Borussia-Torwart Cesar Thier pflückt sich den Ball.
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18.000 Besucher kamen zum zweiten Heimspiel (1:1) nach dem Regionalliga-Aufstieg gegen den 1. FC Nürnberg.

Borussia Fulda

Als man den SCB wieder in ganz Deutschland kannte und das Hohmann-Team zur Legende wurde

  • Ralph Kraus
    vonRalph Kraus
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1993 versuchte Borussia Fulda mit teuren Einkäufen die Qualifikation für die Regionalliga zu schaffen. Es ging schief. Dafür klappte es zwei Jahre später – nach einem Neuaufbau. Die Geburtsstunde einer legendären Mannschaft.

1993/1994: Thomas Reith wechselte als Trainer nach Flieden, Jörg Ferber zu Alemannia Aachen, Keeper Zoran Zeljko zum MSV Duisburg. Dafür kam Zbigniew Fabinski von Rot-Weiß Erfurt, genau wie Jacques Goumai (Italia Frankfurt) und Heiko Liebers (Hessen Kassel).

Es sollte mal wieder eine Saison werden, in denen die Anhänger alle Höhen und Tiefen durchleben mussten. Es begann mit einem Traumstart: Gegen Mörlenbach (2:0), in Haiger (1:1), gegen Bad Vilbel (4:0), in Lohfelden (2:1) und beim rauschenden Fußballfest gegen die damals starke SG Egelsbach (6:1, 4500 Zuschauer) schoss der SCB 9:1-Punkte und 15:3-Tore raus.

Autokorso durch die Innenstadt in Fulda 1996: Vorne mit Mayk Tomic, Eldar Hasic, Zlatko Radic und Altin Lala.

Spieler wie Jacques Goumai (16 Saisontore) und Zbigniew Fabinski schossen sich in die Herzen der Fans. Doch es ging rasch bergab: Nach einer Niederlage bei Rot-Weiß Frankfurt (1:3), dem DFB-Pokal-Aus in Marl (2:3) und dem 0:2 gegen Eintrachts Amateure war Coach Uli Sude binnen einerWoche angezählt.

Später kam es zum Bruch, und Wayne Thomas übernahm das Traineramt. Am Ende stand mit Rang acht eine riesige Enttäuschung. Die Qualifikation für die neu gegründete Regionalliga wurde damit verpasst.

1994/1995: Nach der verpassten Regionalliga-Qualifikation stand die Entschuldung des Vereins an vorderster Stelle: Mit Martin Hohmann übernahm im Juli 1994 der langjährige Spieler und Jugendtrainer den Posten als Chefcoach.

Kicker wie Goumai, Poppowitsch, Michel, Dreßel, Diegmüller, Liebers, Lesser, Kirchner, Abel oder Gnauck waren gegangen, Hohmann baute fast ausschließlich auf hiesige Spieler und junge Leute wie Andreas Wischermann, Altin Lala, Judmir Meta oder Andreas Schmier (kam aus Neukirchen).

Dazu kamen ein paar gestandene Akteure wie Bardo Hirsch, Jörg Meinhardt, Thomas Freier (neu aus Künzell) oder Richard Akpoborie (kam vom VfB Wissen). Und selbst wenn es später eine Erfolgsgeschichte wurde – aller Anfang war schwer: Das erste Punktspiel unter Hohmann endete mit einem Remis bei Progres Frankfurt (0:0).

Altin Lala (links, hier im Spiel gegen SSV Ulm) machte binnen weniger Monate einen riesigen Karrieresprung.

Es folgte die Niederlage im Kreispokalfinale im eigenen Stadion gegen Germania Fulda (2:4), das magere 1:1 im Heimspiel gegen Mörlenbach und schließlich das deprimierende 0:3 im einzigen Osthessenderby beim Aufsteiger RSV Petersberg.

Es lief nicht rund. Doch dann kam der Glücksgriff: Borussia angelte sich Olivier Djappa, dessen Veranlagung bei Rot-Weiß Essen komplett übersehen wurde. Am vierten Spieltag sicherte Djappa mit seinem Tor das 1:0 gegen den KSV Baunatal.

Djappas Verpflichtung sollte zum Glücksfall werden, denn obwohl er erst im Laufe der ersten Wochen nachträglich verpflichtet wurde, holte er sich mit 21 Treffern gleich die Torjägerkrone der Hessenliga. Er war einer der Garanten dafür, dass der Neuaufbau mit Rang sieben sehr ordentlich gelang.

1995/1996: Es war das Jahr, in dem Legenden geboren wurden. Martin Hohmann gelang es, eine eingeschweißte Truppe zu formen, die sogar abseits des Platzes durch dick und dünn ging. Neu waren in dieser Saison Cesar Thier (Holstein Kiel), Eldar Hasic (SV Engelhelms) und Marco Fladung (mit der Empfehlung von 17 Hessenliga-Treffern für den RSV Petersberg) dazu gekommen.

Schon der Start beim 2:1 gegen Rot-Weiß Frankfurt war berauschend. Es war das erste gemeinsame Spiel von Olivier Djappa und Marco Fladung, die in den kommenden Jahren über die Grenzen Hessens hinaus den Gegnern das Fürchten lehren sollten.

Fladung wurde auf Anhieb mit 35 Toren Torschützenkönig, und weil Djappa 29-mal traf, kam der SCB am Ende auf stolze 116 Tore. Beide schossen fast folgerichtig die Tore beim Auftakt gegen Rot-Weiß Frankfurt. Ein 2:2 in Wehen, das fulminante 6:1 gegen Herborn; der 5:2-Sieg in Bad Soden und das 3:0 gegen Lohfelden rundeten den Topstart ab.

Die Region war geweckt, das Fieber entfacht, und die Zuschauerzahlen stiegen wöchentlich – mit den Hoffnungen auf den Titel. Packend wurde das Saisonfinale, als es am 34. von 36 Spieltagen zum „Endspiel“ gegen Viktoria Aschaffenburg kam.

Olivier Djappa (links) und Marco Fladung waren in der Republik gefürchtet.

Fulda lag nur einen Punkt vorne. 12.500 Fans pilgerten ins Stadion, und es wurde ein packendes Drama mit Happy-End. Es stand 3:2 für die Borussia, aber Aschaffenburg drückte vehement auf den Ausgleich. Drei Minuten vor Schluss erlöste dann Jürgen Kreß für die Borussia.

Mit dem 4:2 brachen alle Dämme, denn nun war Fulda zwei Spiele vor Schluss vier Zähler vorne. Eine Woche später war die Meisterschaft mit dem 4:0-Pflichtsieg bei Absteiger Progres Frankfurt in trockenen Tüchern. 700 Fuldaer waren mit an den Platz in der Frankfurter Bürostadt Niederrad gepilgert und bejubelten den 16. Sieg im 17. Rückrundenspiel. Anschließend wurde gefeiert wie selten zuvor. Mit einem Autokorso durch die Innenstadt bedankte sich die Mannschaft bei den zahlreichen Fans auf den Straßen.

1996/1997: Davon hatte man in Fulda Ewigkeiten geträumt – die Borussia war endlich in der Regionalliga angekommen. Es gab fortan Drittligafußball in Fulda zu sehen. Mit einem Etat von knapp 1,2 Millionen Mark ging der SCB ins Rennen.

Neu kamen von Eintracht Frankfurts Amateuren Kelvin King und Markus Bloß dazu, außerdem wurde Francisco Martinez vom Lokalrivalen Germania Fulda losgeeist. Die Euphorie war riesig, der Start phänomenal: Vor mehr als 3000 Zuschauern fegten die Borussen im ersten Spiel eine gestandene Mannschaft wie Wacker Burghausen mit 5:0 aus demStadion.

Und spätestens nach dem 3:0 bei Quelle Fürth und dem Traumstart von 6 Punkten und 8:0-Toren schaute ganz Deutschland auf Fulda und sein Team ohne große Namen, das längst die ganze Region hinter sich gebracht hatte.

Aus allen Richtungen strömten die Fans. Viele nahmen regelmäßig 60 Kilometer und mehr als Anreise in Kauf. Und so empfing Borussia am dritten Spieltag als Tabellenführer den großen 1. FC Nürnberg. 18.000 Tickets wurden verkauft, das 1:1 gegen den „Club“ war mehr als nur ein Achtungserfolg.

Was niemand für möglich hielt: Hinter Nürnberg, Greuther Fürth und dem SSV Reutlingen landete der SCB als Neuling auf dem sensationellen vierten Platz. Und das vor Vereinen wie dem SSV Ulm, dem FC Augsburg, den Amateuren von Bayern München oder Hessen Kassel.

Olivier Djappa hatte 24 Treffer erzielt, Marco Fladung traf 14-mal ins Schwarze. Der Zuschauerschnitt lag bei mehr als 3500 pro Heimspiel. Jetzt kannte man Fulda wieder in ganz Deutschland.

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