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Rede zum Volkstrauertag: Bischof em. Algermissen fordert zu friedenstiftenden Taten auf

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Bischof em. Heinz Josef Algermissen hat in seiner Rede zum Volkstrauertag in Fulda-Zirkenbach die Zuhörer zu friedenstiftenden Taten aufgefordert. Wir dokumentieren an dieser Stelle die Rede im Wortlaut:

Vor einigen Jahren besuchte ich in Costermano, an der Südspitze des Gardasees, einen deutschen Soldatenfriedhof. Nachdenklich und betroffen stand ich inmitten endloser Gräberfelder: 20.000 Steinkreuze erinnern an zumeist ganz junge Soldaten, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gefallen sind. Jeder von ihnen hatte, wie wir zu sagen pflegen, das Leben noch vor sich. Der Wahnsinn eines brutalen Krieges hat es ihnen geraubt.

Ein großes Problem des Volkstrauertages besteht darin, dass wir uns die Kriegsopfer in aller Welt vor Augen stellen sollen. Das aber geht über unsere Vorstellungskraft. Ganz im Gegenteil: Die Inflation der ungeheueren Zahl kann uns gleichgültig und apathisch machen. Und so gehen viele Bürgerinnen und Bürger über diesen Tag hinweg.

Zudem sind 74 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Die Alten unter uns sind vielleicht froh, nichts mehr über den Krieg zu hören. Die Jüngeren kennen die Ereignisse des Krieges nurmehr aus den Geschichtsbüchern.

Die aktuellen Kriegsschauplätze werden in den Medien objektiv und distanziert vorgestellt. Berichte über die Kriege unserer Tage stehen da neben Berichten über Sportveranstaltungen und Fernsehshows. Wenn uns die gegenwärtigen Kriege kaum interessieren, ob uns dann die der Vergangenheit betroffen machen?

Vielleicht ist es notwendig, einfach Zahlen zu nennen: In den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts gab es 65 Millionen Tote: 10 Millionen im Ersten und 55 Millionen im Zweiten. Wen erschrecken diese Zahlen aus der Distanz?

Nach einer amerikanischen Statistik soll jedes Kind – regelmäßigen Fernsehkonsum vorausgesetzt – bis zum 15. Lebensjahr 13.000 Morde im Fernsehen miterlebt haben. Kann ein solcher Mensch noch unterscheiden zwischen den Toten im Spiel und denen in der Wirklichkeit? Kann er erschüttert sein über das Sterben der Menschen, wenn er stundenlang durch Morde unterhalten wird? Das sind Fragen auch an die Eltern unserer Kinder.

Ein bekanntes Wort sagt: „Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn.“ Die Toten der Kriege schweigen.

Wovon könnten sie reden? Dass sie Menschen waren voller Pläne, Wünsche, Hoffnungen für ihre eigene Zukunft. Der Krieg hat alledem ein Ende gesetzt.

Sie könnten reden von ihrem Heimweh, von ihrer Angst um das eigene Leben, von der Angst um liebe Menschen daheim.

Sie könnten erzählen von den Menschen, die ihnen begegnet sind in der Ukraine, in Polen, Frankreich oder Tunesien, von der Sehnsucht dieser Menschen nach Frieden, Ruhe und Sicherheit.

Aber die Toten schweigen. Schweigen auch wir? Von was könnten wir reden? Vom Frieden? Von der Notwendigkeit, die Rüstungsspirale zurückzuschrauben? Wäre das dann Frieden? Ich denke, es wäre ein lebensnotwendiger Schritt.

Wichtig ist aber eine noch größere Perspektive. Die deutschen katholischen Bischöfe stellten bereits 1983 in ihrem Schreiben „Gerechtigkeit schafft Frieden“ den Frieden in einen globalen Zusammenhang:

Friede ist vor allem und zunächst Friede mit Gott. Friede ist dort, wo Gott anerkannt wird und die Ordnung, die er der Welt gegeben hat. Friede entsteht, wo der andere als gleichwertiger Mensch gesehen wird; wo die Menschen bereit sind, gegenseitig auf ihre Vorstellungen und Absichten zu hören; wo der Lebensraum der Menschen, Völker und Staaten geachtet wird, die Würde und Freiheit der Menschen anerkannt werden; wo die sozialen Ungerechtigkeiten beseitigt und die Menschenrechte nicht vorenthalten werden. „Der Friede der Menschen mit Gott und der Friede der Menschen untereinander gehören untrennbar zusammen“, sagen die Bischöfe.

Aber mit Worten vom Frieden allein ist es nicht getan. Unser Reden muss umgewandelt werden in friedenstiftende Taten. Und so ist die Friedensbemühung nie etwas nur für die anderen. Vielmehr: in unserem Lebensbereich – in unseren Familien, Schulen, Parteien, Kirchen – können wir einen Beitrag für den Frieden leisten, wenn wir da Gewalt, auch die verbale Gewalt in den sozialen Medien, demaskieren und die Würde des anderen Menschen nicht besudeln. Wenn wir unser Handeln ausrichten nach der Regel der Bergpredigt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ (Matthäus 7, 12).

Also: Pflanzen wir uns und allen, auf die wir Einfluss haben, eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Gewalt ein. Jede Gewalt quält den Körper und demütigt den Geist. Sie fängt in Familie und Schule an und endet auf dem Schlachtfeld. Kriege fallen nicht vom Himmel. Lange, bevor Gewalt und Krieg ausbrechen, haben sie Eingang gefunden in die Herzen der Menschen.

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