Fotos: Daniela Petersen

Stadt Fulda ehrt die deutsch-französische Autorin Géraldine Schwarz mit dem Winfriedpreis

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Der deutsch-französischen Journalistin, Autorin und Dokumentarfilmerin Géraldine Schwarz ist am Mittwochabend im Marmorsaal des Fuldaer Stadtschlosses der mit 10.000 Euro dotierte Winfriedpreis der Stadt Fulda verliehen worden. Die 44-Jährige ist die bisland jüngste Preisträgerin in der Geschichte des Winfriedpreises.

Damit folgte Géraldine Schwarz sozusagen auf Joachim Gauck. Der Ex-Bundespräsident hatte den Winfriedpreis im Jahr 2018 erhalten. Im Jahr davor hatte die Stadt dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) den Winfriedpreis verliehen.

Nach Überzeugung der Dr. H.G.-Waider Stiftung, die den Preis in Abstimmung mit der Stadt Fulda vergibt, leistet Géraldine Schwarz mit ihrem Buch „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“ einen „bedeutsamen Beitrag zur Neubesinnung auf den Wert der europäischen Einigung und der deutsch-französischen Freundschaft“.

„Gelebte Kultur der Vergangenheitsaufarbeitung“

Ihr Werk führe, so heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Fulda in authentischer Weise vor Augen, dass „eine gelebte Kultur der Vergangenheitsaufarbeitung der Schlüssel zur Gestaltung einer von Frieden und Freiheit geprägten offenen Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft“ sein kann. Géraldine Schwarz wurde 1974 in Straßburg geboren, als Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie wuchs Frankreich auf, in Mannheim lebten ihre deutschen Großeltern. Das Abitur legte sie am Lycée Internationale, Deutsche Abteilung, in Saint-Germain-en-Laye ab und studierte unter anderem in London.

Die Journalistin, Autorin und Dokumentarfilmerin kam später als Korrespondentin der Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) nach Deutschland und lebt heute in Berlin. Ihr Roman „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“ erschien im Herbst 2017 im Secession-Verlag für Literatur, Zürich, und ist in zehn Sprache übersetzt worden. 2018 wurde das Buch mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. In diesem Jahr kam neben dem Winfried-Preis auch der International Prize for Literature and Science der Pescarabruzzo Foundation in Italien dazu.

„Ermutigung für die Zukunft“

In ihrer Dankesrede bekannte Géraldine Schwarz, dass sie von der Preisvergabe sehr überrascht gewesen sei. Die Liste der bisherigen Preisträger umfasse illustre Namen und verdienstvolle europäische Persönlichkeiten. „Aber heute habe ich verstanden, dass es bei Preis auch um eine Ermutigung für die Zukunft geht, und diese nehme ich gerne an“, sagte Schwarz. Ihr Appell an die europäische Öffentlichkeit lautete: „Nur wenn wir Erinnerungen teilen, werden wir ein gemeinsames europäisches Bewusstsein stärken. Lassen Sie nicht zu, dass der Begriff ,Heimat‘ zu einem Ausschlusskriterium wird!“

Auch die Laudatorin des Abends, die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die 2018 zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, würdigte die Verdienste der Preisträgerin. Im Spannungsverhältnis zwischen Familienloyalität und historischer Wahrheit habe Schwarz in ihrem Roman ein „neuartiges Geschichtsbuch“ geschrieben: „Ihre Familien stehen exemplarisch für die Mitläufer- und Mittätergesellschaft“, sagte Assmann.

NS-Zeit aus deutscher und französischer Perspektive

Das Buch sei ein wichtiger Impuls in Zeiten, in denen „die Gedächtnislosen“ in vielen Ländern Europas darangingen, die Geschichte umzudeuten und Verbrechen zu verharmlosen. Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, betonte, dass die Preisverleihung in diesem Jahr – anders als in früheren Jahren – nicht so sehr als Auszeichnung für ein Lebenswerk zu sehen sei, sondern vielmehr als Ermunterung für alle, nach dem Vorbild der Preisträgerin selbst aus gewohnten Bahnen auszubrechen und sich gesellschaftlich einzubringen.

Zeugleich sei die Auszeichnung auch eine Ermutigung für die Preisträgerin selbst, dem vielgerühmten Roman „Die Gedächtnislosen“ weitere Werke folgen zu lassen und dem Thema der europäischen Völkerverständigung neue literarische oder journalistische Facetten hinzuzufügen. Das Buch fördere die Völkerverständigung, „indem es die NS-Zeit aus deutscher und französischer Perspektive beschreibt, den Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit der Vergangenheit analysiert und auf dieser Basis das Bewusstsein für den Wert eines friedlichen und demokratischen Europas stärkt.“

Mit dem Winfriedpreis werden nach Angaben der Stadt Fulda Persönlichkeiten geehrt, die sich in besonderem Maße um die Völkerverständigung verdient gemacht haben. Namensgeber ist der aus England stammende Heilige Winfried Bonifatius. Der missionarische Wirkungskreis des Heiligen habe sowohl in geistiger als auch in geografischer Hinsicht eine völkerverbindende und friedensstiftende Dimension gehabt.

Europäisch und völkerverbindend

Mit dem Winfriedpreis solle an dieses Handeln erinnert werden. Ausgezeichnet werden deshalb „Personen, die den europäischen und völkerverbindenden Gedanken des Heiligen Bonifatius in ihrem Handeln fortführen. Auf die diesjährige Preisträgerin trifft dies nach Überzeugung des Preiskuratoriums in besonderer Weise zu.“ 2016 war Abtprimas Prof. Dr. Notker Wolf Preisträger.

2015 war der Preis der früheren Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth (CDU) zuerkannt worden. Auch der frühere luxemburgische Ministerpräsident und heutige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU), Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse (SPD) und der frühere bayerische Kultusminister Prof. Dr. Hans Maier (CSU) gehören zu den bisherigen Preisträgern. / sar

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