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Mehr Naturschutz wagen: Hessische Forstämter treffen sich für Best-Practice-Tag in der Rhön

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Die Teilnehmenden des Best Practice Day in der Rhön.
Die Teilnehmenden des Best Practice Day in der Rhön. © Lena Grün

Bestmöglich auf neue Herausforderungen reagieren können und Lösungen finden: Das ist das Ziel von HessenForst, dessen Betriebe sich am vergangenen Mittwoch für den alljährlichen „Best Practice Day Naturschutz“ in der Rhön getroffen haben.

Rhön - Das Interesse war groß: Rund 70 Gäste waren der Einladung des Landesbetriebs HessenForst ins Bürgerhaus Langenbieber gefolgt. Unter den Referenten und Gästen waren nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Forstämter, sondern auch Haupt- und Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Bereichen des Naturschutzes – darunter NABU, Hessische Verwaltung des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön und Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Fulda, heißt es in einer Mitteilung des Biosphärenreservats.

„In Zeiten von Klimawandel und Artensterben können wir uns nicht mehr auf unsere bisherigen Erfahrungen verlassen“, betonte Bernd Mordziol-Stelzer vom Forstamt Hofbieber. „Dieses Wissen müssen wir hinterfragen und daraus neue Lösungen für den Waldnaturschutz entwickeln.“ Wie solche Lösungen aussehen können, das stand an diesem Tag anhand unterschiedlicher Projekte, die in den Revieren des Forstamts im Landkreis Fulda umgesetzt werden, im Fokus.

Rhön: Hessische Forstämter treffen sich für Best-Practice-Tag

Das Forstamt ist für 15.000 ha Wald verantwortlich – hierzu gehört der Großteil der Kernzonen im hessischen Teil des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön. Im Sommer 2020 ist das Forstamt mit Erlass des Umweltministeriums zum „Modellbetrieb für Biodiversität PLUS“ ernannt worden. Im Zuge dessen werden verschiedene Maßnahmen entwickelt, die dem Erhalt und der Steigerung der Biodiversität im Landeswald dienen sollen.

Unter anderem wurden eine Biotoppatenschaft für Quellen sowie Artenpatenschaften für Schwarzstorch, Feuersalamander und Mopsfledermaus übernommen. Bei einem Fledermaus-Monitoring wurden insgesamt 13 Arten festgestellt – inklusive eines Hinweises auf ein Vorkommen der Nymphenfledermaus, für die es aktuell in Hessen keinen weiteren Nachweis gibt, erklärte der Forstreferendar Raphael Rau. Zu Schutzmaßnahmen gehören der Ankauf von Habitatbäumen in Privatwäldern, die Sicherung von Fledermaus-Winterquartieren in Stollen und Bunkeranlagen und die Ausbringung von Fledermauskästen.

Mit Projekten wie diesen – hinzukommen Themen wie Streuobst, Waldweide und Wasserrückhalt – soll das Forstamt als Modellbetrieb Ideen für andere liefern. „Wir wollen aus der Praxis für die Praxis lernen. Das Rad muss nicht neu erfunden werden“, sagte Jörg Burkard aus der Landesbetriebsleitung von HessenForst. Der Naturschutz werde künftig im Staatswald eine noch größere Rolle spielen, die entsprechende Leitlinie für den Staatswald in Hessen werde in diesem Jahr überarbeitet.

„Der Druck auf die heimischen Rohstoffquellen wird kommen“

Die Richtung ist deutlich: „In der Abwägung von Nutzungsinteressen und dem Schutz der Biodiversität wird dem Naturschutz Vorrang eingeräumt.“ Für den Staatswald werde das Veränderungen mit sich bringen – zum Beispiel bei der Anzahl der Habitatbäume. Trotzdem: „Der Druck auf die heimischen Rohstoffquellen wird kommen“, betonte Burkard. Vor allem mit Blick auf Russland gelte es, in Sachen Holzernte und Holzverkauf autark zu werden und unabhängig zu sein. Umso wichtiger sei es, Ernte und Naturschutz in Einklang zu bringen.

Die existenzielle Bedeutung von Quellen als Lebensraum für hochspezialisierte Arten stellte Stefan Zaenker vor. Bisher wurden in einem länderübergreifenden Monitoring im Biosphärenreservat fast 4000 Quellen kartiert, in denen die beeindruckende Zahl von 2641 Tierarten nachgewiesen werden konnten. Im Wald werden die Quellstandorte nach Absprache mit dem Forstamt markiert, sodass die Forst-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter entsprechend Rücksicht nehmen können.

Zu den klimasensiblen und hochspezialisierten Arten zählen neben Rhönquellschnecke, Schellenberg-Grundwasserkrebs und Co. auch die Libellen in der Rhön: Um ihren Erhalt zu sichern, ist ebenfalls Hilfe notwendig – zum Beispiel durch das Anlegen von Teichen. Welche besonderen Anforderungen es hierbei zu beachten gilt, stellte die Biologin Ellen Ploß vor, die das Libellenvorkommen in der hessischen Rhön untersucht.

Forstamt Hofbieber und Partner stellen zahlreiche Projekte in der Rhön vor

Wie Artenschutz im „Kleinen“ aussehen kann, wurde im Vortrag von Uwe Barth deutlich: Im Rahmen eines Artenhilfsprojekts wird an Quellbächen im Waldbereich versucht, das Pyrenäen-Löffelkraut wiederanzusiedeln. Der Kreuzblütler, den selbst der erfahrene Biologe als ungewöhnliche Art bezeichnete, ist ein Relikt aus der Eiszeit und kommt hessenweit nur in der Rhön vor – und das bisher nur in sehr kleinem Ausmaß.

Der Best-Practice-Day Naturschutz findet im jährlichen Wechsel in einem der 39 Forstämtern des Landesbetriebs HessenForst statt. Ziel ist es, über Vorträge und Exkursionen aktuelle Projekte und Themenschwerpunkte des jeweiligen Forstamts darzustellen. Darüber hinaus dient es dem Austausch und der Vernetzung der Beschäftigten im Landesbetrieb. Im nächsten Jahr wird die Veranstaltung im Forstamt Hessisch-Lichtenau in Nordhessen stattfinden. (ah)

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