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Vom berüchtigten Einbrecher zum „Tatort“-Drehbuchautor - Peter Zingler verschlug es auch nach Gläserzell

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Von: Daniela Petersen

Heuter bekannter Autor und Drehbuch-Schreiber - früher Einbrecher. Peter Zingler (78) verschlug es in den 80er Jahren auch einmal nach Fulda-Gläserzell.
Heuter bekannter Autor und Drehbuch-Schreiber - früher Einbrecher. Peter Zingler (78) verschlug es in den 80er Jahren auch einmal nach Fulda-Gläserzell. © Daniela Petersen

Peter Zingler ist heute als Autor und Drehbuch-Schreiber für den „Tatort“ bekannt. In den 80er Jahren verschlug ihn sein abenteuerliches Leben als Gauner sogar einmal nach Fulda-Gläserzell.

Fulda/Frankfurt - Vor der Haustür steht eine Figur, die so aussieht, wie man sich einen Gangster vorstellt: schwarzer Mantel, Brille, Hut. „Ich habe sie mal vor langer Zeit auf einem Flohmarkt gekauft“, sagt Peter Zingler, der hier wohnt und die Tür öffnet. Er ist selbst jemand, der gerne Hut trägt. Und vielleicht ist er auch selbst jemand, der sich gerne als Schurken sieht.

Auf jeden Fall war der 78-Jährige vor 30, 40 Jahren ein berüchtigter Einbrecher. Heute verdient er sein Geld als Autor. 19 Romane und Erzählbände hat er geschrieben, außerdem etliche Drehbücher für Film und Fernsehen. Seit 1993 ist er Grimme-Preisträger.

Was sich wie eine gelungene Resozialisierung anhört, trifft auf Zingler aber nicht so recht zu. „Ich habe mich eher selbst resozialisiert“, sagt er. Er hat mit dem Stehlen aufgehört, weil es nicht mehr nötig war. Und nicht, weil er das bereute, was er getan hat. Die Angst, die ein Einbruch bei manchen Opfern hinterlässt – er kann sie nur erahnen. (Lesen Sie auch: „Cold Case“ Gabriele Schmidt aus Fulda - Zahlreiche Meldungen nach Ausstrahlung bei „Aktenzeichen XY“)

Vom Einbrecher zum „Tatort“-Drehbuchautor - Peter Zingler lebte mal in Fulda

Schon als Kind im Nachkriegsdeutschland gehörten kleine Diebstähle dazu, um über die Runden zu kommen. Doch mit den Jahren klaute er statt Kartoffeln, Kaffee und Tabak dann Pelze, Schmuck, Autos und Orientteppiche. Vom Einbrechen spricht er wie von einem Beruf, den er in einem früheren Leben mal gelernt hat.

Er selbst hat mal 150 Einbrüche zusammen gezählt, die er in seinem Leben durchgezogen hat. Nie sei er auf frischer Tat ertappt worden. Aber der Verkauf der Beute wurde ihm manches Mal zum Verhängnis.

Mit 15 kam er das erste Mal ins Gefängnis, weil er ein Auto gestohlen hatte. Im Laufe seines Lebens wird er insgesamt zwölf Haftstrafen wegen schweren Diebstahls absitzen. In welchen Gefängnissen er überall war? „Fragen Sie lieber, wo nicht“, sagt er. Auch die JVA Fulda war dabei.

Zingler: „Gespart hab ich nie.“

„Dort saß ich mindestens zwei Mal in Untersuchungshaft“, erinnert er sich. Fulda kennt er gut. Denn neben Köln, Frankfurt, Marokko, Spanien, Sizilien und Jamaika lebte er eine Weile auch in Fulda-Gläserzell, weil er eine Frau aus Fulda geheiratet hatte. Es ist eine von vier Ehen, die allesamt nicht hielten. Sechs Kinder hat Zingler. Zu allen pflegt er Kontakt, mit einigen mehr, mit anderen weniger.

Nach Osthessen ist er nach der Trennung nur noch ein oder zweimal gekommen. „So schön ist Fulda auch nicht“, sagt er, und man hört seinen rheinischen Zungenschlag, der Sätze wie „Der meiste Schmuck ist ja Halli-Galli-Schmuck. Bis 500 Euro ist das nichts wert“ so dahin schaukeln lässt.

