Florian Illies spricht im Interview auch über seine Heimatstadt Schlitz.
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Florian Illies spricht im Interview auch über seine Heimatstadt Schlitz.

Interview

Ex-Rowohlt-Chef Florian Illies kündigt neue eigene Bücher an – „Ich will noch sehr viel schreiben und sehr viel leben“

  • Volker Feuerstein
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Florian Illies, geboren 1971 in Schlitz, ist ein Ausnahmetalent, erfolgreich als Journalist, Schriftsteller, Kunsthistoriker, Kunsthändler und Verleger. Seine frühen journalistischen Erfahrungen machte er bei der Fuldaer Zeitung. Zuletzt war er ein Jahr lang Chef des renommierten Rowohlt-Verlages.

Fulda/Schlitz - Florian Illies zählt zu den großen Söhnen der Region. Er wurde 1971 in Schlitz geboren und lebt heute in Berlin. Illies machte eine steile Karriere als Journalist, Kunsthändler, Kunsthistoriker und Buchautor nach dem Abi an der Fuldaer Winfriedschule, dem Volontariat bei der Fuldaer Zeitung und dem Studium in Bonn und Oxford.

Florian Illies stammt ursprünglich aus Schlitz - erfolgreich ist er als Journalist, Autor und Kunsthistoriker

Seit Januar 2019 war er geschäftsführender Verleger des Rowohlt Verlags. Ende Januar 2020 wurde bekannt, dass er auf eigenen Wunsch ausscheiden werde. Seine bekanntesten Bücher Generation Golf“ und „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ machten ihn über die Grenzen Deutschlands bekannt. Der Fuldaer Zeitung fühlt er sich noch immer verbunden und gab seinem Kollegen von einst, Volker Feuerstein, gerne ein Interview.

Gerade war der Himmel noch blau – oder sind die Wolken schon verzogen? Sie waren ein Jahr Verleger bei Rowohlt mit einem überraschenden Antritt und sind dann ebenso überraschend ausgestiegen. Ein kurzes Gastspiel. Können Sie etwas über die Hintergründe sagen?
Es war eine aufregende und gute Zeit im Rowohlt-Verlag in Hamburg, und ich weiß, es war nur eine kurze Zeit an der Spitze dieses großartigen Verlages. Aber ich habe mich nach langer Überlegung entschieden, einen anderen Weg zu gehen und mich ganz dem Schreiben zu widmen. Ich schreibe jetzt an einem neuen Buch über Deutschland in den 1930er Jahren und danach eine Biographie von Caspar David Friedrich. Das wäre neben dem anspruchsvollen Beruf als Manager eines großen Publikumsverlages nicht möglich gewesen. Zum Glück erscheinen diese Bücher beim Verlag S. Fischer – dort und als Herausgeber der „Zeit“ bin ich also weiter für das Haus Holtzbrinck aktiv.
Jetzt sind Sie Privatier und Schriftsteller. Blauer Himmel, Zeit für die Familie, zum Recherchieren und zum Schreiben? Vielleicht auch zum Genuss des Lebens, 2020 also der Sommer des Jahrhunderts für Sie?
Ja, ich bin sehr froh, mich das erste Mal ganz aufs Schreiben konzentrieren zu können, „1913“ ist noch wie auch „Generation Golf“ und meine anderen Bücher in Nachtschicht und an den Wochenenden entstanden. Aber Genuss des Lebens habe ich auch schon vorher erprobt. Aber ich merke jetzt, dass mit dem Beruf des Schriftstellers viele Menschen sehr viele angenehme Dinge verbinden, man denkt offenbar immer gleich an Hemingway im Unterhemd an der Schreibmaschine und an geöffnete Flaschen guten Weins.
Eine Situation, in der man schon mal rekapituliert, wo und wie ein Leben, eine Karriere begonnen hat, eine Zwischenbilanz zieht. Könnten Sie sich vorstellen, wieder in einem Ort wie Schlitz zu leben?
Für Zwischenbilanzen fühle ich mich noch zu jung, und dafür schaue ich auch viel zu gerne nach vorne. Aber natürlich werde ich nie vergessen, dass meine Karriere beim „Schlitzer Boten“ und der „European Newspaper of the Year“, der Fuldaer Zeitung, begonnen hat! Ich habe eine glückliche Kindheit in Schlitz gehabt, meine Mutter lebt noch dort, und ich bin immer wieder sehr gerne in meiner Heimatstadt. Und dieses Aufwachsen inmitten der Buchenwälder, direkt am rauschenden Fluss der Schlitz, in einer kleinen, besonders schönen Stadt, das hat mich schon sehr geprägt. Und an jedem Tag in Berlin, dieser viel zu lauten, viel zu hässlichen, viel zu großen Stadt, weiß ich, dass das hier beileibe nicht der einzige Ort ist, an dem man glücklich werden kann.
Sie haben bereits begonnen, ein Buch über Caspar David Friedrich zu schreiben, aber ein zweites, über die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, vorgezogen. Können Sie uns etwas zu beiden Büchern sagen?
Mein größter Antrieb beim Schreiben ist es, Vergangenes lebendig werden zu lassen. Das versuche ich mit dem Buch über die 30er Jahre, das zeigen will, wie die Goldenen Zwanziger Jahre in Berlin 1933 mit einer Vollbremsung endeten. Es wird Ende nächsten Jahres erscheinen. Und danach werde ich mich Caspar David Friedrich widmen, rechtzeitig zu dessen 250. Geburtstag. Ich will zeigen, warum dieser Romantiker aus fernen Zeiten uns in der Gegenwart so zu berühren vermag.

