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Fuldaer Ärztin schließt plötzlich ihre Praxis und verlässt Deutschland - Patienten sind stocksauer

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Von: Andreas Ungermann

Anastasiya Franz hat ihre Praxis in der Rabanusstraße 1a plötzlich geschlossen. Ihre Patienten erfuhren das durch einen Zettel an der Praxistür.
Anastasiya Franz hat ihre Praxis in der Rabanusstraße 1a plötzlich geschlossen. Ihre Patienten erfuhren das durch einen Zettel an der Praxistür. © Sophie Brosch

Eine überraschende Lücke tut sich in der hausärztlichen Versorgung der Fuldaer Innenstadt auf. Anastasiya Franz hat am Montag ihre Praxis nach dem Urlaub nicht mehr geöffnet – und das offenbar, ohne alle Patienten vorab zu informieren.

Fulda - Der Unmut unter den Patienten von Anastasiya Franz ist groß. Die Allgemeinmedizinerin hat ihre Hausarztpraxis in Fulda geschlossen: Nach einem eineinhalbwöchigen Urlaub – vom 20. Januar bis 6. Februar – läuft beim Anruf dort immer noch das Band mit entsprechender Ansage, dass ab Montag wieder geöffnet sei.

An der Tür ihrer Praxis in der Rabanusstraße 1a hängt indes ein Zettel mit dem Hinweis, die Praxis sei aus persönlichen Gründen geschlossen. Patientenakten könnten per Fax oder E-Mail angefordert werden. „Briefe, Rezeptwünsche und Verordnungen können leider nicht mehr angenommen werden, da wir uns nicht mehr in Deutschland befinden“, heißt es auf der Notiz, die an Montag von vielen Patienten verständnislos zur Kenntnis genommen werden musste. (Lesen Sie auch: Arztpraxis Isert schließt endgültig: Mediziner hört aus gesundheitlichen Gründen auf)

Fulda: Ärztin schließt ihre Praxis ohne Ankündigung - Patienten sind sauer

Nicht mehr in Deutschland – das könne womöglich bedeuten, dass Anastasiya Franz in ihre Heimat, nach Russland, zurückgekehrt sei, vermutet Apotheker Andreas Mölleney, der die Heertor Apotheke im selben Haus betreibt. Die Ärztin habe geäußert, dass sie dort noch enge Verwandtschaft habe. „Die Patienten kommen jetzt zu uns in die Apotheke und beschweren sich, weil sie Termine hatten, die nicht abgesagt wurden, oder Rezepte für Folgemedikationen brauchen und nicht bekommen“, schildert Mölleney den Montag in seiner Apotheke.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: „Aufgrund ihrer Herkunft hatte Frau Franz einen großen Patientenstamm aus der deutsch-russischen Gemeinschaft, von denen gerade ältere oft kaum oder nicht gut Deutsch sprechen. Die sind jetzt völlig aufgeschmissen“, schildert der Apotheker, der von einer Hausärzteknappheit in Fulda spricht.

Mit diesem Zettel an der Praxistür werden die Patienten über die Schließung informiert.
Mit diesem Zettel an der Praxistür werden die Patienten über die Schließung informiert. © Sophie Brosch

Ähnliche Töne und jede Menge Missmut werden vor der Praxis am Montagvormittag laut: „Das ist eine Frechheit; jetzt müssen wir uns über Nacht einen neuen Hausarzt suchen, und das ist in Fulda nicht einfach“, beklagt ein Patient, während andere befürchten, sich ob der „Mangelware Hausärzte“ erst einmal durch die Praxen durchtelefonieren zu müssen. (Lesen Sie auch: Fulda: Arzt Samir Al-Hami beendet berufliche Laufbahn - Ein Rückblick)

