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Immer mehr Einsätze und Personalnot: Rettungsdienst ist am Limit

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Vertreter von Rettungsdiensten warnen vor einem Kollaps der Notfallrettung in Deutschland und fordern Maßnahmen gegen Überlastung und Personalnot ein.

Berlin - Ein Busunfall in Berlin, bei dem eine 15-Jährige starb, hatte am Wochenende ein Schlaglicht auf die Lage der Rettungsdienste geworfen. Danach protestierten einige Dutzend Feuerwehrleute in der Hauptstadt vor dem Roten Rathaus für bessere Arbeitsbedingungen. Bei dem Busunfall war eine junge Fußgängerin getötet worden. Als erster Wagen sei ein Notarzt neun Minuten nach dem Notruf vor Ort gewesen, die ersten beiden Rettungswagen erst nach 20 Minuten, teilte die Feuerwehr mit.

Rettungsdienst: Bündnis warnt vor Kollaps der Notfallrettung in Deutschland

10 bis 15 Minuten soll es normalerweise dauern, bis Notarzt und Rettungswagen an einem Unfallort eintreffen. Doch nicht immer ist das möglich. Es häufen sich Berichte, dass Hilfesuchende zu lange gewartet haben.

Ein Grund dafür ist: Es arbeiten nicht genügend Menschen im Rettungsdienst. Viele verlassen den Beruf, weil sie gestresst und überarbeitet sind. Auch sind viele von ihnen deswegen krank. Ein anderer Grund für die langen Wartezeiten: Menschen rufen den Rettungsdienst, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht benötigten. Dann fehlt er woanders.

Es bestehe die Gefahr, dass das System zusammenbreche, erklärte ein kürzlich gegründetes „Bündnis pro Rettungsdienst“ in Berlin. Der Rettungsdienst sei generell leistungsfähig, er komme aber immer mehr an seine Grenzen. Die Einsatzzahlen nähmen bundesweit zu, sagte der zweite Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst, Frank Flake. Oft seien es Bagatellfälle, mehr Personal für mehr Einsätze stehe aber nicht zur Verfügung. „Wir erleben gerade eine nie dagewesene Berufsflucht.“

Rettungsdienst
Vertreter von Rettungsdiensten warnen vor einem Kollaps der Notfallrettung in Deutschland und fordern Maßnahmen gegen Überlastung und Personalnot ein. (Symbolbild) © Jens Kalaene/dpa/Symbolbild

Zu beobachten seien eine gesunkene Schwelle, Rettungsdienste zu alarmieren, und unzureichende Kenntnisse, welche Nummer die jeweils richtige sei, erläuterte das Bündnis. „Rettungsdienst rettet Leben und ist kein Taxi“, sagte Oliver Hölters von der Mitarbeiterseite der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas. „Bagatelleinsätze binden Fahrzeuge und Mitarbeiter, die dann für Notfälle nicht zur Verfügung stehen“, betont auch Steffen Diegmüller, Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Hünfeld. (Lesen Sie hier: Gewalt gegen Einsatzkräfte nimmt zu: Polizist und Malteserin über Belastung im Alltag)

Das Bündnis fordert unter anderem eine Ausbildungsinitiative, moderne Arbeitszeitmodelle und angemessene Bezahlung. Nötig sei eine Vernetzung der Notrufnummer 112 und der ärztlichen Bereitschaftshotline 116 117 mit standardisierten Abfragen, um Fälle in die jeweils passende Versorgung zu steuern.

Fahrzeuge im Rettungsdienst

KTW – Krankentransportwagen

Patienten, die nicht akut behandelt werden müssen, werden im KTW in eine Klinik, zum Arzt oder zur Reha gefahren. An Bord sind Trage und Tragestuhl vorhanden, außerdem ein Erste-Hilfe-Set, ein Notfallrucksack sowie eine einfache Sauerstoffanlage und oft ein automatischer externer Defibrillator.

