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Flüchtlingskinder kommen in Schulen an - Verständigung mit Händen, Füßen und Handy

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Von: Volker Nies

Seit wenigen Tagen gehen (vorn im Bild) Margarita und Anton in Eichenzell in die Schule. Dass sie gut ankommen, darum bemühen sich auch (hintere Reihe, von links) Emina Hodzic, Irina Obholz und Bianka Roth.
Seit wenigen Tagen gehen (vorn im Bild) Margarita und Anton in Eichenzell in die Schule. Dass sie gut ankommen, darum bemühen sich auch (hintere Reihe, von links) Emina Hodzic, Irina Obholz und Bianka Roth. © Volker Nies

Sie kommen aus einer Welt, in der rücksichtslos geschossen, gebombt und getötet wird. Jetzt sind die jungen Ukrainer, die im Landkreis Fulda Zuflucht gefunden haben, in Sicherheit. Damit sie wirklich ankommen, kümmern sich Lehrer und Schüler um sie. 

Fulda/Eichenzell - An der Von-Galen-Schule in Eichenzell (Landkreis Fulda) sind die beiden Mathe- und Physik-Lehrerinnen Lada Turovsky und Irina Obholz derzeit an allen Ecken und Enden gefragt: Die beiden Lehrerinnen sind in der Ukraine aufgewachsen und vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen.

Sie sprechen Russisch und Ukrainisch – und übersetzen für die neuen Schülerinnen und Schüler, wenn es wichtig wird. Viel Kommunikation gelingt auch ohne Dolmetscher. „Mit der Übersetzungs-App auf dem Handy und Händen und Füßen klappt das erstaunlich gut“, berichtet Bettina Faber-Ruffing.

Ukraine-Flüchtlinge in Fulda: Die Verständigung mit den Kindern funktioniert

Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. „Eigentlich ist das Handy im Unterricht tabu. Aber wenn es bei der Verständigung hilft, darf es jetzt natürlich genutzt werden“, erklärt sie. Der Krieg in der Ukraine bewegt die knapp 400 Schüler der Eichenzeller Haupt- und Realschule. Das zeigen zahlreiche Gedichte auf einer Pinnwand in der Pausenhalle.

Auch weil sie so aufgewühlt sind, kümmern sich die Schüler mit viel Energie um die Aufnahme der Schüler aus der Ukraine. „Wir werden jedem neuen Schüler einen Paten an die Seite stellen – einen Jugendlichen, der sich hier schon gut auskennt. Zum Glück sprechen an unserer Schule viele Schüler russisch“, berichtet Schulsprecherin Emina Hodzic.

Auf Initiative der Schülervertretung und der Lehrer werden in den Klassen jetzt Willkommenstaschen gepackt: Jede Klasse stellt eine Tasche mit einer langen Liste von Schulunterlagen zusammen – vom Füller bis zum Schnellhefter, von Blöcken bis zum Geodreieck –, die die neuen Schüler erhalten. 

Damit das Ankommen noch besser gelingt, enthält die Tasche drei kleine Süßigkeiten und eine von der Klasse selbst gestaltete Willkommenskarte. „Diese Aktion ist auch deshalb wichtig, weil sie den Schülern zeigt, dass sie konkret etwas tun und helfen können“, erklärt Verbindungslehrer Franz-Josef Haas.

Ukraine-Flüchtlinge in Fulda: Schon 120 Mädchen und Jungen aufgenommen

Schon angekommen sind die beiden Schüler Anton (11) aus der Nähe von Kiew und Margarita (fast 11) aus Charkov. Anton ist seit zwei Wochen in der Schule. Er floh mit seiner Mutter vor einem Monat aus der Ukraine. Sein Vater war da schon in Deutschland. „Früher war Mathe mein Lieblingsfach. Auch hier freue mich auf Mathe.“

Was ihn auch freut: Margarita spricht besser Englisch als er und springt ein, wenn ein bisschen Englisch hilft. Margarita hatte in ihrer Heimat in diesem Schuljahr sogar schon begonnen, Deutsch zu lernen. Die Von-Galen-Schule erwartet in den nächsten Tagen insgesamt 15 bis 20 Kinder und Jugendliche aus dem Kriegsgebiet – im Alter von 10 bis 15 Jahren. Nicht nur das Alter, auch der bisherige Bildungsstand ist unterschiedlich.

Hintergrund: Zuständigkeit

Ukrainische Schüler bis 15 Jahre, die im Landkreis untergekommen sind, melden sich bei ihrer Schule am Wohnort. Schüler, die jetzt in Fulda, Petersberg und Künzell leben, wenden sich an das Schulamt in Fulda (Josefstraße 22–26). Schüler ab 16 Jahre besuchen – unabhängig vom jetzigen Wohnort – die Richard-Müller-Schule in Fulda.

„Der Unterricht ist eine Riesenaufgabe – eine Aufgabe, der wir uns aber gern stellen“, berichtet Schulleiterin Bianka Roth. „Wir werden für diese Schüler eine eigene Intensivklasse bilden – oder vielleicht sogar zwei, denn in einer Intensivklasse sollen maximal 16 Kinder unterrichtet werden“, sagt Roth. Die Lehrerstunden dafür freizuschaufeln, wird nicht einfach, denn die Stundenpläne stehen ja.

Mit Schülern, die aus dem Ausland nach Eichenzell gekommen sind, hat die Von-Galen-Schulen bereits Erfahrungen gemacht: Sie unterrichtet derzeit zehn Schüler mit einer internationalen Vorbildung. Diese jungen Leute bekommen einige Stunden zusätzlichen Deutschunterricht, besuchen aber sonst eine Regelklasse. 

Video: Emotionaler Empfang - Geflüchtete Kinder werden mit Applaus begrüßt

In Stadt und Kreis Fulda ist die Zahl der Schüler aus der Ukraine weiter angestiegen. Mittlerweile sind es 120 Jungen und Mädchen, berichtet Schulamtsleiterin Marion VanCuylenburg (lesen Sie auch hier: 100 Kinder aus der Ukraine schon in den Schulen in Fulda aufgenommen).

Wenn die Eichenzeller Mathelehrerin Irina Obholz mit Margarita und Anton spricht, dann ist das für sie ein bisschen wie ein Zeitreise: „Ich bin auf der damals noch ukrainischen Krim aufgewachsen. Auch ich war elf Jahre alt, als ich 1997 nach Deutschland kam. Aber die Umstände waren zum Glück damals sehr viel friedlicher.“

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