Ein gedeckter Tisch in einem Restaurant.
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Was halten Gastronomen aus der Region von den Plänen der Bundesregierung?

Tropfen auf dem heißen Stein oder Rettung?

Gastronomen aus der Region äußern sich

  • Sarah Malkmus
    vonSarah Malkmus
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Gegenüber unserer Zeitung haben sich Gastronomen aus der Region zu den Plänen der Bundesregierung geäußert.

Felix Wessling: Löwe, Heimat und Alte Schule in Fulda

Grundsätzlich finde ich das die richtige Entscheidung. Allerdings sollte allgemein die Mehrwertsteuer in der Gastronomie auf 7 Prozent gesenkt werden, nicht nur zur Unterstützung in der Coronakrise. „Lebensmittel“ sollten genauso wie Bücher/Zeitschriften usw. mit 7 Prozent besteuert sein. Und so lange wir nicht öffnen dürfen, ist es definitiv ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wichtiger ist es momentan, dem Gastgewerbe klare Richtungen vorzugeben und es mit weiteren Maßnahmen zu unterstützen. Ich habe die Bedenken, dass die Mehrwertsteuer-Senkung nun alle anderen erforderlichen Maßnahmen in den Schatten stellt bzw. unsere Regierung damit ihr eventuelles Nichthandeln rechtfertigt. Uns, dem Gastgewerbe, fehlt ein klarer Plan, wie es weiter geht!

Patrick Bohl: Genuss hoch 3 in Fulda und Bad Brückenau

Ich fühlte mich in den letzten Wochen wie ein Boxer, der sich erhobenen Hauptes durch die Krise boxt. Aber mittlerweile bin ich frustriert und enttäuscht. Meine Mitarbeiter, vor allem die Auszubildenden oder meine Spülfrauen, kommen mit dem Kurzarbeitergeld nicht über die Runden, obwohl ich versuche, auf 80 oder 90 Prozent aufzustocken. Das kostet mich viel Kraft und Geld.

Das Kurzarbeitergeld müsste dringend auf Mindestlohnniveau angehoben werden. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer in Gaststätten ist ein Schritt in die richtige Richtung, bringt mir als Caterer kurzfristig aber nichts, da wir unsere Angebote netto gestalten. Ich verstehe zwar, dass Großveranstaltungen bis 31. August abgesagt werden müssen, aber ich verstehe nicht, dass die Politik bis heute nicht definiert hat, was Großveranstaltungen sind.

Stefan Diegelmann: Zum Weißen Hirsch in Fulda

Als Erstes wäre wichtig zu wissen: Wann dürfen wir wieder aufmachen – und wie? Und wie ist es mit Außengastronomie? Ich denke, die Gastronomie könnte es mit Abstandshaltung gut regeln. Da müsste die Regierung klare Vorschriften geben, das könnten wir umsetzen. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf 7 Prozent ist ein Teilerfolg, dafür kämpft der Dehoga schon seit Jahren. Nur: An einem Jahr ist nicht viel dran – und bis die Gastronomie wieder ins Rollen kommt, wird es sicher Herbst. Daher ist die wichtigste Frage: Wann dürfen wir wieder aufmachen und unter welchen Voraussetzungen?

Björn Leist: Rhöner Botschaft in Dermbach

Die Mehrwertsteuersenkung ist besser als nichts. Wenn es wieder losgeht, kann uns das richtig helfen. Wir erleben derzeit viel Solidarität – von Gästen, aber auch zum Beispiel von Lieferanten, die uns Zahlungen stunden. Wichtig ist für uns aber, dass es so schnell wie möglich wieder losgeht: Bis Ende Mai können wir uns noch so durchschaukeln. Wenn dann dieses Jahr noch der Inlandstourismus boomt, weil es mit Auslandsreisen noch schwierig ist, sehe ich gar nicht so schwarz. Aber eines ist auch klar: Wenn wir zu früh wieder aufmachen und Corona uns ein zweites Mal trifft, wird der Schaden hinterher umso schlimmer sein.

Dieter Kehl: Landhaus Kehl in Tann-Lahrbach

Wir sind schon sehr froh über diese Entscheidung, denn sie hilft real. Ohne Anträge, Verwaltungsaufwand und Nachweispflichten. Im Übrigen sind wir schon gemeinsam mit dem Dehoga in einer gemeinsamen Petition „Rettet unsere Gasthöfe“ unterwegs, wo es um eine dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer für Essen – egal wo und wie – auf 7 Prozent geht. Das gilt es nun auch über den Juni 2021 hinaus einzufordern. Aber zum jetzigen Zeitpunkt eine gute und helfende Entscheidung der Politik. Weiterhin wäre das Aufzeigen einer Perspektive für unseren Landgasthof und für unser Hotel von großer Wichtigkeit. Einen weiteren Monat ohne nennenswerte Einnahmen hätte für uns einen wirtschaftlichen Shutdown zur Folge.

Swen Bachmann: Doppeldecker und Hopfenglück (ehemals Felsenkeller)

Ich hätte mir ein klares Signal für die Gastronomie gewünscht: „Wir tun was für die Branche und euer Personal!“ Ich habe gestern die ersten Kommentare gehört, wo es hieß, durch die Mehrwertsteuersenkung werde jetzt das Essen billiger. Das ist doch Humbug. Eigentlich müsste eher das Gegenteil der Fall sein, denn wir haben, wenn wir wieder öffnen dürfen, zusätzliche Kostenfaktoren: das Personal, das die Leute zählt, die reindürfen, die Hygienemaßnahmen usw. Bei unserer Regierung fehlen mir die genauen Ansagen. Erst wurde eine Maskenpflicht abgelehnt, jetzt kommt sie. Ich glaube, wir werden für lange Zeit nicht mehr die Gastronomie erleben, die wir alle gekannt haben.

Andreas Rau: Fuldaer Haus (Maulkuppe)

Es ist zwar ein Zeichen der Regierung, aber die Senkung der Mehrwertsteuer wird uns über das eine Jahr nicht viel weiterhelfen, denn der Umsatzverlust ist nach diesen sechs schönen Wochen ist nicht mehr aufzuholen, und wir wissen ja auch noch nicht, wann wir wieder in den normalen Betrieb übergehen können. Diese Information wäre für die Gastronomie wichtiger, um planen zu können.

Leonora Frohnapfel: Der Florenberg (Pilgerzell)

Die 7 Prozent sehe ich nicht als weiterführenden Vorteil. Die Perspektive auf Öffnung meines Betriebes wäre mir lieber gewesen. Denn auch 7 Prozent auf Speisen nützen mir wenig, wenn Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und viele andere Veranstaltungen abgesagt werden und ich das allgemeine Ausgehverhalten als gering einschätze. Selbst wenn alle Maßnahmen zurückgenommen werden, was nicht zu erwarten ist, werden unsere Umsätze hinter denen der letzten Jahre liegen. Heißt, die 7 Prozent auf Speisen fangen die Zeit der Schließung kein Stück auf und sind für die kommenden Monate nur ein kleiner Lichtblick. Hätte die Politik noch den Getränkeumsatz berücksichtigt und die Senkung über einen längeren Zeitraum gewährt, wäre ich beruhigter.

Gastronomie ist sehr arbeitsintensiv und – ob Gastronomie oder anderes Gewerbe – Produktivität in Form von Arbeit sollte nie höher versteuert sein als beispielsweise Aktiengewinne. Die Politik sollte die Chance der Krise nutzen und im Großen über Besteuerung nachdenken. Jetzt ist die Zeit für eine gerechtere Steuerreform.

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