Reinhold Messner auf dem Kronplatz in seiner südtiroler Heimat.
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Reinhold Messner auf dem Kronplatz in seiner südtiroler Heimat.

Zu Besuch in Bruneck

Bergsteigen, Tourismus und Corona: Reinhold Messner findet bei Führung durch Mountain Museum klare Worte

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Reinhold Messner ist der wohl bekannteste Bergsteiger unserer Zeit. In der Welt unterwegs, ist der 76-Jährige in Südtirol fest verwurzelt – mit seinem auf sechs Standorte verteilten Messner Mountain Museum (MMM). Durch das MMM Corones auf dem Kronplatz führt er bei unserem Besuch persönlich. Dabei spricht er über Berge, Alpinismus und Tourismus sowie die Corona-Pandemie.

Bruneck - Als Messner Museumsdirektoren aus Rom, Zürich und München seine Pläne für das heute unter dem Namen Messner Mountain Museum bekannte Projekt vorstellte, erklärten diese die Umsetzung des Vorhabens für unmöglich: Zumindest nicht auf sechs Häuser verteilt, die in der Peripherie und obendrein „auch noch oben am Berg sind, wo niemand hinkommt“.

Doch Messner wäre nicht Messner, wenn ihn das „Unmögliche“ nicht gereizt hätte. Er ließ sich nicht aufhalten. Diese Anekdote lässt er heute den Hinweis auf Synergien zwischen den einzelnen Häusern folgen, deren Einnahmen – „ohne Subventionen“ – die laufenden Kosten tragen, trotz Corona.

NameReinhold Andreas Messner
Geburtstag17. September 1944
BerufExtrembergsteiger, Abenteurer, Buchautor
KinderSimon Messner, Làyla Messner, Magdalena Messner, Anna Juditha Messner
GeschwisterHelmut Messner, Günther Messner, Hubert Messner, Erich Messner, Siegfried Messner, Hansjörg Messner, Werner Messner, Waltraud Messner
EhepartnerinSabine Stehle

Besuch im Messner Mountain Museum: Führung von Reinhold Messner persönlich

„Ich habe das Museum über ganz Südtirol verteilt, um allen Gebieten die Möglichkeit zu geben, den Touristen etwas zu bieten. Wir haben ein einmaliges Land. Heute gehört es zum Tourismus dazu, auch etwas über die Landschaft zu erzählen. In diesem Fall über die Berge“, gerät der 76-Jährige ins Schwärmen. Es gehe darum, dass die Gäste „mit Emotionen nach Hause gehen und nicht nur sagen, ich habe drei Kilo zugenommen und habe Wellness gemacht“. (Lesen Sie hier: Die Alpen zu Fuß überqueren - so schaffen es auch Anfänger)

Die Museen seien so „gestellt, dass die Landschaft draußen das Thema drinnen trägt“. Das MMM Corones hat drei großformatige Fenster und einen Balkon mit Blick auf „die Zentralalpen und dort drüben die südlichen Kalkalpen. Das ist das Reich, wo das traditionelle Bergsteigen entstanden ist“, zeigt er an dem Gebäude vorbei in die entsprechenden Richtungen.

„Drinnen nähern wir uns von oben nach unten mehr und mehr den Bergen“, gibt Messner einen Einblick in das Konzept und ergänzt: „Am Beginn versteht man, wie diese Berge besiedelt worden sind, und am Ende, wie sie bestiegen worden sind. In den Museen setzen wir immer auf die gleichen Methoden: Wir benutzen Kunst, Aussagen und Reliquien. Das sind Klettergeräte, die aus einer langen Zeit übrig geblieben sind.“

Bergsteiger Reinhold Messner erzählt vom Nanga Parbat

Die Londoner Architektin Zaha Hadid setzte im Corones auf Kurven. Es gibt auf den drei Etagen keine geraden Linien. „Damit war es sehr schwierig, Bilder aufzuhängen. Wir haben deshalb viele Sprüche an den Wänden, die uns helfen, die Geschichte zu erzählen“, sagt Messner.

Er selbst hat Geschichte geschrieben. Im Bergsteigen ist er einer der Pioniere. Viel hat er zu berichten. Unter anderem vom Nanga Parbat, dem „Nackten Berg“. Wir stehen vor einem Foto der Rupalwand: „Diese Wand habe ich 1970 durchstiegen, dabei ist mein Bruder ums Leben gekommen. Es ist der Schlüsselberg meines Lebens. Später war ich noch einmal oben – allein, mit diesem Eispickel. Deshalb hängt der hier. Noch schöner ist die Reliquie zur Erstbesteigung des Nanga Parbat durch Hermann Buhl 1953.“ Dieser sei am Gipfel liegen geblieben, wurde mehr als 50 Jahre später gefunden und der Familie übergeben. Die hat ihn Messner für seine Museen gespendet.

