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Gunter Demnig verlegte in Wüstensachsen die ersten Stolpersteine.

In Wüstensachsen

Stolpersteine für Holocaust-Opfer: Nachfahren erzählen die ergreifenden Geschichten

  • Rainer Ickler
    VonRainer Ickler
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In Wüstensachsen (Rhön) sind die ersten 16 Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürger verlegt worden. Danach fand vor rund 100 Besuchern ein Abend der Erinnerung statt.

Wüstensachsen - In Wüstensachsen lebten bis zum Jahr 1933, als die Nazis die Macht ergriffen, noch 82 jüdische Bürger. Zuvor waren es mehr als 100 und damit rund zehn Prozent der Bevölkerung. Sie lebten bis Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts friedlich zusammen. Ab 1933 erfolgte die systematische Vertreibung und Ermordung der Juden.

Etwa 50 jüdische Bürger aus Wüstensachsen fielen dem Holocaust zum Opfer. An sie sollen die Gedenksteine erinnern. Rund 50 Bürger, eine Klasse des Ulstertalgymnasiums und eine der Grundschule Wüstensachsen begleiteten den Bildhauer Gunter Demnig bei der Verlegung der ersten 16 Stolpersteine, weitere folgen im kommenden Jahr. Demnig verlegt seit 1996 europaweit Stolpersteine. (Lesen Sie hier: Jerusalemplatz und Areal der früheren Synagoge - Stadt will jüdische Gedenkorte neu gestalten)

Rhön: Stolpersteine für Holocaust-Opfer - Ergreifende Berichte der Nachfahren

Bürgermeister Peter Kirchner (parteiunabhängig) erklärte, dass vor zwei Jahren Michael Lee Buchsbaum, ein Nachfahr einer seit dem Beginn es 19. Jahrhunderts in Wüstensachsen lebenden Familie, sowie Inge Hohmann, Margitta Köhler-Knacker, Janina Heim und Dieter Neumann im Rathaus waren und die Idee ins Spiel brachten, die einstigen jüdischen Mitbewohner in Erinnerung zu halten. Die Gruppe forcierte dieses Ansinnen und recherchierten bei den Nachfahren die Schicksale. Der Gemeindevorstand entschied, dass Stolpersteine verlegt werden sollen.

Die 16 Stolpersteine erinnern an jüdische Mitbürger, die in Wüstensachsen gelebt haben.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Mit den Stolpersteinen wird die Erinnerung an diese Menschen, die in Wüstensachsen gelebt haben, lebendig“, begründete Kirchner die Verlegung. Mit den Gedenksteinen begegnen die einstigen Mitbürger den Menschen im alltäglichen Leben.

Nachfahren erzählten am Abend der Erinnerung im voll besetzten Bürgerhaus ergreifende Geschichten. Lukas Röder berichtete, dass sein Urgroßvater Franz-Josef Röder im Jahre 1933 den jüdischen Arzt von Wüstensachsen, Dr. Fritz Neuwahl, mit dessen Auto bis nach Paris gefahren hat, weil die Nazis ihn festnehmen wollten. (Lesen Sie auch: 20 Stolpersteine gegen das Vergessen - Lübeck: Zivilgesellschaft und Rechtsstaat sind gefordert)

Die Namen

Rhönstraße: Jonas, Jenny, Nathan, Selma, Hannelore , Bertha, Rosi Nordhäuser und Moses Skalerzewski; Forsthausstraße: Max, Meta, Alfred, Walter Buchsbaum; Schafsteiner Straße: Siegfried, Hertha, Erika und Kurt Weinberger. 

Michael Lee Buchsbaum berichtet von seinem Urgroßvater Alfred, der mit dessen Bruder Walter ins KZ Buchenwald kam, von dort aber nach New York flüchten konnte. Dies gelang Max Buchsbaum nicht, der 1944 von den Nazis ermordet wurde. Ebenso erging es Buchsbaums Urgroßmutter Meta. Margitta Köhler-Knacker hat bei ihren Recherchen erfahren, dass sich die jüdischen Mitbürger in Wüstensachsen wie Deutsche fühlten, integriert waren und sogar, wie David Grünspecht, im Garderegiment von Kaiser Wilhelm gedient haben.

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Inge Hohmann hat seit vielen Jahren die Geschichte des jüdischen Lebens in Wüstensachsen erforscht und schon viele Details zusammengetragen. Ihr ist es zu verdanken, dass in der Ortsmitte schon ein Gedenkort an die einstigen Mitbürger erinnert. Sie wird im kommenden Jahr ein Buch veröffentlichen.

Ihre Forschungsergebnisse nutzte auch eine Klasse der Ulstertalschule, um die verschiedenen Phasen des jüdischen Lebens in Wüstensachsen zu dokumentieren. Lehrerin Iris Hofmann-Löbel sagte, dies sei eine gute Möglichkeit, Lokalgeschichte im Unterricht zu vermitteln. Umrahmt wurde der Abend durch musikalische Beiträge von Linde Weiland und Janina Heim.

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