„Entweder - oder“ mit Florian Illies

Wein oder Bier? Lieber Wein. Bier schmeckt mir nur in Schlitz.

Kino oder Fernsehen? Im Fernsehen eigentlich nur noch Fußball, sehr gerne Filme, per Computer. Noch lieber als laufende Bilder sind mir die Bilder an der Wand.

Diesel oder E-Mobil? Fahrrad.

Baguette oder Pumpernickel? Egal, aber immer mit Orangenmarmelade.

Gudrun Pausewang oder Frank Schätzing? Gudrun Pausewang! Sie war meine Grundschullehrerin.

Cluburlaub oder Individualtour? Ich bilde mir wie alle anderen ein, ein großer Individualist zu sein.

Langschläfer oder Frühaufsteher? Als Vater von zwei Kindern auf jeden Fall Frühaufsteher.

Gibt es Zukunftspläne, und wie sehen sie aus?
Oh ja, sehr viele, ich habe noch so viel vor! Ich will noch sehr viel schreiben und sehr viel leben. Ich will Bücher schreiben über die Dämmerung, über Neapel, über die Unpünktlichkeit.
Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Sie als Schriftsteller?
Da bin ich doch vor allem Mensch – wir lernen alle, wie sehr alles mit allem zusammenhängt, wie sehr die Gesundheit und die Immunität ein zentrales Thema der Zukunft sind, wie unterschiedlich Menschen mit der Angst umgehen und der Gefahr, wie man lernt, dass man andere vor sich schützen muss und wie positiv negative Tests sind.
Welche Folgen hat die extrem verstärkte Gewichtung digitaler Medien auf die Kommunikation der Menschen?
Eine gewaltige! Wir alle müssen lernen, uns wieder ohne das Handy zu verständigen, wir dürfen nicht vergessen, was jenseits des Bildschirms existiert, das nämlich, was man früher das Leben nannte. Und dass man mit Telefonen auch einfach mal telefonieren kann – bei all dem Rumgetippe.
Wird 2020 mit seinen bedeutenden Ereignissen ein Jahr, über das Sie schreiben könnten nach dem Rezept von „1913“?
Ich lebe in der Gegenwart, aber ich schreibe über die Vergangenheit. Weil ich glaube, dass der zeitliche Abstand hilft, die Dinge klarer zu sehen. Wir leben vorwärts, aber wir verstehen rückwärts. Und wir können heute noch gar nicht wissen, was aus der Sicht der Zukunft einmal das Entscheidende des Jahres 2020 gewesen sein wird. Corona in jedem Fall. Aber ansonsten? Das unaufhaltsame Schmelzen der Polarkappen? Eine Entdeckung im Bereich der künstlichen Intelligenz? Auf jeden Fall alles viel wesentlicher als die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz, der Wegzug von Prinz Harry und Meghan und die Größe der Dienstwagen bei der Frankfurter AWO.

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