Reinhold Messner zeigt den Eispickel, mit dem er einst allein den Nanga Parbat bestiegen hat.

Bekanntester Bergsteiger unserer Zeit: Reinhold Messner äußert sich zu Corona und Tourismus

Doch Messner stimmt während des Besuchs auch kritische Töne an. Die Corona-Pandemie habe in diesem Sommer eine Problematik verdeutlicht – die Konzentration auf einzelne Hotspots: „Viele Menschen drängten in die Alpen, weil sie glaubten, da kann man sich der Gefahr der Ansteckung entziehen. Aber leider haben die Leute alle dieselben Hotspots besucht“, berichtet Reinhold Messner.

Der 76-Jährige hat klare Vorstellungen, wie diesem Phänomen entgegengewirkt werden könnte: „Diese Krise wird uns Touristiker zwingen, den Leuten deutlich zu machen, dass sie sich besser verteilen sollen. Denn nur dann finden sie das, was sie suchen: Stille, Entschleunigung und großartige Landschaften.“ Das Wandern bis hinauf ins Gebirge „ist eine großartige Erholung. Aber wenn ich hinter mir 1000 Leute und vor mir 1000 Leute habe, kommt es zum Stau. Keine Ruhe.“

Tourismus-Entwicklung in Südtirol: Messner sieht sich in der Verantwortung

Die Werbung für Urlaubstorte dürfe nicht allein den Influencern überlassen werden, meint der 76-Jährige. „Diese machen ein Foto und stellen es online. Das zieht eine große Anzahl von Leuten an, die bloß genau das gleiche Foto machen wollen. Keiner von ihnen schaut sich die Gegend an. Das ist eine völlig neue Gefahr des Kaputtmachens der Alpen“, sagt Messner. Allerdings weiß er: „Wenn Südtirol von den Alpinisten leben müsste, würden wir alle verhungern. Es sind so wenige.“

Der Deutsche Alpenverein hat 1,3 Millionen Mitglieder. Die allermeisten sind Kletterer oder Wanderer, von denen viele gern in den Bergen Südtirols unterwegs sind. Sieht sich Messner durch seine Bücher, Vorträge und Filme in der Verantwortung für diese Entwicklung? Er trage eine Mitverantwortung, was die Gschnagenhartalm angeht: „Dort habe ich als Kind die Sommer verbracht. Damals, in den 1950er Jahren, kamen ein paar Dutzend Leute vorbei. Man musste zu Fuß zwei Stunden lang zur Alm gehen. Vor einigen Tagen, an einem Sonntag, war ich oben. Da waren 2000 bis 3000 Leute dort. Das hängt damit zusammen, dass ich seit 50 Jahren sage, dass das der schönste Platz in den Dolomiten, den schönsten Bergen der Welt, ist. Also ist es der schönste Platz der Welt. Wenn ich das nicht getan hätte, wären vielleicht nur halb so viele Menschen dort oben“, sagt Messner und zeigt durch das Fenster des Museums auf den Heiligkreuzkofel – einem der Ausgangspunkte seiner Weltkarriere.

Aufstieg auf den Mount Blanc - Für Messner trotz des Alters kein Problem

Trotz seines inzwischen gesetzten Alters denkt der Südtiroler nicht an Ruhestand. Etwa alle zehn Jahre sei er umgestiegen: „Ich habe gelernt und mich neu erfunden, bis ich das ausgeschöpft hatte. Das ist der Schlüssel meiner Lebensfreude. Das ist Teil meines Lebens, das ist Biographie – aber ich lebe emotional nicht davon, sondern davon, was ich heute plane, mache und umsetze.“ Dazu gehören etwa Filme, in denen er auch beim Klettern zu sehen ist.

Was traut er sich in seinem Alter noch zu? „Den Mount Blanc kann ich immer noch hochsteigen, auch auf einen 6000er im Nepal. Aber einen 7000er werde ich mir nicht mehr antun. Ich gehe noch klettern, aber leichte Klettertouren.“ Hat er Angst, dass ihm die Ideen ausgehen? „Mir gehen die Jahre aus“, antwortet er. Er sei dabei, „ein paar Filme zu drehen, die ich brauche für das Narrativ des traditionellen Bergsteigens. Dann werde ich eine Reise rund um die Welt machen, um das traditionelle Bergsteigen nicht untergehen zu lassen.“ Bei diesem Vorhaben hat ihm allerdings die Corona-Pandemie erst mal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im Sommer dieses Jahres wollte er eigentlich in Australien und in Neuseeland unterwegs sein.

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