Fotos: Volker Nies

Prozessauftakt im Fall Sophia – erster Schlagabtausch der Beteiligten

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda/Neuhof - Der Prozess um das tödliche Bahnunglück in Neuhof, bei dem Schülerin Sophia (16) im Februar 2010 getötet worden war, hat mit einem ersten Schlagabtausch zwischen den Prozessbeteiligten begonnen.

Von unserem Redaktionsmitglied Volker Nies

Vier Angeklagte – der Chef der beauftragten Winterdienstfirma sowie drei Bahnmitarbeiter, nämlich der Fahrdienstleiter in Neuhof sowie der Winterdienstkoodinator und der Chef des Bahnhofsmanagements – stehen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, sie hätten ihre Pflichten nicht erfüllt. Jeder der vier Männer hätte es durch eine sorgfältige Erfüllung seiner Pflichten in der Hand gehabt, dass Sophia nicht von einem eisglatten Bahnsteig vor einen einfahrenden Zug gerutscht wäre. „Der tödliche Unfall hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert werden können“, sagte Staatsanwältin Lambiel.

Kernvorwurf der Anklagebehörde: Die Winterdienstfirma habe trotz einer vertraglichen Verpflichtung den Bahnsteig in Neuhof nicht geräumt; der Fahrdienstleiter vor Ort habe den Zustand des Bahnsteigs nicht kontrolliert; der Winterdienstleiter und der Leiter des Bahnhofsmanagements hätten von den großen Problemen mit dem Winterdienst in Neuhof nachweislich gewusst, sie hätten aber nicht eingegriffen.

„Erinnerungen sind verformt“

Dr. Oliver Kipper, Anwalt des Fahrdienstleiters, trat der Staatsanwaltschaft entgegen: Die Anklage erwecke den Eindruck, als sei alles klar und als seien die in ihr geschilderten Vorgänge Tatsachen. Tatsächlich handele es sich nur um einen Verdacht. Die Verteidiger wüssten, dass die Familie von Sophia durch den Tod großen Schmerz erlitten habe. Die Angeklagten wollten sich nicht vor einer Verantwortung drücken, sondern es treffe sie keine Verantwortung an dem schrecklichen Geschehen. Gegen die drei Bahnmitarbeiter werde zudem erst seit Mai 2011 ermittelt. Nach den neuneinhalb Jahren lasse sich die Verantwortung nicht mehr eindeutig zuordnen. „Vielleicht hätte man das kurz nach der Tat tun können. Heute sind die Erinnerungen verformt, und man kann man nur spekulieren“, sagte Kipper.

Anwalt zieht Auschwitz-Vergleich

Dieser Aussage widersprach Rudolf Karras, Vertreter von Sophias Mutter, die als Nebenklägerin den Prozess verfolgt: „Es ist immer schwierig, die Wahrheit herauszufinden. Das hindert uns aber nicht daran, festzustellen, wie die Vorgänge und die Verantwortlichkeiten gewesen sind“, sagte er. Der Fuldaer Anwalt erklärte, dass er als angehender Jurist Mitte der 1960er Jahre in der Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt beteiligt gewesen sei. „Damals war noch mehr Zeit vergangen zwischen der Tat und dem Verfahren, die Erinnerungen waren verformt. Und dennoch hat das Gericht herausfinden können, was passiert ist.“

Dr. Alexander Schork, Anwalt des Chefs des Bahnhofsmanagements, reagierte empört: „Ein Vergleich mit Auschwitz geht gar nicht.“ Karras war es aber erkennbar nur darum gegangen zu zeigen, dass Gerichte auch unter noch schwierigeren Umständen als jetzt in Fulda Wahrheit herausfinden und zu einer Verurteilung kommen können.

Der erste Prozesstag wurde von zahlreichen Kamerateams und anderen Berichterstattern verfolgt. Der Prozess wird am 23. August fortgesetzt.

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