Kripo-Chef Daniel Muth.
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Kripo-Chef Daniel Muth klärte den Fall Lübcke auf.

Kripo-Chef in Fulda

Chefermittler Daniel Muth über Mordfall Lübcke: So haben die Ermittler die Tat aufgeklärt

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
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Daniel Muth ist ein Polizist für besondere Fälle: Als 2015 bei Schlitz der Milliardärssohn Markus Würth entführt wird, leitet der Fuldaer die spätere Sonderkommission „Hof“. Auch im Mordfall Lübcke wird der 46-Jährige kurz nach der Tat zum Chefermittler ernannt – und löst den Fall. Jetzt hat der bisherige Fuldaer Kripo-Chef einen neuen Posten.

Fulda - Am Dienstag wurde Muth, der mit seiner Familie in Fulda wohnt, im Polizeipräsidium Osthessen von Kollegen verabschiedet. Künftig pendelt er nach Wiesbaden ins Landeskriminalamt, wo er Leiter der Staatsschutz- und Terrorismusabteilung ist. Obwohl er erst 2016 Kripo-Chef in Fulda wurde, hat er in seiner Heimat Spuren hinterlassen. Unter seiner Ägide erreichte die Aufklärungsquote des Präsidiums Osthessen mit 69,6 Prozent 2019 den besten Platz in Hessen. „Das ist die beste Kriminalstatistik seit Bestehen des Polizeipräsidiums Osthessen“, freute sich damals Polizeipräsident Günther Voß.

Als Chefermittler im Fall Lübcke holten ihn dieser Tage die Ereignisse rund um den Mord am 2. Juni 2019 wieder ein. Als Zeuge sagte Muth im Prozess vor dem Oberlandesgericht gegen den Tatverdächtigen Stephan Ernst etwa sechs Stunden aus. Es war der 4. Juni, zwei Tage nach der Tat, als Muth frühmorgens einen Anruf vom hessischen Innenministerium bekam und mit der Leitung der Sonderkommission im Mordfall Walter Lübcke beauftragt wurde.

Von Fulda nach Wiesbaden: Kripo-Chef Daniel Muth wechselt ins Landeskriminalamt

Vor Gericht schilderte der 46-Jährige, wie die zunächst 50-köpfige Soko „Liemecke“ einen Bekannten der Familie Lübcke ins Visier nahm und dann im Zuge der Ermittlungen auf den geständigen Täter kam. Vieles, so Muth, sei ihm damals, unmittelbar nach dem tödlichen Schuss, merkwürdig vorgekommen. Spuren am Tatort waren kaum vorhanden, denn ein Bekannter der Familie hatte die Terrasse, auf der Lübcke in seinem Gartenstuhl gesessen hatte, unmittelbar nach der Tat mit „Felgenreiniger und Wurzelbürste“ geputzt, wie Muth erläuterte. Grund war angeblich, der Familie den Anblick zu ersparen.

Zur Person

Kriminaldirektor Daniel Muth stammt aus Fulda und leitete bis zu seiner Berufung zum Leiter der Abteilung Staatsschutz und Terrorismusbekämpfung im Landeskriminalamt die Kriminaldirektion des Polizeipräsidiums Osthessen. Davor war er Kripo-Chef in der Landeshauptstadt Wiesbaden und in Darmstadt. Das Aufgabengebiet Staatsschutz und Terrorismusbekämpfung ist für den 46-Jährigen nicht neu: Spezialgebiete seiner Polizeikarriere waren von Anfang an Terrorismusbekämpfung, Organisierte Kriminalität und Schwerstkriminalität. Muth ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Fulda.

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Was also war überhaupt passiert? „Alles war möglich“, erklärte Muth im Zeugenstand – ein Suizid, ein Unfall, eine Beziehungstat – oder ein Mord aus anderen Gründen. Aber welche? Der Regierungspräsident war ein Kumpeltyp und äußerst beliebt. Zwar kam auch eine Tat aus rechtsextremen Motiven in Betracht, galt aber zunächst als nicht besonders wahrscheinlich.

