Grösch und Möller betonen: „Man kann auch einfach nur hinkommen.“

Das könnte Sie auch interessieren