Patienten sauer über Praxisschließung: „Die ist einfach nach Russland abgehauen“

Generell wird deutlich: Keiner der Patienten, die am Montag in die Rabanusstraße kamen, wusste Bescheid. Einige äußern Unverständnis, denn die Medizinerin habe immer viele Patienten gehabt. Eben die müssen nun sehen, wo sie ihre Medikamente herbekommen. Es ist ebenfalls eine häufig geäußerte Sorge – nicht nur gegenüber Pharmazeut Mölleney, sondern auch vor der Praxis gegenüber unserer Zeitung. Und ein Wartender schimpft: „Die ist einfach nach Russland abgehauen.“

Tatsächlich hatte auch der Heertor-Apotheker das Gefühl, dass die Praxis-Aufgabe einer „regelrechten Flucht“ gleichgekommen sei, auch wenn er schon Vorahnungen gehabt habe. So habe eine Mitarbeiterin angedeutet, dass sie sich einen neuen Arbeitgeber suchen müsse. Auf eine Nachfrage seitens des Apothekers habe Franz jedoch jüngst noch verneint, dass sie sich mit dem Gedanken trage aufzuhören.

Tätig waren laut Mölleney zuletzt in der Praxis außerdem der Ehemann – fachfremd im Praxismanagement – und ein Sohn aus früherer Ehe. Über den Verbleib weiteren Personals ist nichts in Erfahrung zu bringen. Letzte bekannte Aktivitäten in der Praxis gab es am Freitag. „Da ist ein Auto mit Anhänger vorgefahren. In diesen wurden ein EKG-Gerät und ein paar Stühle eingeladen – und das war es. Ansonsten dürfte die Praxis noch möbliert sein“, begründet Mölleney seine Eindrücke.

KV Hessen und Ärzte-Kollegen in Fulda hatten keine Hinweise auf Schließung

Unwissend zeigt sich ebenfalls die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV): Ihr liegen laut Kommunikationsreferent Alexander Kowalski keine Hinweise auf eine Schließung vor. „Weder hat die Ärztin Kontakt zu uns aufgenommen, noch gibt es irgendwelche Hinweise aus der Region“, schreibt Kowalski auf Anfrage. Grundsätzlich sei es bei einer Praxis-Aufgabe gängig, die KV über die Pläne zu informieren – idealer- und üblicherweise mehrere Monate im Voraus.

Die Motive, warum Franz in Fulda den Kittel an den Nagel hängt, sind indes unklar. Eine Anfrage dazu – gerichtet an die auf dem Zettel angegebene E-Mail-Adresse – bleibt am gestrigen Montag unbeantwortet.

Patientenakten

Was passiert nun mit den Akten der Patientinnen und Patienten von Anastasiya Franz? „Die Ärztin ist nach Paragraf 10 der Berufsordnung verpflichtet, die Patientendokumentation selbstständig aufzubewahren. Sollte dies nicht möglich sein, besteht die Möglichkeit, die Patientendokumentation einem anderen Arzt anzuvertrauen, der diese im Rahmen eines Zwei-Schrank-Modells verwahrt“, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, an die sich Patientinnen und Patienten per E-Mail wenden können.

Auch die Ärzte-Kollegen in Fulda wussten nicht Bescheid: „Wir haben im Kollegenkreis erst am Montagmorgen per E-Mail erfahren, dass Anastasiya Franz ihre Praxis aufgibt“, sagt Ralph-Michael Hönscher, Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen. Für die Patienten könne es nun schwer werden, einen neuen Arzt zu finden. „Wir haben ein großes Versorgungsproblem in Fulda. Die Heimpatienten von Frau Franz können vielleicht noch betreut werden. Aber die niedergelassenen Praxen sind voll, die können vielleicht vereinzelt jemanden aufnehmen“, sagt Hönscher. (Lesen Sie auch: Fulda: So kämpft der Landkreis gegen Ärzte-Mangel auf dem Land)

Zusätzlich verschärft worden sei die Situation in Fulda dadurch, dass sich Dr. Jürgen Hofmann zur Ruhe gesetzt hat. Hinzu komme die ohnehin schon angespannte und durch Corona noch einmal schlimmer gewordene Personalsituation im medizinischen Sektor. (von Sophie Brosch und Andreas Ungermann)

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