Fotos: Marcus Lotz

2,4 Tonnen TNT unter „Gullydeckeln“: Trichtersperren sollten Feind im Krieg verlangsamen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Kleinlüder - Auf den ersten Blick sehen sie wie gewöhnliche Gullydeckel aus. Doch die kreuzförmige Oberfläche verrät: Es handelt sich um eine sogenannte Trichtersperren aus dem Kalten Krieg. Sechs davon befinden sich heute noch auf der Landesstraße zwischen Kleinlüder und Oberrode.

Von unserem Redaktionsmitglied Marcus Lotz

Deutschland in den 80er-Jahren: Das Konzept der nuklearen Abschreckung zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt ist gescheitert; es herrscht Krieg. Sowjetische Truppen marschieren in Hessen ein. Ihr Ziel: Die Air Base in Frankfurt. Die Einfallsroute: das sogenannte Fulda Gap, zu deutsch Fulda-Lücke.

Hypothetische Szenarien wie diese führten dazu, dass in Deutschland ab den 60ern verschiedene Arten von Sperranlagen gebaut wurden. „Diese Anlagen sollten die Infrastruktur an entscheidenden Punkten zerstören, um den Feind zu verlangsamen“, weiß Hobbyhistoriker Matthias Schweimer.

Zwischen fünf und acht Meter tief

Eine dieser Schlüsselstellen im Fulda Gap war die Landesstraße 3139 zwischen Kleinlüder und Oberrode. Dort finden sich auf und neben der Straße sechs Schächte, sogenannte Trichtersperren. „Diese Schächte waren zwischen fünf und acht Metern tief und wurden im Ernstfall mit Sprengstoff befüllt und in die Luft gejagt.“

Der Einsatz von insgesamt 2,4 Tonnen TNT sollte im Fall der L 3139 das erwünschte Ergebnis garantieren: eine Kraterlandschaft mitten auf der Fahrbahn, die von Kettenfahrzeugen nicht hätte durchquert werden können. Der Umweg um das ansonsten bewaldete Gebiet wäre zeitaufwendig gewesen.

Der Sprengstoff lagerte in Sperrmittelhäuschen, die sich etwa in Bimbach und bei Hosenfeld befanden. „Zuständig für die Sperren war der sogenannte Wallmeister. Im Ernstfall hätte ein Pioniertrupp den Sprengstoff aus den Depots geholt und ihn in die Schächte verbracht.“

Wie normale Gullydeckel

Um die Bevölkerung möglichst nicht zu beunruhigen, sehen die Trichtersperren von außen aus wie ein normaler Gullydeckel – bis auf das Kreuz. Dennoch hatten die Anlagen laut Schweimer für Aufsehen gesorgt, insbesondere bei der damals stark wachsenden Friedensbewegung.

„Man demonstrierte gegen alles, was mit dem Krieg zu tun hatte. In den Augen der Friedensbewegung war alles radioaktiv, auch die Trichtersperren, von denen vermutet wurde, dass sie nuklear gesprengt würden. Deshalb wurden Trichtersperren teilweise verfüllt oder mit einem roten Totenkopf markiert.“

Die Sorge vor Radioaktivität habe die Bevölkerung zwar gegen die Sperren mobilisieren können, war letztlich jedoch unbegründet. „Es hätte gar keinen Sinn ergeben, das eigene Land zu verseuchen“, merkt der 37-Jährige an.

300 Trichtersperren im Landkreis

Insgesamt gab es laut Schweimer zu Zeiten des Kalten Krieges etwa 300 Trichtersperren im Landkreis Fulda. Heutzutage sind die meisten von ihnen im Zuge von Straßensanierungen entfernt worden, was der Hosenfelder bedauert. „Solche Straßen gehören definitiv unter Denkmalschutz. Wir haben erreicht, dass die Trichtersperre auf der L 3139 als Bodendenkmal hinterlegt worden ist.“

Doch nicht nur die Trichtersperren, auch die Straße selbst ist ein Relikt des Kalten Krieges, wie Schweimer erläutert: „Auffallend ist der etwa 50 Zentimeter breite Betonstreifen am Rand der Fahrbahn, der auf eine militärische Nutzung hinweist.“

Selbst die Lage der Parkbuchten könnte mit den Sperren zu tun haben. „Auffallend ist, dass es diese Buchten häufig in etwa 300 bis 400 Meter Entfernung zu den Sperren gibt. Vielleicht waren sie als Sprengorte vorgesehen.“

Dass den meisten Autofahrern weder die Trichtersperren noch die breitere Fahrbahn auffallen dürften, hat für Matthias Schweimer eine gewisse Ironie. „Hier fahren täglich Tausende Leute drüber. Und trotzdem ist kaum einem bewusst, was hier einmal hätte passieren können.“

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