Generationen in der Plantage: Kerstin (links) und Mutter Annemarie Reith schneiden Holunderblüten. Handschuhe tragen sie nicht wegen der Coronakrise, sondern wegen der Hygieneauflagen in der Lebensmittelproduktion.
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Generationen in der Plantage: Kerstin (links) und Mutter Annemarie Reith schneiden Holunderblüten. Handschuhe tragen sie nicht wegen der Corona-Krise, sondern wegen der Hygieneauflagen in der Lebensmittelproduktion.

Familie Reith baut Plantagen an

Holunderblüten: Pollen vom Feld in die Tanks und in die Flasche

  • Norman Zellmer
    vonNorman Zellmer
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Wenn‘s im Hause Reith an die Ernte der Holunderblüten geht, sind Familie und Nachbarschaft gefragt. Geerntet wurde kürzlich auf Hochtouren.

Tiefengruben - Ein wenig erinnert das Vorgehen an die Weinlese: Routiniert greift Kerstin Reith mit einer Hand unter die reife Dolde, zieht sie zu sich und gleichzeitig zusammen, während sie mit der Gartenschere in der anderen Hand die Doldenspitzen mit ein, zwei Schnitten abschneidet. Anschließend wirft sie die cremeweißen Blüten in einen grünen Eimer, der auf dem Boden steht.

Geerntet werden aber nur jene Blütenstände, die geöffnet sind. „Wir ernten nur die schönsten“, sagt die Nebenerwerbslandwirtin. Schließlich geht es um den Blütenstaub des Holunders, der für das Aroma sorgt. Reiths Arme, das T-Shirt und die Hose sind von den Pollen gelblich-grün gepudert.

Familie Reith ist eine von sechs Holunderanbauern der Region

Auf rund 2,3 Hektar Fläche am Tiefengrubener Ortsrand baut die Familie Reith Holunder an. Sie ist einer von sechs Holunderanbauern in der Region, die sich 1989 zur Beerenobstgemeinschaft Rhön-Vogelsberg zusammengetan haben. Sie bewirtschaften zusammen rund 30 Hektar Holunderplantagen – Sorte: Haschberg – und beliefern die Fliedener Kelterei Elm, die Saft, Sirup, Likör, Schorle und Wein in Bio-Qualität herstellt.

Ein kleiner Teil wird zudem in Schlitz zu Brand weiterverarbeitet. Weil die Reiths neben Holunder noch Johannisbeeren anbauen, haben sie rund 30 Produkte im Sortiment. Verkauft wird im Hofladen sowie über die Gemeinschaft, bei Rewe und Tegut.

900 Bäume und 280 Kilogramm Blüten

Anfang Juni ist Erntezeit für den Holunder. In Tiefengruben sammelten die fünf, sechs Erntehelfer – neben der Familie auch Nachbarn – in rund eineinhalb Tagen 280 Kilogramm Blüten von den bis zu 900 Bäumen ihrer Plantage. Sie stehen in einem Abstand von vier mal vier Metern zueinander auf einer Fläche, die einst klassischer Acker für Getreide und Mais sowie Grünland war. „Wir hatten erst probiert, den Holunder dort anzupflanzen, wo nichts anders wächst, aber das funktionierte nicht“, sagt Vater Willi Reith.

Zwei Ernten pro Jahr

Mitte der 90er Jahre hatten er und Frau Annemarie mit dem Holunderanbau begonnen, um ihren Milchviehbetrieb breiter aufzustellen. Zuvor probierten sie es mit Johannisbeeren: Die Früchte sollten einen Farbstoff für die Industrie liefern. Weil jedoch die Gewinnmarge für die beteiligten Bauern zu gering ausfiel, schlossen diese sich kurz und verlagerten sich auf die Lebensmittelproduktion und den Holunder.

„Anfangs wurden wir belächelt, ob sich das denn lohnt“, erinnert sich Annemarie Reith. Inzwischen sei es ruhiger geworden. Wichtig sei doch, dass Höfe eine Nische finden und diese nutzen, ist die Landwirtin überzeugt. Weil beim Holunder nicht nur die Blüten, sondern auch die Beeren wirtschaftlich genutzt werden können, gibt es bei den Reiths zwei Ernten pro Jahr.

Hintergrund

Die Holunder (Sambucus) ist eine Pflanzengattung in der Familie der Moschuskrautgewächse. Die Gattung enthält etwas mehr als zehn Arten; davon sind drei in Mitteleuropa heimisch.

Holunder wird oft auch als Fliederbeerbusch, Holler oder Holder bezeichnet.

Ein künstlerisches Denkmal hat Richard Wagner dem Holunder 1868 im zweiten Akt von „Die Meistersinger von Nürnberg“ gesetzt: „Was duftet doch der Flieder, so mild, so stark, so voll.“

Zudem besang Elton John auf der B-Seite von „Crocodile Rock“ 1972 den Holunderwein: „Feeling fine on elderberry wine“

Aus Holunderblüten entsteht eine Maische

Damit der Pollen des auch Holder oder Holler genannten Holunders seinen typischen süßen Geschmack in Saft oder Sirup abgeben und entfalten kann, brauchen es die abgeschnittenen Dolden nass: Weil Willi Reith keine feucht-klebrigen Hände bekommen will, hält er einen grünen Sechser-Saftkasten verkehrt herum in der Hand und drückt ihn auf die abgeschnittenen Blüten, die seine Tochter Kerstin soeben aus ihrem grünen Eimer in einen grauen Plastikbehälter gekippt hatte. Dieser ist wannengroß und steht auf einem Gestell an einem inmitten der Holunderplantage stehenden Traktor. Darin ist eine vorbereitete Lösung aus Wasser, Zitronensaft und Vitamin C, sodass mit den Holunderblüten eine Maische entsteht, die die Kelterei weiterverarbeitet, in Tanks lagert und in Flaschen abfüllt. Noch am selben Tag wird das Gemisch auf einen Anhänger verladen und nach Flieden gebracht.

Auf dem Feld bleibt Zeit für ein Lied oder eine Kaffeepause

Ist die Kampagne beendet, werden die Pflücker vier graue Behälter gefüllt haben. Weil nicht alle Pflücker in der Landwirtschaft beschäftigt sind, sondern anderen Tätigkeiten nachgehen, „muss man viel koordinieren“, auch mit der Kelterei und den anderen Landwirten“, erklärt Kerstin Reith. Die Arbeit macht aber Spaß: So bleibt auf dem Feld auch Zeit für ein Gespräch, ein Liedchen, ein Witz oder eine Kaffeepause.

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