RTW – Rettungstransportwagen

Ein RTW kommt in der Regel zum Einsatz, wenn nach einem Unfall oder einem medizinischen Notfall die 112 gewählt wurde. In diesem Fahrzeug werden Notfallpatienten versorgt, überwacht und transportiert. Die medizinische Ausstattung ist umfangreicher als in einem KTW.

NAW – Notarztwagen

RTW mit einem Notarzt, der zur Besatzung zählt.

NEF – Notarzteinsatzfahrzeug

Damit kommt der Notarzt zum Einsatzort; dort trifft er auf die RTW-Mannschaft. Für den Patiententransport ist ein NEF ungeeignet.

ITW – Intensivtransportwagen

Dient zum Transport von Patienten mit kritischem Gesundheitsstatus zwischen den Intensivstationen zweier Krankenhäuser.

Dem Bündnis gehören den Angaben zufolge auch die Björn Steiger Stiftung, die Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands, die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft und die Deutsche Gesellschaft für Rettungswissenschaften an.

Die Gewerkschaft Verdi forderte eine Verkürzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 44 Stunden. Überlange Arbeitszeiten von bis zu 48 Stunden führten zu hohen gesundheitlichen Belastungen für die Beschäftigten und müssten endlich der Vergangenheit angehören, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler anlässlich von Tarifverhandlungen für Beschäftigte im kommunalen Rettungsdienst.

Rettungsdienst: So ist die Situation im Kreis Fulda

Im Landkreis Fulda sind die Kreisverbände Fulda und Hünfeld des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sowie der Malteser Hilfsdienst Fulda (MHD) im Einsatz. Insgesamt sind diese drei Rettungsdienste mit 26 Rettungstransportwagen (plus drei Ersatzrettungswagen), zwei Krankentransportwagen und vier Notarzteinsatzfahrzeugen (plus zwei Ersatz-NEFs) im Landkreis Fulda unterwegs.

Ihre Mitarbeiter und Fahrzeuge werden koordiniert von der Zentralen Leitstelle. Diese ist eine Notruf-, Alarm-, Einsatz- und Fernmeldezentrale für den Rettungsdienst sowie für den Brand- und Katastrophenschutz. Die Zentrale Leitstelle ist erreichbar unter der Notrufnummer 112 und nimmt alle eingehenden Notrufe und Hilfeersuchen entgegen.

Mithilfe von GPS-Daten sehen deren Mitarbeiter, wo sich die Fahrzeuge befinden. Jede Besatzung eines Fahrzeugs drückt an ihrem Funkgerät eine Taste mit einer Ziffer, die über den Status des Einsatzes informiert. Anhand dieser Informationen ordnet die Zentrale Leitstelle die Fahrzeuge den jeweiligen Notfällen zu.

Für das Deutsche Rote Kreuz in Fulda erklärt Heinz Peter Salentin: „In Fulda sind wir aktuell in der glücklichen Lage, dass wir alle Personalstellen besetzt haben. Wenn ich jedoch mit Kollegen spreche, nimmt man wahr, dass es Probleme bezüglich der Mitarbeiteranzahl gibt. Das ist besonders in Großstädten der Fall. Wir bilden aber selbst aus und können 90 Prozent unserer Azubis übernehmen. Der ein oder andere springt ab und will nach seiner dreijährigen Ausbildung zum Notfallsanitäter weitermachen und Medizin studieren. Manchen diente die Ausbildung dann nur als Überbrückung, um die Wartesemester bis zum Studienbeginn sinnvoll zu nutzen.“

Dirk Rasch, Leiter des Bereichs Nord beim MHD, bezeichnet die Personalsituation als „angespannt“. „Derzeit haben wir vier offene Vollzeitstellen im Landkreis Fulda.“ Dennoch habe man die Fahrzeuge noch immer „adäquat besetzen“ können.

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