Fulda: Oberhalb von Großentaft, am Staiger, erinnert sich Andreas Patton im Gespräch mit Redakteurin Sabrina Mehler an seine Kinder- und Jugendjahre in „Doft“.
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Interviewtermin bei bestem Wetter: Oberhalb von Großentaft, am Staiger, erinnert sich Andreas Patton im Gespräch mit Redakteurin Sabrina Mehler an seine Kinder- und Jugendjahre in „Doft“.

Wahl-Wiener zu Besuch

„Krumme Nase kommt nicht von ungefähr“ - Schauspieler Andreas Patton spricht über Jugend in Großentaft

  • Sabrina Mehler
    VonSabrina Mehler
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Ist Großentaft seine Heimat? Oder doch eher Wien? Andreas Patton (58) schüttelt mit dem Kopf: „Ich war schon immer ein Zugereister, ein Freeme.“ Dennoch kommen bei dem Theater- und Filmschauspieler viele Erinnerungen hoch, wenn er über den Ort spricht, in dem er aufgewachsen ist.

Großentaft - „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“: Dieses Zitat aus Goethes „Faust“ könnte dem in den Sinn kommen, der Patton beobachtet, wie er auf der idyllisch gelegenen Bank im Feld sitzt und den Blick auf die Großentafter Hausdächer und die Kegelspiel-Berge im Kreis Fulda ringsum streifen lässt. Der Schauspieler war 18, als er diese kleine Welt für eine Karriere in den großen Städten verließ.

Seitdem hat sich hier viel geändert – und nicht unbedingt alles zum Besseren, findet der 58-Jährige, der seit 30 Jahren in Wien lebt. Er fragt sich: Ist Großentaft mittlerweile zu einer „Schlafsiedlung“ geworden? „Auch hier fahren die Leute mit ihrem SUV, dann geht das Tor auf und wieder zu, und die Leute sind weg.“

Schauspieler Andreas Patton verrät, welche Beziehung er zu Osthessen hat

Früher habe es im Dorf alle möglichen Berufe gegeben: „Schreiner, Schuster, alles. Jetzt gibt es keinen Laden, keine Bank mehr, und eine Kneipe ist auch dicht.“ Eigentlich, überlegt Patton mit Blick auf die landwirtschaftlichen Flächen, „wäre es geil, wenn es wieder einen Tauschhandel gäbe. Das würde die Vielfalt im Ort wieder befördern.“

Daraus, dass sein Herz am Land und der Natur hängt, macht der Wahl-Wiener keinen Hehl: „Meine Arbeitsplätze sind zwar in großen Städten, und ich kenne das urbane Leben sehr gut. Aber es hat sich weit vom Ursprünglichen entfernt. Dabei können wir uns in den Städten noch so szeneartig gebärden, in irgendwelchen Fuzzibezirken, in irgendwelchen Hipsterbezirken: Wir sind alle Kinder der Natur.“ Leider würden das viele vergessen.

Von den Sternschnuppen, die zuletzt vermehrt zu sehen waren, hätten „die Städter“ keine Ahnung: „Die haben auch keine Ahnung vom Wetter, sondern denken, dass das was ist, das der Mann im Fernsehen bringt. Und wenn das Wetter mal ein bisschen die Keule schwingt, dann machen sie große Augen.“

Genau deshalb, weil Patton ohne Land nicht sein kann, gehört ihm in der Nähe von Wien ein Forsthaus: „Das steht wahnsinnig schön am Waldrand. Da ist sonst nix, keine Straßenlaterne, keine Kanalisation, kein Wasser. Ich hab extra einen Brunnen gebaut.“ Dort werde einem bewusst, dass der Mensch ein Eindringling in der Natur sei: „Es stimmt ja gar nicht, dass wir die Erde kaputt machen. Wir machen unsere Lebensbedingungen kaputt. Die Natur scheißt auf uns. Das ist die Wahrheit.“

Andreas Patton: „Ich war schon immer ein Zugereister“

Trotz dieser Verbundenheit mit dem Natürlichen kann Patton mit dem Konzept „Heimat“ wenig anfangen. Weder würde er sich je als „Wiener“ noch als „Großentafter“ beziehungsweise „Däfter“ bezeichnen: „Ich war schon immer ein Zugereister, ein Freeme.“ Pattons Vater, der früher beim BGS arbeitete, kam aus Polen, seine Mutter aus dem Saarland.

Die Familie lebte zunächst in Hünfeld, wo Patton geboren wurde, dann in Steinbach, wo der älteste von drei Brüdern den Kindergarten besuchte, und schließlich in Großentaft, wo die Eltern in der „Paprika-Siedlung“ ein Haus bauten: so genannt, weil hier besonders viele Menschen aus dem Ostblock lebten.

Die Pattons integrierten sich schnell, vor allem weil der Vater ein guter Fußballer war und dann viele Jahre lang Vorsitzender des SV Blau-Weiß. Auch der Sohn kickte leidenschaftlich und erfolgreich: Noch heute lacht er verschmitzt, wenn er von seinen zwei Toren in einem Spiel der Hessenauswahl gegen die Eintracht und den späteren Weltmeister Thomas Berthold erzählt.

