Der Verteidiger Knut Hillenbrand (rechts) und der angeklagte Chef der Winterdienst-Firma. / Foto: Volker Nies

Sophia-Prozess: Winterdienst-Firma erhielt vor Unglück zahlreiche Abmahnungen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda/Neuhof - Im Prozess um das Bahnunglück am 4. Februar 2010, bei dem die 16 Jahre alte Sophia von einem eisglatten Bahnsteig in Neuhof vor einen einfahrenden Zug rutschte, ging es am Dienstag im Landgericht Fulda um die Verantwortung des angeklagten Chefs der Winterdienst-Firma.

Von unserem Redaktionsmitglied Volker Nies

Anhand zahlloser E-Mails und Verträge rekonstruierte Vorsitzender Richter Josef Richter das Verhältnis zwischen der Bahn und der Winterdienst-Firma. Der 48 Jahre alte Chef der Firma ist mit drei Bahnmitarbeitern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Drei Abmahnungen vor Zugunglück

Das Unternehmen hatte 2009 den Winterdienst-Auftrag für 205 Bahnhöfe in Hessen und Rheinland-Pfalz erhalten. Der Januar und Februar 2010 waren kalt und schneereich. Wegen mangelhafter Räumung von vier Stationen im Bereich Mainz bekam die Firma am 8. Januar 2010 eine Abmahnung. Am 25. Januar waren hessenweit Bahnhöfe nicht geräumt. Deshalb erhielt das Unternehmen sofort die zweite Abmahnung.

Die Firma versprach, sie werde in ganz Hessen weiter räumen – was aber nur mangelhaft erfolgte. Deshalb erhielt die Firma am 1. Februar die dritte Abmahnung – und zwei Wochen nach dem Unglück in Neuhof schriftlich die sofortige Kündigung.

Auftrag sei bereits vor Unglück entzogen worden

Auf die Frage des Richters, warum sich die Vertragsauflösung bei offenkundig großen Problemen im Winterdienst so lange hinzog, sagte der angeklagte, 67 Jahre alte Winterdienst-Koordinator der Bahn, die erste Abmahnung habe ja nur Mainz betroffen.

Der Chef des Winterdienst-Unternehmens berichtete der Polizei kurz nach dem Unglück, die Winterdienst-Zentrale der Bahn habe ihm „wegen Unstimmigkeiten in der letzten Januar-Woche“ am 29. Januar telefonisch den Auftrag entzogen. Deshalb habe die Firma sofort die Arbeit eingestellt – aber zunächst nur vorübergehend. Am 1. Februar habe sie das Räumen wieder aufgenommen. An mehreren Stationen seien seine Mitarbeiter dann jedoch auf andere, von der Bahn mittlerweile beauftragte Unternehmen gestoßen. Deshalb habe die Firma am 1. Februar die Arbeit endgültig eingestellt, berichtete der angeklagte Chef kurz nach dem Unglück.

Der Prozess wird am 17. September fortgesetzt. Einen ausführlichen Bericht – auch über interne Mails der Bahn vor dem Unglück – lesen Sie in der Mittwochausgabe der Fuldaer Zeitung sowie im E-Paper.

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