Die Bundesregierung hat Reisewarnungen aufgehoben.
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Die Bundesregierung hat Reisewarnungen aufgehoben.

Ohne Warnung ins Ausland

Für 27 Länder gilt ab dem 15. Juni nur noch ein Reisehinweis

Allgäu: kein Problem. Algarve: geht auch. Antalya: lieber erstmal nicht. So sieht grob gesagt die Empfehlung der Bundesregierung an den deutschen Sommerurlauber in der Coronakrise aus. Das kann sich aber auch noch ändern.

Berlin/Brüssel - Ja zum Urlaub im Ausland, aber nur in bestimmten Grenzen und auf eigene Gefahr: Mit dieser Ansage schickt die Bundesregierung die Deutschen in die Sommerferien in Zeiten von Corona. Für 27 europäische Länder wird die weltweite Reisewarnung für Touristen heute zwar aufgehoben und für drei weitere ist das geplant. Für mehr als 160 Staaten soll sie aber zunächst bis zum 31. August verlängert werden. Das beschloss das Kabinett vergangene Woche.

Regierung gibt Empfehlungen für Reisen - Heiko Maas: Genießen Sie Ihren Sommerurlaub

Bundesaußenminister Heiko Maas machte nach Beratungen mit den zwölf Haupturlaubsländern der Deutschen aber klar, dass es auch da noch Ausnahmen geben könnte – zum Beispiele für beliebte Urlaubsländer wie die Türkei, die bereits den Flugverkehr nach Deutschland wieder aufgenommen hat. Dazu würden nun Gespräche geführt. „Wir werden das Woche für Woche überprüfen.“

Maas betonte auch, dass die Reisewarnungen und Reisehinweise der Bundesregierung nur eine Empfehlung und keine Vorschrift seien. „Die Verantwortung für eine Reise, die trägt jeder selbst. Selbst eine Reisewarnung ist ja kein Reiseverbot.“ Egal wohin es gehe, gelte: „Genießen Sie Ihren Sommerurlaub, aber genießen Sie ihn mit Vorsicht und genießen Sie ihn in Verantwortung.“

Nicht für alle Länder wird Beschränkung aufgehoben

Maas hatte am 17. März eine Reisewarnung für Touristen für alle fast 200 Länder der Welt ausgesprochen – und damit eine kostenlose Stornierung von Reisen ermöglicht. Zu den Ländern, für die sie nun aufgehoben wird, zählen die 26 Partnerländer Deutschlands in der Europäischen Union, das gerade aus der EU ausgetretene Großbritannien und die vier Staaten des grenzkontrollfreien Schengenraums, die nicht Mitglied in der EU sind: Island, Norwegen, die Schweiz und Liechtenstein. Für 27 Länder erfolgt die Aufhebung heute, für Spanien, Norwegen und Finnland erst später, weil dort noch Einreisesperren gelten.

Auch für Schweden dürfte es eine Verzögerung geben. Das Auswärtige Amt weist auf seiner Internetseite darauf hin, dass das EU-Land derzeit die sogenannten Pandemiekriterien für eine Aufhebung der Warnung nicht erfülle. „Überschreitet ein Land die Neuinfiziertenzahl im Verhältnis zur Bevölkerung von weniger als 50 Fällen pro 100.000 Einwohner kumulativ in den letzten sieben Tagen, bleibt die Reisewarnung bestehen oder wird wieder ausgesprochen. Dies gilt aktuell für Schweden“, heißt es dort. Schweden hatte deutlich freizügigere Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie ergriffen als der Rest Europas.

Reisehinweise statt Reisewarnung

Für die Länder, für die die Reisewarnung aufgehoben wird, gibt es künftig ausführliche Reisehinweise, in denen über die landesspezifischen Risiken informiert wird. Das kann auch bedeuten, dass von touristischen Reisen abgeraten wird. Zum Beispiel bei Großbritannien soll das der Fall sein, solange dort noch eine 14-tägige Quarantänepflicht für alle Einreisenden besteht.

Dass die Reisewarnung für mehr als 160 Länder weiterbesteht, begründet die Bundesregierung damit, dass in Ländern außerhalb der EU Reisebeschränkungen und Quarantänevorschriften „ohne jede Vorankündigung und mit sofortiger Wirkung“ wieder eingeführt werden könnten. Wegen solcher plötzlicher Maßnahmen waren im März Zehntausende deutsche Touristen im Ausland gestrandet. 240.000 wurden in einer wochenlangen Aktion zurück nach Deutschland geholt. Eine Wiederholung will die Bundesregierung unbedingt vermeiden.