Zur Person

Andreas Patton wurde 1962 in Hünfeld geboren und ist zunächst in Steinbach, dann in Großentaft aufgewachsen. In Erlangen begann er ein Germanistikstudium, von 1985 bis 1989 absolvierte er ein Schauspielstudium am Mozarteum in Salzburg. Es folgten Engagements unter anderem am Schauspielhaus Stuttgart, der Volksbühne Berlin, am Thalia Theater Hamburg, am Burgtheater, dem Wiener Volkstheater und dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Er gewann mehrere Preise, zum Beispiel für seine Solorolle in der Bühnenfassung von Thomas Bernhards Roman „Frost“. Bekannt ist Patton auch aus Kino und TV, etwa für seine Rollen in diversen Tatorten, Polizeirufen und Sokos und unter anderem für die Hauptrolle in Götz Spielmanns Antares. Mit seiner Frau, der Regisseurin Karin Berghammer, lebt er in Wien. Die beiden haben drei Kinder.

Auch eine andere Liebe, nämlich die zur Literatur und dem Theater, begann in Osthessen: Zum einen, als er für die Hünfelder Zeitung als freier Mitarbeiter schrieb. Zum anderen, als er als 16-Jähriger mit der Mutter die Hersfelder Festspiele besuchte und Will Quadflieg in der Rolle des Brecht’schen „Galilei“ sah: „Ich saß hinten, aber plötzlich war ich mit diesem Menschen da vorne im Rampenlicht ganz alleine.“ Diese Verbindung sei faszinierend gewesen. Nun stand Patton zum ersten Mal selbst auf der Bühne der Stiftsruine, als er die gefeierte Operngala moderierte: „Das war ein Vergnügen.“

Dass er seinerzeit zum Theater kam, geschah allerdings eher durch Zufall. Freunde hatten in Österreich Vorsprechen an Schauspielschulen. Patton kam mit, witterte eher eine große Partyreise – wegen der Zwei-Liter-Flaschen Wein im Nachbarland. „Ein Saufgelage wurde es aber doch nicht, man musste richtig Texte auswendig lernen.“ Die Jury hat er offenbar nachhaltig beeindruckt: Patton wurde am renommierten Mozarteum in Salzburg angenommen.

Ein- bis zweimal im Jahr ist Andreas Patton in Großentaft zu Besuch

Trotz vieler Auftritte auf den Theaterbühnen der Welt und in bekannt-beliebten TV-Produktionen hat Patton Großentaft nicht vergessen. An Orte, Menschen und Begebenheiten erinnert er sich, als wären sie erst gestern gewesen. An die „Linde“ zum Beispiel: „Was in dem Lokal abgegangen ist, da kannste zehn Jahre lang ’ne Serie draus machen.“ Ebenso an den Schlachttag: „Da gab’s immer Schinkenhäger. Und der war hundertprozentig leer, wenn die Sau verwurstelt war.“

Und an die ewige Rivalität mit den benachbarten Rasdorfern, den dortigen „Border Saloon“ mitsamt den Drei-Liter-Flaschen Asbach. Wie damals Meinungsverschiedenheiten ausdiskutiert wurden, weiß Patton auch noch genau: nämlich gar nicht. „In Großentaft wurde geschlägert wie blöd. Meine krumme Nase kommt nicht von ungefähr.“ Wie man mit Konflikten umgeht, habe er erst viel später gelernt.

Serie Landleben

Dieser Text ist im Zuge der Serie „Landleben“ in der gedruckten Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom 20. August 2021) erschienen. Alle Beiträge aus der Serie, die das (Land-)Leben zwischen Rhön, Vogelsberg und Spessart beleuchtet, finden Sie im E-Paper von Fuldaer Zeitung, Hünfelder Zeitung, Kinzigtal Nachrichten und Schlitzer Bote. Ebenfalls in der Serie „Landleben“ ist folgender Artikel erschienen: Sind Kneipen zu laut? Gastwirt beklagt: „Die Leute waren früher toleranter“

Während Patton auf der Bank sitzt und erzählt, kommen immer mal wieder „Däfter“ vorbei: Hubert Schmelz, Landwirt und außerdem Erster Beigeordneter der Gemeinde, tuckert mit dem Traktor entlang und hält an. Beide kennen sich gut. „Neulich hab ich dich im Fernsehen gesehen, das haste wieder einen ganz schön Bösen gespielt“, sagt Schmelz. „Das passiert mir öfter“, grinst Patton, der in TV-Krimis nicht nur einmal den Mörder mimte.

Kurze Zeit später bremst ein Auto: „Ach, du bist doch der Patton“, sagt die Fahrerin. „Ja, on boss besst dou fier ei?“ fragt der Schauspieler lachend zurück. Das Rhöner Platt beherrscht er recht gut, spricht es aber eher aus Spaß: „Ich bin ja kein echter Däfter, und die Einheimischen haben ein feines Gehör.“

Ein- bis zweimal im Jahr besucht Patton heute noch Großentaft und seine Eltern. Demnächst will er mit dem Solo-Stück „Frost“ von Thomas Bernhard wieder in europäischen Städten auf Theater-Tournee gehen. Vielleicht ist dafür ja auch ein Termin im örtlichen Bürgerhaus frei?

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