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Ohne Straßen keine Verbindungen – Mauerfall stellte Planer und Baufirmen vor Herausforderungen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Kreis Fulda - Zwölf Grenzübergänge gab es zwischen Hessen und Thüringen. Mit dem Mauerfall am 9. November mussten sie alle nach und nach geöffnet werden – eine Mammutaufgabe für Straßenplaner und Baufirmen.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Hermann Kutzschbach erinnert sich noch genau an den Anruf aus Wiesbaden im Oktober 1989: „Wir sollten so schnell wie möglich in die Landeshauptstadt kommen. Es gehe um eine dringliche Angelegenheit“, sagt der damalige Abteilungsleiter des Fuldaer Amts für Straßen- und Verkehrswesen (ASV), dem Vorgänger von Hessen Mobil. Als die Osthessen dann im Verkehrsministerium waren, platzte die Bombe: Die Grenze solle geöffnet werden – und sie sollten alles Nötige vorbereiten. „Aber wann die Grenze aufgeht und an welchen Übergängen – das blieb unklar.“

Zwölf solcher Übergänge gab es im Landkreis Fulda – von Grüsselbach/Buttlar im Norden bis Seiferts/Birx im Süden. „Die Montagsdemos, die Ausreiseanträge, die Flucht in die Prager Botschaft – dass es in der DDR gärt, das haben wir im Westen mitbekommen. Aber dass von heute auf morgen die Grenzen aufgehen sollen, das konnten wir uns nicht vorstellen“, fügt Günther Klein, ebenfalls damals im ASV tätig, an. Grundsätzlich gab es schon vor dem Mauerbau Verbindungen zwischen Hessen und Thüringen. „Aber die Straßen waren über Jahrzehnte nicht genutzt worden. Sie waren viel zu schmal und mussten für den modernen Verkehr ausgebaut werden“, sagt Kutzschbach.

Einigung mit Grenzposten

Die Planer suchten sich als erstes die zwei größten und wichtigsten Straßen heraus: die B 84 bei Rasdorf und die B 278 bei Tann. „Wir haben ab Oktober diese Straßen bis zur Landesgrenze ausgebaut. Die thüringischen Soldaten haben uns kritisch beobachtet“, sagt Kutzschbach. „Als wir mit unserer Seite fertig waren, haben wir Hilfe angeboten – schließlich waren die Maschinen ja schon da.“

Mit den Grenzposten wurde sich geeinigt: Die Hessen dürfen auf DDR-Territorium fahren und dort die Straßen befestigen – aber nur, wenn dem Staat DDR keine Kosten entstehen. „Als wir nach nur zwei Wochen an der Grenze fertig waren, haben wir gefragt, ob wir den Rest der Straße nach Buttlar auch machen sollen.“ Die Verantwortlichen im Osten stimmten dankbar zu.

Straßen waren noch nicht bereit

Die berühmte Pressekonferenz am 9. November 1989, als Günter Schabowski verkündete, man könne nun aus der DDR ausreisen, hatte für die Region Fulda zunächst keine Auswirkungen: Die Straßen waren schließlich noch nicht bereit dafür. Aber im Hintergrund wurde mit Hochdruck daran gearbeitet. Der Grenzübergang Grüsselbach/Buttlar war der erste, der am 18. November geöffnet wurde.

An anderen ging es erst später los. „Für uns kam erst am 21. November Bewegung ins Spiel“, sagt Helmut Stiebing, damals Leiter der Straßenmeisterei Tann. An jenem Tag sei Hessens Verkehrsminister Alfred Schmidt (FDP) mit dem Hubschrauber an die Grenze geflogen und habe den Auftrag erteilt, den Übergang Günthers/Motzlar auszubauen. „Am 22. November haben wir uns in die Straßenmeisterei gesetzt, ein leeres Blatt Papier genommen und darauf mit wenigen Strichen die künftige Straße skizziert“, erinnert Stiebing sich.

Mauerfall setzte Kräfte frei

Bereits am 23. November rollten die Bagger – und am 8. Dezember wurde die Grenze geöffnet. „Wir haben nur 17 Tage gebraucht, um eine ganze Straße zu bauen. Das ist heute unvorstellbar. Aber Planfeststellung, Grunderwerb, Kosten – das hat alles keine Rolle gespielt“, sagt er. Kutzschbach lobt die beteiligten Baufirmen: „Die haben morgens im Dunkeln angefangen und haben abends im Dunkeln aufgehört, immer bei bitterer Kälte. Die Euphorie über den Mauerfall war anscheinend auch bei den Firmen riesig. Das hat Kräfte freigesetzt.“

Nach und nach wurden die Grenzübergänge geöffnet. Den drei Männern ist vor allem die Herzlichkeit, die damals herrschte, im Gedächtnis geblieben. „Bei jeder Öffnung gab es eine Feier, Blaskapellen haben gespielt, Menschen lagen sich in den Armen“, sagt Günther Klein.

Bäume oder Gedenksteine an Grenzübergängen

Er hat besonders eine Episode vor Augen: „Bei der Öffnung des Überganges Günthers/Motzlar war der Bundestagsabgeordnete Alfred Dregger mit dabei. Er hakte sich bei uns ein – und wir gingen gemeinsam über die Grenze, um nach Motzlar zu marschieren.“ Dort angekommen, gab es in einer Gaststätte Glühwein und Fettbrote. „Allerdings ist der Wein schnell ausgegangen. Ich bin dann mit dem Tanner Bürgermeister Dieter Herchenhan nach Tann gefahren, um Nachschub zu holen.“

Am 6. Januar 1990 wurde der letzte Grenzübergang zwischen Hilders und Frankenheim geöffnet. An vielen Grenzübergängen wurden Bäume gepflanzt oder Gedenksteine gesetzt, die bis heute daran erinnern, dass Deutschland geteilt war.

Personal und Mittel fehlten in Thüringen

Das Fuldaer ASV knüpfte danach schnell Kontakt in den Osten und wurde zum Patenamt für das Straßenbauamt in Meiningen. „Bauingenieure von dort kamen zur Weiterbildung in das Amt Fulda. Es gab einen regen Meinungsaustausch und eine gute Zusammenarbeit bei der Realisierung von Projekten“, sagt Günther Klein.

Weil es in Thüringen an Personal und Mitteln fehlte, übernahm das Amt Fulda unter anderem den Neubau von Brücken in Geisa und den der Ortsumgehung Andenhausen. Eine Sache bedauert Klein jedoch: dass die Planungen der B 87n, die Fulda und Meiningen verbinden sollte, verworfen wurden. „Es fehlte eine leistungsfähige Verbindung von Fulda nach Thüringen. Die Bayern waren da cleverer: Sie haben nach der Wende die Autobahnen 71 und 73 gebaut.“

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