Neue Bewegung am 1. Juli?

Der Reiseverband DRV bezeichnete die Entscheidung als nicht „verhältnismäßig“, weil sie rund 160 Staaten über einen Kamm schere. „Die Pandemie klingt in sehr vielen Ländern der Welt ab“, sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig. Er forderte schnellstmöglich differenzierte Reisehinweise. Zugleich wies er darauf hin, dass im Krisenfall die Veranstalter Pauschalurlauber zurückholten.

Maas zeigte Verständnis für die Unternehmen, verteidigte seine Entscheidung aber: „Ich weiß aus vielen Gesprächen, wie hart die Pandemie die Reisebranche getroffen hat, aber es bleibt dabei: Für uns ist der oberste Maßstab die Sicherheit der Reisenden.“

Mit Blick auf die Kriterien dürften Staaten wie die USA oder Russland, in denen die Lage derzeit deutlich schlechter als in der EU ist, allerdings zunächst nicht auf der Liste der Ausnahmen stehen. Vom Balkan könnten nach dem Willen der EU-Kommission allerdings bald wieder Reisende in die EU kommen. Ab dem 1. Juli könnte es sehr schnell Bewegung geben – wenn die EU-Staaten sich auf eine gemeinsame Liste einigen können.

dpa

Türkei

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu hat sich enttäuscht über die Entscheidung der Bundesregierung gezeigt, die Reisewarnung für die Türkei zunächst aufrecht zu erhalten. „Die wissenschaftlichen Gründe hinter der Entscheidung sind für uns nur schwer zu verstehen“, sagte er dem „Spiegel“. Man erwarte, dass Deutschland die Reisewarnungen „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ aufhebe. Alles sei vorbereitet für eine sichere Reise in die Türkei.

Die Türkei ist das drittbeliebteste Urlaubsland der Deutschen nach Spanien und Italien. Die Tourismusbranche dort wartet sehnsüchtig auf die für sie so wichtigen deutschen Urlauber. Die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines (THY) nahm am vergangenen Donnerstag nach mehr als zwei Monaten Pause ihren internationalen Flugverkehr – auch nach Deutschland – wieder auf. Die zwischenzeitlich bestehende Einreisesperre für Deutsche gibt es nicht mehr.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will in den kommenden Tagen mit Kanzlerin Angela Merkel über das Thema sprechen. Er glaube, dass Touristen, die in die Türkei kommen wollten, nicht daran gehindert werden könnten, sagte er. Flughäfen und Hotels bereiten sich schon auf ausländische Touristen vor. Die Einrichtungen müssen sich an zahlreiche Richtlinien halten, an Stränden etwa gilt ein Sicherheitsabstand, am Pool gibt es nur abgepackte Handtücher und in Flughäfen und Hotels werden Wärmebildkameras eingesetzt.

Nord-/Ostsee

Solche Bilder sollen sich nicht wiederholen: Auch wenn die Pfingsttage überwiegend ruhig verliefen, machten Berichte von vollen Stränden zum Beispiel auf Sylt und in Scharbeutz die Runde. Die Scharbeutzer Bürgermeisterin sah sich am Pfingstmontagnachmittag gezwungen, den Ort an der Lübecker Bucht für Tagesgäste zu sperren. Zwei Tage zuvor standen auf Sylt Menschen in dreistelliger Zahl an einer Toilette am Kampener Strandübergang an.

Um die im Sommer erwarteten Ströme von Urlaubern und Tagesgästen zu lenken, lassen sich die Orte an Nord- und Ostsee einiges einfallen: von Parkleitsystemen, Bodenaufklebern mit Abstandsregeln, Einbahnstraßensystemen am Strand bis hin zu Strand-Apps.

Schleswig-Holstein etwa setzt bei der Unterbindung größerer Menschenansammlungen in Ferienorten und an Stränden auch auf digitale Lösungen. An der Lübecker Bucht wird gerade eine sogenannte „Strand-App“ entwickelt. Eine echte App wird die Anwendung zwar nicht, wie Doris Wilmer-Huperz, Pressesprecherin der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht, sagt.

Geplant sei eine Internetplattform, die im Prinzip so funktioniert wie die Onlinebuchung eines Theaterplatzes. Tagestouristen können einsehen, welcher Strandabschnitt schon voll ist und für welchen sie noch ein Ticket buchen können. Urlauber, die einen Aufenthalt in einem der Orte, die mitmachen, gebucht haben, dürfen ebenso wie Einwohner und Zweitwohnungsbesitzer immer an den Strand.

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