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Namensforschung im Stadtarchiv: Diese Nachnamen gibt es fast nur im Landkreis Fulda

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Von: Alina Komorek

Dr. Thomas Heiler in seinem Büro im Fuldaer Stadtschloss. Hier verbringt er täglich viel Zeit - wenn er nicht gerade nach örtlichen Namen sucht.
Dr. Thomas Heiler in seinem Büro im Fuldaer Stadtschloss. Hier verbringt er täglich viel Zeit - wenn er nicht gerade nach örtlichen Namen sucht. © Alina Komorek

Dr.Thomas Heiler ist vielen als Kulturamtsleiter der Stadt Fulda bekannt. In seiner Freizeit betreibt er Namensforschung und hat festgestellt: Viele Familiennamen gibt es nur hier in der Gegend. Einer der Gründe dafür ist der fuldische Dialekt.

Fulda - Er ist Archivar, Germanist, Historiker. Das klingt schon ein bisschen nach verstaubten Büchern. Aber wenn der Kulturamtsleiter aus Fulda, Dr. Thomas Heiler, davon erzählt, wie Familien vor einigen Jahrhunderten zu ihrem Nachnamen gekommen sind, ist das richtig unterhaltsam.

Die Namensforschung, so berichtet Heiler, sei historisch durch die Ahnenforschung und den Ariernachweis im Nationalsozialismus in Verruf geraten. „Heute machen Germanisten wieder viel Familiennamenkunde“, sagt der 62-Jährige. Man brauche in der Namensforschung nämlich Menschen, die sich auskennen in der deutschen Sprach- und Dialektgeschichte, um in einem Namen zu erkennen, welches Wort sich dahinter verbirgt. (Lesen Sie auch: Post, Bischof, Goldbach: Wieso in vielen Orten im Kreis Fulda bestimmte Nachnamen oft vorkommen)

Fulda: Diese Nachnamen kommen fast nur im Landkreis vor

Heiler zeigt am Beispiel des Fuldaer Oberbürgermeisters, welche örtlichen Veränderungen an Lauten vorgenommen werden: „Nehmen wir ,Wingenfeld‘. Das kommt wohl nicht vom englischen ,wing‘, sondern könnte fuldisch sein für ,Winden-‘ oder ,Wendenfeld‘. Heilers Theorie zu dem örtlich bekannten Namen: Die Vorfahren des OB wohnten in der Nähe eines Feldes, über das entweder der Wind fegte, oder auf dem der Pflug bei der Feldarbeit häufig gewendet werden musste.

Typische Fuldaer Nachnamen

Platz 1: Aschenbrücker (50; 86,2 Prozent).

Platz 2: Vonderau (40; 66,6 Prozent).

Platz 3: Halsch (33; 66 Prozent).

Platz 4: Diegelmann (220; 64,3 Prozent).

Platz 5: Dimmerling (81; 62,3 Prozent).

Platz 6: Scheibelhut (33; 58,9 Prozent).

Platz 7: Deigmüller (7; 58,3 Prozent).

Platz 8: Farnung (50; 55,9 Prozent).

Platz 9: Fronapfel (7; 53,8 Prozent).

Platz 10: Röbig (81; 52,9 Prozent).

Namenseinträge in Fulda laut Telefonbuch; Anteil der Namen in Fulda in Relation zur Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik.

„Die Namen, die wir jetzt haben, sind im 12. und 13. Jahrhundert entstanden“, erklärt Heiler. Denn um die Zeit kamen die Verwaltungen auf, die Geld von der Bevölkerung einsammelten. „Der Heinrich aus Fulda? Da gab es ja damals viel zu viele, deshalb mussten Nachnamen her“, vermutet der Stadtarchivar. Aber es bleibt – wie oft in der Namensforschung – bei der Vermutung: „Wir waren nicht dabei, als die Namen vergeben wurden. Das macht manches schwierig zu deuten.“ 

Heiler hat trotzdem einige Überlegungen angestellt und erklärt für manche der zehn typischen Fuldaer Namen, wie sie entstanden sein könnten. Aschenbrücker beispielsweise kommt wohl aus der Zusammenziehung des Berufs Aschenbrenner mit Brücker, also an der Brücke. Oder Halsch: „Entweder ein Spottname für eine hinkende Person nach ,halz‘ für lahm oder Berufsname für einen Holzschuhmacher nach ,holsche‘ für Holzschuh“. (Lesen Sie auch: Spannender Blick in das Jahr 1896: Fuldaer Geschichtsverein veröffentlicht Almanach)

Nach Feierabend mehrere Stunden im Stadtarchiv in Fulda

Diegelmann mag von einem Kosenamen für Dietrich kommen. Und Dimmerling erklärt Heiler so: „Entweder ein Spottname für einen lauten Menschen von ,tumel‘ für Lärm. Oder eine sich schnell bewegende Person nach dem fuldischen Wort ,dummeln‘ – sich beeilen.“ Heiler hat sich den Fuldaer Familiennamen gewidmet, weil er häufig darauf angesprochen wurde. Also verbringt er täglich nach der Arbeit als Kulturamtsleiter noch mehrere Stunden im Stadtarchiv, durchforstet Urkunden und sucht nach Namen, die typisch für Fulda sind.

Die Grundlage sind aber nicht nur Schriften und Dokumente, die um die 900 Jahre alt sind, sondern auch CDs aus den 2000ern. Darauf befinden sich nämlich die Telefonbücher der Telekom. Weil sich heute kaum noch jemand ins Telefonbuch eintragen lässt, sind das die umfangreichsten und aktuellsten Daten. Alle Namen, die öfter als zehnmal im Telefonbuch standen, hat Heiler notiert. Anschließend ist er ins Internet gegangen, um auf der Seite „geogen“ die Häufigkeit der Namen herauszufinden.

Video: Wie verbreitet ist Ihr Nachname?

„Natürlich ist Müller – überall in Deutschland – der häufigste Name. Aber wenn es insgesamt nur 58 Aschenbrückers gibt, und davon 50 in Fulda leben, stellt das eine örtliche Besonderheit dar.“ Aschenbrücker ist auf Platz 1 der Namen in Fulda – nach der relativen Häufigkeit. Manche Namen, die hier typisch waren, sind verschwunden. „Nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Beispiel waren ganze Familien nicht mehr da.“

Warum viele der häufigsten Namen im Landkreis geblieben sind? „Gerade bei seltenen Namen bleiben viele ihrer Scholle treu“, vermutet Heiler. Den Grund dafür zu ermitteln, ist vielleicht die Aufgabe, der sich der Stadtarchivar widmet.

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