Das Haus des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Verdächtig machte sich zunächst nur der Bekannte der Familie, der den Tatort gereinigt hatte. Er ist auch im Besitz einer Waffenbesitzkarte – und just wenige Tage nach der Tat trat er eine Reise an die Nordseeküste an. Wollte er etwa die Tatwaffe im Meer entsorgen? Muth schickte ein Spezialeinsatzkommando los, ließ am Fährhafen Harlesiel zwei Fähren räumen und den jungen Mann festnehmen. Doch in der Vernehmung zeigte sich schnell: Das ist nicht der Richtige. Eine gewisse Ernüchterung machte sich im inzwischen auf 250 Köpfe angewachsenen Ermittlungsteam breit. Zu Muths Mannschaft zählten Spezialisten wie Mordermittler, Staatsschutzbeamte und IT-Fachleute.

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Daniel Muth klärte Lübcke-Fall auf: Winzige Hautschuppe war von Bedeutung

Im Ausschlussverfahren sei dann klar geworden, dass eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Tat mit einem politischen Motiv spreche, erklärte Muth vergangene Woche vor dem Richter. Doch von welcher Seite? „Es gab andere, Bundespolitiker, die wesentlich mehr im Fokus standen und nicht angegriffen wurde“, so der Fuldaer. Also wurden regionale Bezüge geprüft – und so rückte auch die Bürgerversammlung zur Unterbringung von Flüchtlingen im Jahr 2015 in Lohfelden, die heute als Auslöser für die Tat gilt, in den Fokus der Ermittler.

Auf den Täter kamen die Ermittler auch durch eine winzige Hautschuppe, die auf der Kleidung Lübckes gefunden worden war – ein extrem aufwändiges Verfahren, das auf Muths Initiative angewendet wurde. Kriminalbeamte sicherten das karierte Hemd des Politikers in der Tatnacht im Müll des Kreiskrankenhauses Wolfhagen. Dorthin war Lübcke gebracht worden, nachdem sein Sohn ihn leblos auf der Terrasse gefunden und zunächst an einen Herzinfarkt geglaubt hatte. Die Schussverletzung wurde auch vom Notarzt zunächst nicht festgestellt. Deswegen wurde die Polizei erst Stunden nach dem Tod des CDU-Politikers hinzugezogen.

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Auf dem Hemd konnte eine DNA-Spur gesichert werden, die dann auf den mutmaßlichen Täter Stephan Ernst hinwies. Ernsts DNA war aufgrund einer früheren Straftat gespeichert, allerdings lief die Speicherfrist wenige Wochen nach der Tat ab, so dass die Hautschuppe dem mutmaßlichen Täter nicht mehr hätte zugeordnet werden können. Eine wichtige Rolle im Prozess spielt auch die Aufzeichnung einer Vernehmung Ernsts auf Video, die Muth angeordnet hatte, und in der der Täter die Tat gesteht.

Im Video: Mordfall Lübcke - Hauptverdächtiger gesteht Tat vor Gericht

Fall Walter Lübcke: Es gibt 100.000 Seiten Ermittlungsakten

Mit der Festnahme fing für Muth und sein Team die Arbeit erst an: Über 100.000 Seiten füllen inzwischen die Ermittlungsakten – und nach wie vor ist zum Beispiel die Frage, ob es neben Markus H. weitere Mittäter gab, ungeklärt. Die Daten, die ausgewertet wurden, füllen einen riesigen Speicher von 20 Terabyte. Würde man diese Datenmenge ausdrucken und abheften, könnte man die Ordner 20 Mal um die Erde wickeln. Die Ermittlungen führte Muth in sehr enger Kooperation mit dem Generalbundesanwalt, dem Bundeskriminalamt und anderen Polizeien der Bundesländer.

Der Fall Lübcke wird Muth, der die Soko nach wie vor leitet, weiter begleiten. Ein Untersuchungsausschuss in Wiesbaden geht den Umständen des Mordes an Lübcke nach. Auch Muth wird in den nächsten Monaten sicher von den Ausschussmitgliedern befragt werden. Zudem wird er sich in seiner neuen Position in Wiesbaden auch immer wieder mit Rechtsextremismus beschäftigen. Die „Besondere Aufbauorganisation (BAO) Hessen R“ steht unter seiner Leitung, im Rahmen der Lübcke-Ermittlungen rief er die „AG Hassposting“ ins Leben, mit der Hessen neue Wege im Kampf gegen Hater im Netz geht.

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