Inzwischen lebt er seit vielen Jahren in einer Altbauwohnung mit hohen hellen Wänden im Frankfurter Ostend, ganz in der Nähe der Europäischen Zentralbank. Ganz in der Nähe vom Geld. Zum Geld hat Zingler eine besondere Beziehung: „Ich war nie reich. Ich war immer in Geldnot, aber ich hatte immer Geld“, sagt er und ergänzt: „Na, ich bin immer einbrechen gegangen, wenn es wieder nötig wurde. Gespart habe ich nie.“

ARD-Film „Die Himmelsleiter“ handelt von Zinglers Leben

Man kann sich Zingler gut als Lebemann vorstellen. Einst ist er nach St. Tropez gereist, nur um einmal Brigitte Bardot zu sehen. „Da war ich sehr jung, es war mein Kindheitstraum, sie mal zu treffen. Dieser Typ Frau hat mir schon immer gut gefallen.“ (Lesen Sie hier: Kriminalfälle aus der Region Fulda - FZ-Redakteurin Daniela Petersen veröffentlicht Buch)

„Tatort Osthessen“ & Zingler-Interview

Das neue Buch „Tatort Osthessen“ unserer Redakteurin Daniela Petersen ist in den Geschäftsstellen unserer Zeitung sowie im Buchhandel erhältlich. In dem Buch werden Kriminalfälle aus der Region neu erzählt. Ein Interview mit Peter Zingler ist im E-Paper unserer Zeitung (Ausgabe vom 26. April) erschienen.

In seinem Wohnzimmer steht ein Bücherregal, Goethe, Christiane F., Stephen King. Aber auch eine Ausgabe des Strafgesetzbuches. Der Raum hängt voll mit Gemälden. Gegenüber der etwas verschlissenen Couch befindet sich ein übergroßes Bild, das er von einer Bekannten geschenkt bekommen hat. Ihr Name? Fällt ihm gerade nicht ein. Manchmal verheddert er sich in seinen Erinnerungen. Was wahrscheinlich normal ist mit 78 und einem Leben, das für zwei reichen würde.

Er wurde 1944 in Chemnitz geboren und kam direkt nach der Geburt ins Kinderheim. Als seine Oma von ihm erfuhr, holte sie ihn zu sich nach Köln. Lange wusste er nicht, dass sich seine Oma als seine Mutter ausgab und seine Schwester eigentlich seine Mutter war. Zinglers Kindheit wurde 2015 von der ARD in dem Film „Die Himmelsleiter“ verfilmt. Darin spielt Christiane Paul seine Mutter.

Nervenkitzel und Ruf im Vordergrund

Wenn er an seine Jugend denkt, wird die Stimme milde. „Meine Oma war nicht sehr streng und hat mich Vieles machen lassen“, sagt er. Und viel gemacht hat er. Bis Mitte der 1980er Jahre war Zingler als Einbrecher unterwegs. Was er alles gestohlen hat? So genau kriegt er das nicht mehr zusammen. „Ich bin seit so vielen Jahren raus aus dem Geschäft.“

Aber hier und da blitzt eben doch eine Erinnerung auf: Dann denkt er an Situationen, in denen er die Beute bereits in der Hand hielt und ohne fliehen musste, weil die Polizei schon anrückte: „Das ist dann schwierig“, sagt er und meint, dass man in solchen Momenten nicht gierig sein darf. Die Gier war es nie, die ihn antrieb, eher der Nervenkitzel und vielleicht auch der Ruf als gewiefter Einbrecher, den er im Milieu hatte.

Video: Köln, München oder Münster? Welches „Tatort“-Kommissarenteam hatte die meisten Fälle?

Zwischen den Gefängnisaufenthalten hat er es immer wieder mal mit ehrlicher Arbeit versucht und war als Kaufmann für eine Brauerei tätig. 1985 endete seine letzte Haft. Schon im Gefängnis hatte er mit dem Schreiben angefangen.

Der Erfolg stellte sich ein, nachdem Zingler dem Schauspieler Günter Strack ein Drehbuch schickte. Es gefiel. Schließlich schrieb er für die „Zeit“, den „Stern“, den „Spiegel“. Zinglers Geschichten wurden im „Tatort“, bei „Schimanski“ oder „Ein Fall für zwei“ erzählt. Auch heute noch schreibt er. „Ab und zu.“

Sein Leben ist ruhiger geworden. Die Augen wirken etwas müde. Das Haar ist zerzaust. Die Aufregung vermisst er nicht. „Die Einbrüche waren Teil meines Lebens und gehörten dazu. Wie der Knast auch. Aber ich bin froh, dass die ganze Sache auch vorbei ist.“

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