Wildkatzen sehen Hauskatzen ähnlich. / Fotos: Luca Remmert/Tierschutz Fulda und Umgebung e.V.

Seltenes Findelkind: Wildkätzchen in Waldstück bei Langenbieber gefunden

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Dipperz/Langenbieber - Mit Katzen haben die Pfleger des Tierschutzvereins Fulda und Umgebung häufig zu tun. Doch ein jüngst abgegebener Schützling hat für Verblüffung gesorgt. Denn das vermeintliche Flaschenbaby entpuppte sich als Wildkatzenjunges. Gefunden wurde das seltene Findelkind in einem Waldstück zwischen Dipperz und Langenbieber.

Von unserem Redaktionsmitglied Leon Schmitt

„Ich habe direkt gemerkt, dass die Katze anders ist“, berichtet Luca Remmert. Die 26 Jahre alte Studentin aus Petersberg-Steinau hilft ehrenamtlich bei dem Tierschutzverein. Sie hatte das Findelkind Anfang September in ihre Obhut genommen. Das hat der Tierschutzverein am Sonntag über Facebook mitgeteilt.

Kätzchen saß alleine auf einem Ast

Spaziergänger hatten die nur wenige Wochen alte Katze laut Remmert in einem Waldstück zwischen Dipperz und Langenbieber entdeckt. Sie saß alleine auf einem Ast, berichteten die Finder. Nachdem sie aus einiger Entfernung etwa eine halbe Stunde lang vergeblich auf die Mutter des Tiers gewartet hatten, beschlossen sie, das Junge mitzunehmen und beim Tierschutzverein abzugeben. Sie ahnten dabei nicht, dass es sich um ein Wildkätzchen handelt.

Auch Luca Remmert dachte, es handelt sich um ein Kätzchen, das mit der Flasche großgezogen werden muss. Aber die Katze knurrte und biss in die Flasche. Sie ließ sich nicht von der 26-Jährigen festhalten: „Sie konnte kaum laufen, war aber schon richtig auf Krawall gebürstet.“ Remmert bemerkte außerdem, dass die Katze bereits viel mehr Zähne hat als ihre gleichaltrigen Artgenossen.

Reise nach Nordrhein-Westfalen

In einer Facebook-Gruppe, in der sich Nutzer über Wildtiere austauschen, suchte die Pflegerin nach Rat. Anhand der Rückmeldungen erhärtete sich Remmerts Verdacht. Sie wurde schließlich an den Retscheider Hof in Bad Honnef (Nordrhein-Westfalen) vermittelt. Dort werden Wildtierjunge aufgezogen, um anschließend wieder ausgewildert werden zu können. Die Experten bestätigten: Es ist eine Wildkatze.

Remmert wurde gesagt, dass das Tier niemals zahm werden würde. Außerdem dürfe es nur rohes Fleisch fressen. Es als Haustier zu halten, käme nicht in Frage. Noch am selben Abend sorgte deshalb ein anderes Mitglied des Tierschutzvereins dafür, dass das Katzenbaby nach Bad Honnef gebracht wurde. An dem Retscheider Hof wird es nun auf eine Auswilderung vorbereitet.

Timon soll im Frühjahr ausgewildert werden

„Wir haben momentan 14 Wildkatzen in unserer Obhut“, sagt Stefanie Huck vom Retscheider Hof. Die Wildtierpflegerin erklärt, dass Timon wohlauf ist. Den Namen bekam der etwa fünf Wochen alte Kater von Luca Remmert. Im Frühjahr 2020, wenn es genug Nahrung gibt, soll Timon dann in einer Gruppe mit gleichaltrigen Wildkatzen ausgewildert werden. „Wo, das ist noch offen“, sagt Huck.

Für den Tierschutzverein Fulda und Umgebung war dieses Erlebnis einmalig. „Wir hatten noch nie zuvor eine Wildkatze bei uns“, sagt Vorstandsmitglied Anita Burck. Auch im Tierheim Fulda-Hünfeld hat es einen solchen Fall – zumindest in jüngster Vergangenheit – noch nicht gegeben.

Rund 200 Wildkatzen in der Rhön

Aber wie selten sind die scheuen Wildtiere, die unter Artenschutz stehen, wirklich? Georg Sauer, Ranger im Biosphärenreservat Rhön, gibt einen Einblick: „Auch wenn die Wildkatze einst vom Aussterben bedroht war, mache ich mir inzwischen keine Sorgen mehr um das Tier.“

Rund 200 Wildkatzen sollen in der Rhön leben. Das hatte das Biosphärenreservat im Mai 2019 bei einem Aktionstag zur Wildkatze mitgeteilt. Ermittelt wurde diese Anzahl mit Hilfe von mit Baldrian präparierten Lockstäben. Wenn sich die Tiere an den Stäben reiben, hinterlassen sie Haare, die genetisch analysiert werden.

Georg Sauer forscht in einem Gebiet von Hilders bis zum Roten Moor. In seinen Lebendfallen findet er inzwischen mehr Wildkatzen als Füchse. Auch er habe bei Langenbieber schon mal eine Wildkatze gefangen – und natürlich wieder freigelassen.

„Spaziergänger haben es gut gemeint“

Ob die Spaziergänger richtig gehandelt haben, kann Sauer nicht sagen. „Falls die Mutter noch lebt, war es ein grober Fehler. Wenn nicht, dann haben sie der Katze vielleicht geholfen. Vielleicht hätte sie aber auch alleine überlebt“, sagt er. Der Ranger zumindest hätte das Kätzchen deshalb sitzen lassen – auch wenn die Spaziergänger es „sicher gut gemeint“ haben.

Weitere Infos zum Retscheider Hof und dazu, wie man mit gefundenen Wildkätzchen umgeht, lesen Sie hier.

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