Foto: Marcus Lotz

Sophia-Prozess: Winterdienst-Firma soll Hunderte Mitarbeiter erfunden haben

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Fulda/Neuhof - Im Prozess um die am 4. Februar 2010 am Bahnhof Neuhof tödlich verunglückte Sophia (16) berichtete ein Zeuge am Freitag vor dem Landgericht Fulda, das Winterdienst-Unternehmen des Angeklagten habe sich übernommen.

Von unserem Redaktionsmitglied Marcus Lotz

Ein 62-jähriger Zeuge, der damals für die Bahn unter anderem für die Winterdienste zuständig war, gab an, ihm sei die „sehr außergewöhnliche Wintersituation“ bewusst gewesen. „Das war flächendeckend eine Herausforderung, sodass wir im Januar 2010 ein Maßnahmenpaket beschlossen, um gegenzusteuern.“ Zu dem Paket habe es gehört, im Falle mangelhaft ausgeführter Winterdienste andere Unternehmen hinzuzuziehen.

Dass ein solcher Mangel herrschte, beschrieb eindrücklich ein ehemaliger Mitarbeiter des 48-jährigen Angeklagten. Das Unternehmen habe „auf keinen Fall“ genügend Mitarbeiter gehabt, um sich um die 100 bis 150 Bahnhöfe zu kümmern, an denen es Winterdienst leisten sollte.

Täuschung der Firma

So habe der Angeklagte – der laut Aussage des Zeugen erhebliche Schulden hatte – mehr Aufträge angenommen, als das mit 40 bis 50 Mitarbeitern besetzte Unternehmen habe bearbeiten können.

Um die Aufträge zu bekommen, habe die Firma die Bahn von Anfang an getäuscht: „Es wurden Listen mit Hunderten erfundener Mitarbeiter erstellt, deren Namen von Visitenkarten und deren Nummern aus dem Telefonbuch stammten“, erzählte der Zeuge. Dass der Betrug nicht aufflog, erklärte sich der ehemalige Mitarbeiter so: „Die Firma hatte die Jahre davor gute Arbeit geleistet.“ Einer der Bahnmitarbeiter meinte außerdem, dass „bei solchen Angaben ein gewisses Vertrauen herrscht“.

Fortsetzung am Dienstag

Als Reaktion auf sich häufende Missstände habe die Bahn dem Unternehmen die Verantwortlichkeit für mehrere Bahnhöfe entzogen. Deren Auswahl bezeichnete der Zeuge als „entscheidenden Fehler“: „Sie haben uns die Bahnhöfe gestrichen, in denen wir uns auskannten und effektiver arbeiteten.“

Kurz vor dem Entzug des Auftrags für den Neuhofer Bahnhof durch die Bahn am 29. Januar sei die Lage der Firma desolat gewesen: „Wir hatten kein Streusalz mehr, die Fahrzeuge waren fast alle kaputt, die Mitarbeiter krank, die Firma ohne Geld.“

Die Verhandlung wird am Dienstag fortgesetzt.

  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren